Appartment für Obdachlose Neustart in der eigenen Wohnung

Bonn · Der Bonner Verein für Gefährdetenhilfe (VfG) setzt sein Projekt unter dem Stichwort „Housing First" fort. Der VfG hat zwei neue Appartements gekauft und an Wohnungslose vermietet. Aus Sicht des VfG ist es erst der Anfang: Mehr als 80 Menschen leben in der Bundesstadt noch auf der Straße.

 Zwei neue Appartements hat der Verein für Gefährdetenhilfe gekauft. Und es sollen weitere folgen.

Zwei neue Appartements hat der Verein für Gefährdetenhilfe gekauft. Und es sollen weitere folgen.

Foto: VFG

Endlich hat er seine Ruhe. Stefan, seinen Nachnamen will er nicht nennen, lebt als früherer Obdachloser seit dem 15. Oktober in seinen eigenen vier Wänden. „Nach der Arbeit kann ich meine Tür zumachen.“ Kein Lärm, keine Nachbarn, die spontan in der Tür stehen, keine Polizeieinsätze am frühen Morgen. Stefan ist in eines der beiden neuen „Housing First“-Appartements eingezogen, die der Verein für Gefährdetenhilfe (VfG) Bonn erworben hat.

Die Polizeieinsätze hatte er in der Notunterkunft Haus Sebastian miterlebt. Dort hatte er zwei Jahre lang gewohnt. „Davor habe ich eineinhalb Jahre draußen im Zelt gelebt“, erzählt er. Und das, während er tagsüber gearbeitet hatte. Das Geld, das er verdient hatte, reichte ihm zufolge aber nicht, um eine Wohnung zu bezahlen – und seine Lebenssituation machte ihm die Wohnungssuche auch nicht leichter. „Oft gibt es die Situation, dass die Vermieter keine Wohnungen an Obdachlose vergeben“, erklärt Laura Dörken vom VfG.

Insgesamt vier Appartements in Bonn

Nelly Grunwald von der Beratungsstelle des Vereins hatte Stefan angesprochen und gefragt, ob er in ein neues Appartement einziehen wolle. Davon gehören dem Verein jetzt insgesamt vier in Bonn, die dieser eigentlich an Langzeit-„Draußenschläfer“ vermietet. Aber Stefan war ein Sonderfall, weil er ja eine feste Arbeit hat. Er kann sich jetzt in seine kleine Bude zurückziehen. „Ich kann entspannter an meine Arbeit rangehen und Termine wahrnehmen“, sagt er. „Da habe ich mich direkt dran gewöhnt.“

Jetzt trifft er andere Hausbewohner im Treppenhaus, man grüßt sich, hat sonst nichts miteinander zu tun, keiner weiß, dass er mal auf der Straße gelebt hat. „Das sind ja genauso Mieter wie alle anderen auch“, betont Grunwald. Keine Diskriminierung und keine Ablehnung, er bewegt sich ganz normal zwischen den anderen Menschen. So soll es sein, sagt Dörken, und deshalb fördert der Verein die dezentrale Unterbringung der Obdachlosen in regulärem Wohnraum.

Derzeit mehr als 80 Obdachlose in Bonn

Da ist noch viel zu tun. Laut Grunwald leben in Bonn mehr als 80 Menschen auf der Straße. „Das macht mit den Menschen etwas“, sagt sie. Deshalb wirbt Ejo Zimmermann vom VfG um Unterstützung. Und er rechnet vor, wie sich jeder der etwa 333.000 Einwohner der Stadt (Stand 31. Dezember 2020) beteiligen könnte: „Wenn jeder erwachsene Bonner fünf Euro geben würde, könnten wir 21 Obdachlose unterbringen.“ Mit dem Gesamtbetrag könnte der VfG weitere Wohnungen kaufen. Es sei aber schwierig, Wohnungen zu Preisen zu finden, die der Verein auch bezahlen kann. Geld kommt von der VfG-Stiftung und aus dem „Housing First“-Fonds, „solange der noch Geld hat“.

Das Projekt wurde von November 2017 bis Ende November 2020 gemeinschaftlich vom paritätischen Wohlfahrtsverband NRW und dem Düsseldorfer Verein der Wohnungslosenhilfe fiftyfifty/Asphalt durchgeführt, der auch die gleichnamige Wohnungslosenzeitschrift herausgibt. Die Geldmittel kamen über den Verkauf von Kunst, unter anderem von Gerhard Richter und Thomas Struth, zusammen. Von dem Geld wurde der Ankauf von Wohnungen unterstützt, auch in Bonn, wo die erste Wohnung 2019 bezogen wurde.

Die Wohnungen sind jetzt laut Grunwald „auf unendliche Jahre für den Kreis Wohnungsloser bestimmt“. Wenn Stefan auszieht, zieht ein anderer ein. Wer günstige Wohnungen mit 25 bis 40 Quadratmetern Größe hat – größer ist gar nicht nötig –, die er verkaufen möchte, kann er sich an die VfG-Stiftung wenden, der Kontakt ist über die Internetseite www.vfg-bonn.de möglich. Aber auch Spenden für den Fonds sind jederzeit willkommen: Weitere Informationen dazu gibt es auf www.housingfirstfonds.de.

Tausche Auto gegen Freiheit
Ehepaar aus Meckenheim steigt um Tausche Auto gegen Freiheit