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Wohnzimmerkonzert mit Jazz-Musik: Nur 30 Zentimeter zum Publikum

Wohnzimmerkonzert mit Jazz-Musik : Nur 30 Zentimeter zum Publikum

In der Südstadt lädt Michèle Lichte regelmäßig zu Kunst und Musik in ihr Wohnzimmer.

Vor dem schmucken Altbau an der Goethestraße 33 bremst ein Passant seinen Schritt. Jazz dringt durch ein geöffnetes Fenster im Hochparterre. Klaviermusik begleitet kehligen, entspannten Gesang, der wundersam nah klingt. Kann das Radio sein? Oder CD? Dann sind Applaus, Begeisterungsrufe und leises Geraune zu hören, bevor das nächste Lied beginnt, und es wird klar: Da findet gerade ein Live-Konzert an ungewohntem Ort statt.

Gastgeberin ist Michèle Lichte, Grundschulpädagogin, Pensionswirtin, Mutter dreier Kinder, Sängerin im Bonner Jazzchor, Bloggerin und Kultur-Netzwerkerin. Alle ein bis zwei Monate öffnet sie ihr behagliches Wohnzimmer für Ausstellungen, Konzerte oder Lesungen, stellt Getränke, Gläser und Schalen mit Nüsschen auf den langen Tisch im angrenzenden Esszimmer und freut sich, wenn die neugierig eintreffenden Gäste sich um ihre Künstler scharen.

Der Eintritt ist frei, und kommen darf jeder, eine kurze Voranmeldung per Mail allerdings erleichtert ihr die Vorbereitung. "Es sind von Mal zu Mal mehr Leute darunter, die ich noch nie gesehen habe, das ist ein witziges Gefühl. Ich hoffe dann immer nur, dass wir auch diesmal noch genügend Stühle zusammenbekommen." Beim Konzert des dänischen Liedermachers Morten Kier hat es gerade so gereicht, nur wenige Zuhörer spähen stehend aus dem Nebenraum herüber. Die anderen lauschen auf dem Sofa und Sesseln, auf Esszimmer- und Terrassenstühlen, auch der Kinderstuhl von Tochter Emilia wurde umgenutzt.

Der Abstand zum Künstler am eleganten Flügel beträgt vielleicht 30 Zentimeter, er aber fühlt sich nicht eingeengt, sondern angeregt. "Das ist hier privater Raum, und im Privaten benehmen die Leute sich anders. Sie sind sehr zugewandt, und wenn man als Künstler etwas Neues abseits der großen Bühne ausprobieren will, ist das ein perfekter Rahmen dafür."

Lichte weiß, dass sie "ihren" Künstlern im Vergleich zu Theatern oder Galerien nur wenig Publikum bieten kann. Ab 25 Leuten ist ihr Wohnzimmer gut gefüllt, bei mehr als 40 wird es eng. Dafür kommen Menschen, die das Gesehene und Gehörte intensiv auf sich wirken lassen: "Kathrin Anne Blomeier, die Malerin, deren Bilder hier gerade noch hängen, hat sich gefreut, dass so viele interessierte Fragen kamen. Die Hemmschwelle zur Kunst ist einfach niedriger so."

Susanne Beinert wohnt in der Nachbarschaft und hat seit dem Start der abendlichen Veranstaltungen im vergangenen November noch keine verpasst. "Ich genieße es sehr, dass man hier Kultur teilen kann mit ganz bunt zusammengewürfelten Leuten. Die Atmosphäre ist wunderbar." Lobende Worte finden sich auch im Gästebuch, das auf der Anrichte ausliegt: "Salonkultur! Erstens: in Bonn. Zweitens: im 21. Jahrhundert - wunderbar." Gleich daneben steht dezent ein kleines Sparschwein für den Getränkezuschuss - damit noch viele weitere Abende folgen können.

i Das nächste Konzert findet am Donnerstag, 23. Oktober, statt. "Marion & Sobo", Gesang und Gitarrenmusik von einem jazzigen Duo, das internationale Sprachen und Musikstile mischt. Infos und Anmeldung auf www.citypensionbonn.de