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Prozess in Bonn: Lehrer gesteht sexuellen Missbrauch von Kindern

Prozess am Landgericht Bonn : Lehrer aus dem Rhein-Sieg-Kreis gesteht sexuellen Missbrauch von Kindern

Ein Lehrer aus dem Rhein-Sieg-Kreis hat vor dem Bonner Landgericht mehrfachen sexuellen Missbrauch von Kindern gestanden. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm sexuellen Missbrauch in mehr als 100 Fällen vor.

Angefangen hatte alles auf einem Feriencamp im Sommer 2014: Als Betreuer verliebte sich der damals 24-jährige Student der Mathematik in einen Zehnjährigen. Obwohl der angehende Pädagoge wusste, dass das verboten war, ließ er sich zu sexuellen Übergriffen an dem Kind hinreißen: „Ich habe das lange als Liebesbeziehung angesehen“, räumt der heute 30-Jährige, der aus dem rechtsrheinischen Rhein-Sieg-Kreis stammt, am Dienstag auf der Anklagebank des Bonner Landgerichts ein. „Heute verstehe ich, dass es Unrecht war“, sagt er – und entschuldigt sich wiederholt bei den Opfern. Am Dienstag war Prozessauftakt vor einer Bonner Jugendschutzkammer.

Sexueller Missbrauch in mehr als 104 Fällen wirft die Staatsanwältin dem Angeklagten vor; allein in 90 Fällen zu Lasten des zehnjährigen Schülers. Denn nach dem Sommercamp trafen sich beide fast dreieinhalb Jahre lang: Entweder in der Heimatgemeinde des Jungen oder in Bochum, wo der Angeklagte damals studierte. In 30 Fällen, mehr nicht, sei es zu sexuellen Handlungen gekommen, räumte er ein. Für seinen furchtbaren Fehler wollte er ein Schmerzensgeld zahlen, aber die Eltern des heute 17-Jährigen haben abgelehnt: Sie wollen keinerlei Kontakt mit dem Angeklagten haben.

Mit dem 14. Lebensjahr des Jungen hatten sich die Wege getrennt: Dennoch kam der alte Fall Jahre später durch eine Hausdurchsuchung ans Tageslicht. Denn ab März vergangenen Jahres loggte sich der Lehrer, der bereits verbeamtet war, in Online-Videospiele – beispielsweise „World of Tanks“ – ein und nahm mit minderjährigen Mitspielern Kontakt auf. Später forderte er die Kinder – laut Anklage – auf, in den privaten Whatsapp-Chat zu wechseln, pornografische Nacktfotos von sich zu machen und ihm diese zu schicken.

Die vier bundesweit betroffenen Schüler waren zur Tatzeit neun, zwölf und 13 Jahre alt. Aufgeflogen ist der Lehrer durch die Mutter eines der Jungen, der in Leipzig lebt: Sie hatte ihren Sohn beim delikaten Chat mit dem Handy erwischt, ihn zur Rede gestellt und den Fall angezeigt, der weitere Pornochats und eben auch den Altfall aufgedeckt hat.

Angeklagter berichtet von Demütigungen durch Mutter

Auch diese Vorwürfe hat der Angeklagte am Dienstag eingeräumt: „Reine Neugier“, gab er als Grund an, niemals habe er – aus damaliger Sicht – jemanden unter Druck setzen, schon gar nicht jemandem schaden wollen. Heute wisse er, „dass das falsch war“. Mit dem Geständnis hofft der Lehrer, dass alle Opfer nicht mehr als Zeugen im Prozess auftreten müssen.

„Was ist denn schiefgelaufen?“, will der Kammervorsitzende Wolfgang Schmidt-Justen wissen. Dann erzählt der 30-Jährige, der seine Tränen unter dem Mundschutz versteckt hält, wie er von seiner Mutter jahrelang gedemütigt und misshandelt wurde: mit Teppichklopfer, Gürtel und auch Besenstiel, der auf seinem Rücken zerbrach: „Ich glaube“, sagt er zögernd, „ich habe Liebe und Zuneigung gebraucht.“ Gefehlt habe auch eine Vaterfigur. Seinen eigenen habe er erst vor fünf Jahren kennengelernt.

Der pädophile Lehrer wurde – als die Vorwürfe bekannt wurden – umgehend aus dem Schuldienst entlassen. Auch hier war bereits aufgefallen, dass er zu wenig Distanz zu seinen Schülern hatte, sie wie Kumpels behandelte. Irgendwelche Übergriffe an dem Gymnasium sind jedoch nicht bekannt.