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GA-Zeitzeugengespräch: Neben ihr betete ein Kriegsgefangener

GA-Zeitzeugengespräch : Neben ihr betete ein Kriegsgefangener

Sie saßen zitternd auf dem Boden des provisorischen Bunkers im Garten: eine Handvoll Menschen, die sich aus der einen bis dato nicht von den Bomben getroffenen Kaserne an der Rheindorfer Straße in diesen Bunker gerettet hatten.

"Ich sehe das alles noch vor mir, die Zementmauern, und draußen heulten die Sirenen", erzählt Herta Belau über den Morgen des 18. Oktober 1944, als der für Bonn schlimmste Luftangriff der Briten die Innenstadt zerstörte und 400 Menschen tötete.

Die damals 22-jährige Herta Belau war gerade Witwe geworden. Die Jugendliebe aus Mehlem war kurz vorher an der Front gefallen. "Wir waren nur neun Monate verheiratet", sagt die alte Frau mit klangloser Stimme. Und dann der Daueralarm und der Bombenhagel der britischen Kampfflieger. Gerade noch war die junge Frau aus dem engen Bunker nach draußen gekrochen. "Ich wollte nicht mit den Männern da hocken bleiben. Da sah ich aber schon wieder neue Bomben vom Himmel kommen und bin schnell wieder hineingeflüchtet."

Im letzten Kriegsjahr war die junge Frau, die bei Teppich-Schlüter im Sekretariat arbeitete, in die Kasernen an der Rheindorfer Straße zwangsverpflichtet worden. In der Kleiderkammer hatte sie die Buchhaltung zu führen. Auch an diesem für Bonn so schrecklichen Mittwochmorgen saß Herta Belau über den Akten, als sie, vom Sirenengeheul aufgeschreckt, in den Kasernengarten losrannte.

Die Minuten der Angst zogen sich endlos hin. Würde eine der pfeifenden Bomben gerade hier einschlagen? "Da hörte ich, wie jemand neben mir pausenlos murmelte", berichtet Herta Belau. Ein russischer Kriegsgefangener bangte hier wie die anderen um sein Leben und suchte Trost im Gebet.

Dann schienen die Flieger über Bonn verschwunden zu sein. Doch keiner habe die Erlaubnis gehabt, das Kasernengelände zu verlassen, so Belau. Aber sie habe unbedingt zum Elternhaus gewollt. Wenn sie nun über den Exerzierplatz gelaufen wäre, hätte man sie bei der Flucht erwischt. Also habe sie sich nach bangen Stunden zum sogenannten Brandenburger Tor geschlichen, einer defekten Stelle im Zaun, die schon so manchem Soldaten nachts zur heimlichen Rückkehr in die Kaserne verholfen hatte.

Herta Belau lief, so schnell sie konnte, allein durch die brennenden Straßen, um nach Bad Godesberg zu gelangen. "Überall Feuer. Am Neutor, wo ich ja sonst gearbeitet hatte, kam ich nicht durch. Im Feinkostgeschäft nebenan brannte das gesamte Fett", sieht sie noch heute die Horrorszenen vor Augen. Sie wollte zurück in die Küche ihrer Eltern in der Wörthstraße, die der Vater in den geschützten Keller verlegt hatte. "Da fühlten wir uns sicher." Das Schicksal habe es gut mit ihr gemeint. Sie habe jeden Bombenangriff in Bonn überlebt. Aber jedes Mal, wenn es Geschosse hagelte, sei sie in der Innenstadt bei der Arbeit gewesen und habe das Leid hautnah miterlebt.

An diesem 18. Oktober 1944 wandte sich die junge Witwe also am späten Nachmittag von der Altstadt, in der immer mehr Häuser in Flammen zusammensanken, Richtung Universität. Die damalige Koblenzer Straße, also die heutige B 9, war ihr Ziel. Durchs Koblenzer Tor gelang der 22-Jährigen die Flucht Richtung Süden. Zu Fuß schaffte sie es bis zum Abend nach Hause - und traf auf völlig entsetzte Eltern.

Sie waren in Godesberg weit weg vom Geschehen, hatten sich in ihrer Kellerküche verbarrikadiert. Sie hätten nicht geglaubt, dass die Alliierten wirklich Bomben über Bonn abwerfen würden. "Und dann blickten sie auf meine Schuhe und sahen, dass die Sohlen völlig verbrannt waren."

Sie war noch 46 Jahre berufstätig als Finanz- und Personal-Buchhalterin. Im Krieg Witwe geworden, heiratete sie noch zweimal. Sie lebt in Bad Godesberg.

Wenn Sie Fotos aus dieser Zeit besitzen oder Ihre Erlebnisse schildern möchten, senden Sie uns eine E-Mail an bonn@ga.de oder schreiben Sie einen Brief an General-Anzeiger 53100 Bonn. Stichwort: "Zeitzeugen"