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Radfahrer und Fußgänger in Bonn: Konflikte wegen zu wenig Platz

Zu wenig Platz : Konflikte zwischen Radlern und Fußgängern in Bonn

In der Stadt kommen sich Radfahrer und Passanten immer wieder in die Quere. Im vergangenen Jahr gab es 46 Unfälle. Eine Initiative fordert, den Raum neu aufzuteilen.

Bisher ist er noch nicht von einem Radfahrer angefahren worden. Darüber wundert sich Wolfgang Guting fast schon ein bisschen. Der 67-Jährige wohnt in der Straße Rosental. Für Arbeiten an einem Abwasserkanal hat die Stadt die komplette Straße gesperrt. Auf der einen Seite können Fußgänger fast den kompletten Gehweg nutzen, auf der anderen lässt der Bauzaun ihnen ungefähr einen Meter Platz. Auf dieser Seite wohnt Guting. Vor ein paar Jahren hat er sich das linke Sprunggelenk mehrfach gebrochen. Seitdem ist er nicht mehr so gut zu Fuß.

Langsam kommt er die Treppe aus seiner Wohnung herunter. An der Haustür muss er noch mal ein paar Stufen nehmen, bis er auf dem Gehweg ist. „Oft muss ich mich dabei an der Wand festhalten“, sagt Guting. Manchmal lande er dann auch mit ein bisschen viel Schwung auf dem Gehweg. Er hat Sorge, dass er dabei mal mit einem der Radler zusammenknallt, die auf dem Gehweg unterwegs sind. Zweimal hätten sie ihn fast erwischt. Öfters habe er Radfahrer darauf angesprochen, dass sie dort nicht fahren dürfen. „Da habe ich keine positiven Reaktionen bekommen“, sagt er.

Dann hat er beim Straßenverkehrsamt angerufen. Ob es nicht möglich sei, ein Schild „Radfahrer absteigen“ aufzustellen? Das Tiefbauamt, das für Schilder an Baustellen verantwortlich ist, habe  geantwortet, dass es so ein Schild nicht gebe. Das Schild existiert aber. Das Presseamt teilt dazu in einer E-Mail mit: „Die Stadt stellt es grundsätzlich nicht auf.“ Und weist darauf hin: „Wenn ein Gehweg nicht per Beschilderung für den Radverkehr freigegeben ist, muss das Rad geschoben werden.“

Beim Besuch vor Ort zeigt sich, viele Radfahrer halten sich nicht daran – viele aber schon. Wolfgang Linden steigt an der Baustelle ab und schiebt auf dem Bürgersteig. Der 71-Jährige fährt auch mal auf dem Gehweg,  „solange ich keinen Fußgänger gefährde“, sagt er „Es geht nicht darum, Regeln einzuhalten, sondern um Rücksichtnahme.“ Es komme oft genug vor, dass Leute auf dem Radweg gehen. „Jeder meint, er sei der wichtigste Verkehrsteilnehmer.“ Ein paar Minuten später fährt ein älterer Mann mit seinem Rad über den Bürgersteig. Wa­rum ist er nicht abgestiegen? „Ich war zu bequem“, sagt er. „Aber ich bin überzeugt, dass ich niemanden gefährde.“

Anwohner Guting sagt: „Wirklich gefährlich wird es durch das hohe Tempo einiger Radler.“ Er hat sich auch an den ADFC gewandt. Werner Böttcher, der sich bei dem Verein um Bonner Verkehrspolitik kümmert, schrieb in seiner Antwort auch: „Wenn man den Radfahrenden den Weg versperrt, ist es geradezu selbstverständlich, zu erwarten, dass diese auf den Bürgersteig ausweichen.“ Ebenso selbstverständlich sollten Radfahrende dann aber Rücksicht auf Fußgänger nehmen. Darüber hat sich Guting geärgert. Er findet: „Gesetze gelten für alle.“

Wolfgang Guting macht sich Sorgen, dass er angefahren wird. Foto: Benjamin Westhoff

Anruf bei Böttcher. „Die Versuchung ist für Radfahrer an solche Stellen natürlich groß“, sagt er. „Aber wenn da ein Fußgänger ist, habe ich nicht zu fahren.“ Er appelliere an gegenseitige Rücksichtnahme und Verständnis. Eine Forderung, der sich sicher auch Anne Grose anschließen würde. Die 68-Jährige engagiert sich im Verein Fuss, der sich für die Belange von Fußgängern einsetzt. In vielen deutschen Städten hat er Ortsgruppen, in Bonn nicht. Grose ist in der Kölner Gruppe aktiv. „Die Städte sind damals autogerecht geplant worden“, sagt sie. „Das Miteinander von Fußgängern und Radfahrern ist konflikthaft angelegt.“ Sie kenne das selber vom Radfahren. Auf den schmalen Wegen sei es kaum möglich, zu überholen. Dann würden die Radfahrer dafür auf den Gehweg ausweichen. Grose fordert, den öffentlichen Raum neu aufzuteilen. „Dadurch lässt sich das Konfliktpotenzial verringern.“ Allerdings dürften die Fußgänger nicht zu kurz kommen – wie sonst immer.

Anita Marabito ist eine von ihnen. Vor einigen Wochen wäre sie am Sterntor fast mit einem Radfahrer zusammengestoßen. Marabito schildert den Vorfall so: Sie wollte sich etwas in einer Auslage anschauen, machte deswegen einen Schritt nach links und wäre fast von dem Radler umgefahren worden, der links an ihr vorbeiraste. „Ich habe mich wahnsinnig erschreckt“, sagt sie am Telefon. „Diese Raserei empfinde ich als rücksichtslos.“ Rad- und Fußwege müssten besser getrennt sein, und wer mit hoher Geschwindigkeit unterwegs ist, solle auf der Straße fahren. Die 71-Jährige hat für einige Jahre in den Niederlanden gelebt. Dort sei die Aufteilung der Wege viel klarer.

Nicht immer gehen Situationen, wie Marabito sie erlebt hat, glimpflich aus. 2019 gab es laut Polizei in Bonn 46 Unfälle mit Radfahrern und Fußgängern (2018: 43 Unfälle). Die Hälfte davon wurde von Radfahrern verschuldet, die andere von Fußgängern. Jeweils fünfmal flüchteten Radler und Fußgänger danach vom Unfallort. Marabito verfolgte, stellte und konfrontierte den Radfahrer. Der zeigte sich eher uneinsichtig. Marabito sagt: „Ich finde es wichtig, Rücksicht zu nehmen.“