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Interview mit Coletta Manemann: „Nährboden für Rassismus gibt es überall“

Interview mit Coletta Manemann : „Nährboden für Rassismus gibt es überall“

Bonn ist eine weltoffene Stadt, da ist sich die Integrationsbeauftragte Coletta Manemann sicher. Aber auch in der Bundesstadt gebe es rassistische Tendenzen. Im Gespräch mit dem GA gibt sie einen Einblick, wie sich diese äußern. Und inwieweit Corona einen Einfluss hatte.

Nach dem Tod von George Floyd nach einem Polizeieinsatz in Minneapolis sind auch in Bonn Bürger auf die Straße gegangen, um gegen Rassismus Flagge zu zeigen. Über Diskriminierung im Alltag und die schwierige Situation während des Corona-Lockdowns für Zuwanderer und Flüchtlinge sprach die Bonner Integrationsbeauftragten Coletta Manemann mit dem GA.

Frau Manemann, erleben Sie Rassismus in Bonn?

Coletta Manemann: Aus meiner Sicht ist Bonn eine weltoffene Stadt. Das zeigt auch die gute Beteiligung bei Anti-Rassismus-Veranstaltungen wie vor wenigen Wochen nach dem Tod von George Floyd in den USA. Aber auch in unserer Stadt gibt es einen Nährboden für Rassismus, wie es ihn vermutlich überall gibt. Und Rassismus betrifft alle mit dunkler Haut, anderer Sprache,  Kopftuch oder Kippa, egal ob reich oder arm, gebildet oder weniger gebildet, Ärzte oder Arbeiter.

Können Sie Beispiele nennen, konkrete Situationen?

Manemann: Ich fahre häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Da höre ich hier eine Bemerkung über eine Frau mit Kopftuch, dort eine über die Hautfarbe eines Fahrgastes, der gerade einsteigt. Es sind oft vermeintlich kleine Spitzen, Belehrungen, Herabwürdigungen, auch schärfere Töne, die im öffentlichen Raum zur Sprache kommen, auch in Geschäften übrigens. Ich reagiere oft, aber das müssen alle tun. Die meisten schweigen.

 Neben diesem Rauschen, das Sie wahrnehmen: Führt Rassismus auch zu konkreten Benachteiligungen?

Manemann: Natürlich, bestes Beispiel dafür ist die Wohnungssuche, die bei vielen bisweilen zur Resignation führt. Es ist ja schon grundsätzlich schwierig, in Bonn eine Wohnung auf dem engen Wohnungsmarkt zu finden. Bürgerinnen und Bürger  mit dunklerer Hautfarbe oder nicht deutsch klingenden Namen haben es noch einmal viel schwerer. Aber ich will betonen: Es gibt auch das genaue Gegenteil. Vermieter, die sich besonders offen zeigen. Sie sind aber doch eher in der Minderheit.

Sind Ihnen auch Diskriminierungen im Zuge der Corona-Pandemie zu Ohren gekommen?

Manemann: Ja, zu Beginn waren es Menschen mit asiatischem Hintergrund, die sofort eine gewisse Ablehnung gespürt haben, als die Öffentlichkeit vom Ausbruch des Virus in China erfuhr. „Daran seid ihr schuld.“  Solche Sätze mussten sich auch Bürgerinnen und Bürger aufgrund ihres Aussehens  anhören, deren Familien schon seit Generationen in Deutschland leben. Gleiches galt anschließend für Bonnerinnen und Bonner italienischer und spanischer Herkunft, als dort die Pandemie besonders heftig zuschlug.

 Fördert Angst Rassismus?

Manemann: Ich glaube nicht, dass das Angst war. Das Virus hat viele Leute einfach enthemmt, ihren unterschwelligen Rassismus gekoppelt mit Wut rauszulassen.

 Was unternimmt die Stabsstelle Integration der Stadt, um Rassismus zu bekämpfen?

Manemann: Eine ganze Menge. Es gibt eine Vielzahl von Projekten, die von der Kommune, aber oft auch vom Land oder dem Bund finanziert werden können. Das Kommunale Integrationszentrum (KI) unterstützt die „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“, das sind inzwischen 17 in Bonn. Gemeinsam mit dem Netzwerk Antidiskriminierungsarbeit gab es eine Ausstellung gegen Diskriminierung, und aktuell wird gemeinsam eine Antidiskriminierungskampagne mit Fotos in Bussen und Bahnen vorbereitet – mit Menschen, die von verschiedenen Diskriminierungsmerkmalen betroffen sind. Das KI bietet Fortbildungen an und vermittelt beispielsweise das richtige „Wording”, sensibilisiert also für Sprache, denn es ist ja nicht jedem bewusst, wie verletzend Worte sein können. Letzte Woche fand ein Webinar zu Rassismus in Coronazeiten statt. Bonn ist außerdem Mitglied in der Europäischen Städtekoalition gegen Rassismus.

Welche Rolle spielen Angebote für Kinder und Jugendliche?

Manemann: Eine ganze wichtige. Wir haben zuletzt gute Erfahrungen mit einem Demokratie-Projekt gemacht, das wir ein ganzes Schuljahr in einer Haupt-, einer Grundschule und einem Gymnasium durchgeführt haben und das wir fortsetzen und erweitern werden. Zu Demokratie-Buddies ausgebildete Studierende haben den Kindern vermittelt, was Demokratie im Alltag bedeutet. Es ging auch darum, ihnen zuzuhören. Dabei sind erstaunliche Ergebnisse herausgekommen. Schülerinnen und Schüler haben später berichtet, dass es für sie neu war, darüber zu sprechen, welche Rolle sie selbst für die Demokratie haben und wie sie sich und ihre Klasse dabei sehen. Und dass sie wichtig sind für die Demokratie!  Solche Projekte fördern aus meiner Sicht etwas ganz Wichtiges: Nämlich die Akzeptanz für die Meinung des anderen und den anderen anzuerkennen. Das Demokratie-Projekt ist übrigens ganz bewusst nicht nur für Zugewanderte, sondern für alle. Man sollte nicht davon ausgehen, dass Deutsche alles besser wüssten.

Wie viele Migranten leben zurzeit in Bonn?

Manemann: Statistisch gesehen hat etwa jeder Dritte einen Migrationshintergrund. Migrationshintergrund hat, wer aus einem anderen Land zugewandert ist oder wer als Deutscher mindestens einen ausländischen Elternteil hat. Wer also zugewanderte Großeltern hat, die Eltern aber Deutsche sind, wird statistisch als Deutscher betrachtet.

 Halten Sie es überhaupt für sinnvoll, solche Zahlen zu erfassen?

Manemann: Das finde ich schon. Denn es geht ja darum, Probleme und Lücken in Bereichen wie Bildung, Arbeit, Stadtentwicklung, Integration erkennen und beheben zu können. Auch die Schülerstatistiken sind wichtig. Der Anteil von zugewanderten Kindern an Haupt-und Realschulen ist weiterhin wesentlich höher als an Gymnasien. Die Gesamtschulen geben ihnen deutlich mehr Chancen das Abitur abzulegen.

 Derzeit diskutiert die Öffentlichkeit wieder, ob das Wort „Rasse“ nicht aus dem Grundgesetz herausgestrichen werden sollte. Was meinen Sie dazu?

Manemann: Ich unterstütze diese Forderung. Es gibt keine Rassen. Es gibt Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft. So sollte es auch im Grundgesetz stehen.

 Ist die mit dem Shutdown einhergehende Schließung der Schulen für Migranten besonders schwierig gewesen?

Manemann: Mit Sicherheit: Das fängt schon mit der fehlenden Ausstattung an. Nicht jeder hat einen PC, Laptop, Drucker, Patronen oder vernünftiges WLAN.  Und in vielen Familien fehlen die Sprachkenntnisse, um den Kindern bei den Schularbeiten zu helfen. Oft ist die von Lehrerinnen und Lehrern verwendete Bildungssprache ihnen nur schwer verständlich. Damit hat sogar mancher Deutsche Schwierigkeiten.

 Das dürfte in noch größerem Maße für Flüchtlinge der Fall sein, die ja größtenteils erst ab 2014 nach Bonn kamen.

Manemann: Bei Flüchtlingsfamilien kommt die ebenfalls oft sehr beengte Wohnsituation dazu. In den Wohnheimen und Wohncontainern hat sich die Situation zwar etwas entspannt, weil kaum noch Flüchtlinge nach Bonn kommen und andere mittlerweile eine Wohnung finden konnten. Dennoch ist das kein idealer Ort fürs Lernen. Das gilt nicht nur für Kinder und Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Viele junge Geflüchtete haben in dieser Zeit mit dem Handy gearbeitet, auf ganz kleinem Bildschirm also.

 Der Sprachunterricht geriet sicher ins Stocken, oder?

Manemann: Es konnte ja kein Unterricht von Angesicht zu Angesicht stattfinden. Das hat viele Flüchtlinge zurückgeworfen. Neben dem Sprachunterricht sind die Treffen in Begegnungscafés und mit ehrenamtlichen Unterstützern  von großer Bedeutung, um die deutsche Sprache wirklich gut beherrschen zu lernen. Solche Begegnungen waren ja über Monate hinweg nicht möglich.

 Welche Auswirkungen hatte der Lockdown auf die Arbeit der Flüchtlingshilfe?

Manemann: Die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe, die in Bonn sehr aktiv ist, lag in dieser Zeit praktisch brach. Nun können die Angebote langsam wieder beginnen. Aber unter einem solchen plötzlichen Abbruch leidet natürlich das Engagement. Deshalb werden wir als Stabsstelle Integration nach den Sommerferien noch einmal zu einer Veranstaltung einladen, um für die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe zu trommeln.

Gelingt die Integration in den Beruf?

Manemann:  Handwerkskammer, Industrie- und Handelskammer, Flüchtlingsarbeit und viele weitere sitzen mit am Tisch, wenn es um Fragen der beruflichen Integration geht. Aus meiner Sicht läuft das gut. Das Land unterstützt mit dem Programm „Gemeinsam klappt’s“ besonders junge Geflüchtete zwischen 18 und 27 Jahren mit beratenden Teilhabemanagern und zusätzlicher Sprachförderung vor Ort. Denn auch hier sind gute Sprachkenntnisse ein wichtiger Schlüssel. Viele glauben gar nicht, welche Hürde die berufsspezifische Sprache für geflüchtete Migranten sein kann.