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Radtour durch Bonn: So halten Autofahrer die neuen Regeln ein

Radtour durch Bonn : So halten Autofahrer die neuen Regeln ein

Die neuen Regeln schreiben 1,5 Meter Abstand beim Überholen von Radfahrern vor. Halten Autofahrer in Bonn sich daran? Eine Radtour durch Bonn.

Schon nach ein paar Hundert Metern auf dem Rad wird es das erste Mal brenzlig. Gerade war auf dem Radstreifen an der Adenauerallee noch genug Platz. Dann endet er vor dem Koblenzer Tor. Eine Autofahrerin kommt Werner Böttcher gefährlich nah, als er durch das Tor fährt. Dann überholt sie doch nicht, drückt erst hinter dem Tor aufs Gas.

Für das Manöver hätte sie mit einer Strafe rechnen müssen. Seit Dienstag, 28. April, gelten die Neuerungen der Straßenverkehrsordnung. Nun ist dort auch festgelegt, dass Autos in der Stadt eineinhalb Meter Abstand halten müssen, wenn sie Radfahrer überholen. Vorher war nur „ausreichender Seitenabstand“ vorgeschrieben. Gerichte legten diesen aber als mindestens eineinhalb Meter aus.

Transporter hält mitten auf dem Radstreifen

Um sich die Stellen anzuschauen, wo es oft eng wird, hat sich Böttcher bereit erklärt, eine Tour durch die Stadt zu machen. Beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) kümmert er sich um Bonner Verkehrspolitik. Los geht es am Hauptbahnhof. Böttcher, 73 Jahre alt, der Bart grau, Brille, rote Funktionsjacke, wartet dort mit seinem Fahrrad. Die Ecke hält er für ein einziges Ärgernis. „Ich zeige Ihnen als Erstes, wie man hier mit dem Rad ordnungsgemäß herfährt.“ Am Kaiserplatz fragt er wie ein Chemielehrer, dem gerade ein Experiment geglückt ist: „Hätten Sie den Weg gefunden?“ Natürlich nicht.

Es geht weiter auf die Adenauerallee und links auf die Oxfordstraße. Auch hier wird es kurz gefährlich. Auf dem Radstreifen hält ein Transporter – also mit dem Rad auf die Straße, um den Wagen herum, wieder auf den Radstreifen.

Nur ein paar Meter weiter noch mal dasselbe. Abbiegen auf die Bornheimer Straße. Hier ist der Radstreifen ziemlich schmal. Autofahrer können, wenn sie genug Abstand halten wollen, nur überholen, wenn ihnen kein Auto entgegenkommt.

Experte glaubt nicht, dass es zu Staus kommen wird

„Dies ist bei den meisten Straßen problemlos möglich, etwa in Tempo-30-Zonen“, schreibt die Stadt in einer E-Mail. Die GA-Frage, an welchen Stellen künftig vermutlich Probleme entstehen, bleibt unbeantwortet. „Ich glaube nicht, dass es zu Staus kommen wird“, sagt Christoph Waack. Er lehrt an der Universität Leipzig und ist dort Radverkehrsbeauftragter der Stadt, sein Fachgebiet die nachhaltige Mobilität. Von 2014 bis 2018 war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Geographischen Institut der Uni Bonn beschäftigt.

Der Allgemeine Deutsche Automobil-Club (ADAC) hat dagegen einen anderen Blick auf die Situation. „Auf vielen engen Straßen wird es nicht möglich sein, den Abstand beim Überholen einzuhalten“, so Sprecher Thomas Müther. „Das kann je nach Verkehrsaufkommen zu Staus und Behinderungen führen.“ Städte bräuchten bessere Verkehrsleitsysteme und echte Alternativen zum Auto – wie gut ausgebaute Radwege und einen attraktiven Nahverkehr.

Frage an die Polizei: Wie wird der Abstand kontrolliert?

Böttcher sagt: „Dass Autos hinter dem Radler fahren und erst überholen, wenn kein Gegenverkehr da ist, das ist in anderen Ländern ganz normal.“ In Bonn eher nicht. Später versucht sich wieder ein Autofahrer, an den Radfahrern vorbeizuquetschen, wieder ist es gefährlich eng.

Böttcher fährt über die Viktoria­brücke, dann auf die Endenicher Straße. Auch hier ist der Radstreifen schmal, daneben die zweispurige Fahrbahn stadtauswärts. Hier sei oft viel los, sagt Böttcher. Rad- und Autofahrer kämen sich in die Quere.

Kurzer Stopp. Böttcher sagt: „Wir werden bei der Polizei anfragen, wie sie den Abstand beim Überholen künftig kontrolliert.“ Polizeisprecher Simon Rott schreibt dazu in einer E-Mail. „Eine technische Unterstützung zur Überwachung des Mindestabstandes ist nicht vorhanden.“

Polizisten seien auch bisher eingeschritten, wenn der nicht eingehalten wurde. Verstöße könnten mit einem Verwarngeld von 30 Euro bestraft werden.

Radstreifen am Hochstadenring sind breit

Ein Verfahren zu entwickeln, um Abstände zu kontrollieren, sei sicher möglich, glaubt Böttcher. „Man muss es nur wollen.“ Es ist nicht die einzige Sache, die ihn ärgert. Bei der Verkehrsplanung werde immer vom Autoverkehr aus gemessen. „Der Platz, der dann noch übrig bleibt, ist für Radfahrer und Fußgänger.“

Das sieht auch Uni-Experte Waack so. „Um Fahrradhauptstadt zu werden, müsste in Bonn die Planung des Radverkehrs an erste Stelle treten“, sagt er. „Man müsste erst schauen, wie viel Platz Radfahrer und Fußgänger brauchen und dann, was für Autos übrig bleibt.“

Ob es möglich ist, auf dem Rückweg zum Bahnhof an einer Stelle vorbeizufahren, die Böttcher für gelungen hält? Er fährt zum Hochstadenring. Hier sind die Radstreifen breit, zwischen Streifen und Parkplätzen für die Autos ist noch eine Sicherheitszone, die verhindern soll, dass Radler in eine sich öffnende Autotür fahren.

73-Jähriger plädiert für Warnfarben

Wege und Haltezonen vor den Ampeln sind zudem rot markiert. Das gefällt Böttcher. Außerdem lobt er, dass in Bonn die meisten Einbahnstraßen für Fahrräder freigegeben sind.

Zurück am Bahnhof. Was hält Böttcher vom Titel „Fahrrad-Hauptstadt“, den Bonn einst angepeilt hat? „Ach was!“, sagt er und winkt ab. Eine letzte Frage: Spiegelt die rote Jacke seinen Charakter wider? Er finde das schick und plädiere für Warnfarben. Dann erzählt er noch die Geschichte, wie er in den 70ern nach Bonn kam und sein Chef ihn den „jungen ungeduldigen Böttcher“ taufte. „Jung bin ich heute nicht mehr, aber immer noch ungeduldig.“