Landgericht in Bonn Prozess um die Insolvenz von Teldafax startet zum zweiten Mal

BONN · Es sind 34 Verhandlungstage fest terminiert. Und danach soll immer dienstags und freitags weiterverhandelt werden - bis zum Jahresende. Der Prozess um die Pleite des Troisdorfer Energiekonzerns Teldafax beginnt heute erneut vor dem Bonner Landgericht.

Die drei ehemaligen Vorstandsmitglieder Klaus B., Dr. Gernot K. und Michael J. müssen sich wegen Insolvenzverschleppung, gewerbsmäßigen Betruges in 241 Fällen und Bankrotts in vier Fällen verantworten. Die Anklage geht davon aus, dass der Insolvenzantrag im Jahr 2011 zwei Jahre zu spät gestellt wurde - denn Teldafax sei durch Steuernachforderungen in Millionenhöhe schon seit Sommer 2009 zahlungsunfähig gewesen.

Im Februar vergangenen Jahres war der Prozess bereits am zweiten Verhandlungstag geplatzt. Die Verteidiger hatten gerügt, dass die Einrichtung einer Hilfswirtschaftsstrafkammer nicht rechtens gewesen sei, da eine dauerhafte Überlastung der regulären Wirtschaftsstrafkammer vor allem aufgrund der Verfahren rund um das World Conference Center Bonn (WCCB) erkennbar gewesen sei. Inzwischen wurde vom Präsidium des Gerichts eine weitere reguläre Wirtschaftsstrafkammer eingerichtet. Diese wird nun den Fall Teldafax verhandeln.

Die Insolvenz des Strom-Discounters war - gemessen an der Zahl der Gläubiger - damals die größte Firmenpleite der deutschen Geschichte: 500.000 Geschädigte stellen Ansprüche. Teldafax galt als größter konzernunabhängiger Energiehändler Deutschlands. Das Troisdorfer Unternehmen beschäftigte rund 700 Mitarbeiter.

Der vor dem Gericht angeklagte Schaden beläuft sich lediglich auf 185.000 Euro. Der tatsächlich angefallene Schaden ist wesentlich höher - allerdings wurde aus prozessökonomischen Gründen nur eine Auswahl von Schäden bei betroffenen Kunden angeklagt. Hintergrund der Teldafax-Pleite ist ein riskantes Geschäftsmodell: Über Jahre hatte das Unternehmen Kunden mit Niedrigstpreisen geködert. Die günstigen Tarife wurden mit den Vorauszahlungen einer immer größeren Zahl von Neukunden finanziert. Fachleute nennen das Schneeballsystem. Die ehemalige Marketing-Geschäftsführerin hat bereits einen Strafbefehl akzeptiert.

Der Teldafax Energy GmbH sei durch die Vorauszahlungen zwar erhebliche Liquidität zugeflossen, so das Bonner Gericht. Den Angeklagten sei aber bewusst gewesen, dass die angebotenen "Paketpreise" insgesamt nicht kostendeckend gewesen seien und sich die wirtschaftliche Lage der Holding und ihrer Tochtergesellschaften durch die abgeschlossenen Verträge weiter verschlechtern würde.

In den von der Staatsanwaltschaft Bonn angeklagten 106 Fällen sei den Kunden ein Schaden in Höhe von insgesamt knapp 86.000 Euro (zwischen 67 Euro und 2600 Euro im Einzelfall) entstanden.

In weiteren 135 Fällen hätten die Angeklagten eine verzögerte Bearbeitung von Rückzahlungsforderungen und einen Schaden von weiteren knapp 98.000 Euro (zwischen 200 Euro und 1080 Euro) zu verantworten. Schließlich sei seit 2008 keine ordnungsgemäße Bilanz über das Vermögen der Holding aufgestellt worden; die Buchführung habe seit Mitte 2009 nicht mehr den Grundsätzen entsprochen.

Unabhängig von der strafrechtlichen Aufarbeitung der Pleite läuft das normale Insolvenzverfahren des Unternehmens weiter. In der Kanzlei des Düsseldorfer Insolvenzverwalters Binar Bähr haben die Mitarbeiter noch gut zu tun: "Das Insolvenzverfahren wird keinesfalls vor 2017 abgeschlossen sein", sagt Sprecher Wolfgang Weber-Thedy.

Einerseits gab es mehr als eine halbe Million Kunden, denen Teldafax etwas schuldete. Andere Kunden hingegen müssen dem Unternehmen in Nachhinein noch etwas zahlen. Und es habe auch Mischformen gegeben. Dieses Geld muss der Insolvenzverwalter jetzt eintreiben. "Es gab 1500 Vertragsvariatanten", sagt Weber-Thedy.

Die Mitarbeiter, die durch die Teldafax-Pleite arbeitslos wurden, haben überwiegend recht reibungslos neue Jobs gefunden, sagt der Sprecher der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg, Lars Normann. Bei rund 100 sei der Arbeitgeberservice der Agentur vermittelnd tätig gewesen. Viele Beschäftigte seien aus dem Außendienst gewesen und hätten auch dort wieder Jobs gefunden.

Etwas länger dauerte es, bis die Bürogebäude, die Teldafax in Troisdorf gemietet hatte, einen neuen Nutzer gefunden hatten. "Die Stadt ist kein klassischer Bürostandort, sondern eher für seine Industrie bekannt", sagt Wirtschaftsförderer Jürgen Sturm. Doch jetzt seien die Büros an eine Medizintechnik-Firma und Kanzleien vermietet.

Seinen Rekordstatus in Sachen Insolvenzgröße hat Teldafax mittlerweile an einen Branchenkollegen abgegeben. Gemessen an der Zahl der 835 000 Gläubiger ist die Insolvenz der Flexstrom-Gruppe 2013 noch aufsehenerregender. Beide Verfahren schreiben Wirtschaftsgeschichte.

Richtig wechseln

Nach den Pleiten von Teldafax und Flexstrom wollen sich viele Verbraucher erst gut über einen neuen Anbieter informieren, bevor sie ihren Strom- oder Gasliefervertrag kündigen und wechseln. Dabei ist die Internetseite www.energieanbieterinformationen.de des Bundes der Energieversorger eine gute Hilfe, empfiehlt die Stiftung Warentest.

Kunden erfahren dort, wem eine Energiefirma gehört, welche Marken dazugehören, wie viele Beschäftigte sie hat oder wie hoch das letzte veröffentlichte Betriebsergebnis war. Die Seite stellt vor allem Anbieter mit niedrigen Preisen vor.

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