Theater am Ballsaal "Nahverkehr": ein Stück über Sexualität und Behinderung

BONN · Der Mann im Rollstuhl bäumt sich auf. Dann schreit er es messerscharf heraus: "Vor der Bettkante ist eben Schluss mit Inklusion." Das sitzt.

Legt größten Wert auf die Würde der Schauspieler: das Stück Nahverkehr im Theater am Ballsaal.

Legt größten Wert auf die Würde der Schauspieler: das Stück Nahverkehr im Theater am Ballsaal.

Foto: Werner Meyer

Dabei hat dieser Kämpfer, der nicht laufen kann, doch vorher noch inständig auf Berührung, Liebe, Partnerschaft gehofft. "Was soll ich noch sagen? Bitte, bitte hab' mich lieb", hat er in diesem Theaterstück, das am morgigen Freitag ins Theater am Ballsaal kommt, gestöhnt.

"Nahverkehr" heißt das Projekt der Regisseurin Barbara Wachendorff, das gleich zwei Tabus, nämlich Sexualität und Behinderung, munter aufeinanderprallen lässt. Wie sehen Sexualität und erotische Abenteuer eigentlich bei Menschen mit Behinderung aus? Welche Wünsche und Träume wollen verwirklicht werden?

Und nicht zuletzt: Wie steht die ach so tolerante Gesellschaft dann real zum Grundrecht der sexuellen Selbstbestimmung und Selbstverwirklichung aller Menschen, wenn Behinderte es einfordern?

Blinde, Gehörlose sowie Menschen mit geistigem oder körperlichem Handikap sind in diesem frappierenden Stück die entscheidenden Ideengeber und Hauptdarsteller. Sie werden auf der Bühne von zwei professionellen Schauspielern begleitet. Per Casting hat Wachendorfff, die als langjährige Schauspielerin irgendwann einmal "nicht nur mit Hamlets" im Rampenlicht stehen wollte, acht mutige Behinderte gefunden.

Die waren bereit, innerhalb des NRW-Kulturfestivals "Sommerblut 2014" genau ihre Erfahrungen und Erlebnisse in den szenisch-erzählerischen Raum zu bringen. "Inklusion hin und her. Am Thema Erotik zeigt sich, wie weit die Verwirklichung unserer Grundrechte schon im Leben von Behinderten angekommen ist", meint Wachendorff, die sich zuvor schon den ebenso diffizilen Theaterthemen Demenz, Obdachlosigkeit und Analphabetismus gestellt hat und diverse Preise erhielt.

"Sie hat mich geküsst, am ganzen Körper", wird im neuen Stück die Begeisterung des gehörlosen Darstellers übersetzt. Und das Glück über diese so ersehnte Nähe springt aus jeder kleinen Geste des Mannes. "Wenn man liebt, dann spielt die Behinderung doch gar keine Rolle", sagt die selbstbewusste Frau daneben.

Und erst im Scheinwerferlicht sieht man, dass sie keine Arme hat. Auch ihr selbst sei es anfangs schwer gefallen, dieser Darstellerin die Hand, nein den Handstumpf zu schütteln, gibt Regisseurin Wachendorff frank und frei zu, wie weit die Barrieren im Kopf doch wirken.

Und sie berichtet auch von traurigen Ergebnissen. Dass nämlich in der Erlebniswelt von Behinderungen ein regelrechtes Ranking der Liebe, ein erotischer Marktwert zu existieren scheint: Der Blinde oder der Gehörlose findet eher eine Partnerin als der Rollstuhlfahrer, der, der die Grenzen der Inklusion so erbarmungslos in den Theaterraum hineinschreit.

Dabei bewahrt das tief eindrückliche Stück in jeder Szene die Würde seiner Darsteller. "Nackte Tatsachen? Im Gegenteil, die Schamgrenzen bleiben gewahrt. Provokation und Voyeurismus wären ja der falsche Weg", betont die Regisseurin. Es gebe nur einen klitzekleinen Striptease, und der sei absolut liebenswert.

Wachendorffs Schauspieler treten selbstbewusst auf, zeigen, dass sich jeder begehrenswert und schön fühlen darf. Auch wenn er sich nicht akustisch artikulieren kann. Wie der junge Mann, dessen Hohes Lied der Liebe in Gebärdensprache jedem Zuschauer kalte Schauer über den Rücken jagen dürfte.

Das Theaterprojekt

Das Theaterprojekt "Nahverkehr" ist Bestandteil von "Sexistenz", dem multipolaren Sommerblut-Programm 2014, das im Mai in vielfältigen Aufführungen über die Bühnen mehrerer Städte ging.

"Nahverkehr" wird letztmalig am Freitag, 23. Mai, 20 Uhr, im Theater im Ballsaal Bonn, Frongasse 9, 53121 Bonn, aufgeführt. Karten gibt es zu 14 und neun Euro in den Bonnticket-Shops der GA-Verkaufsstellen.

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