Flüchtlinge in Bonn Sehnsucht nach Demokratie

Bonn · Der Menschenrechtsaktivist und Lehrer Aziz Fooladvand rät, Flüchtlinge so früh wie möglich in der Stadt zu verteilen und ihnen Arbeit zu geben. Ansonsten drohen Frustration und Radikalisierung.

Der Lehrer für islamischen Religionsunterricht Aziz Fooladvand.

Der Lehrer für islamischen Religionsunterricht Aziz Fooladvand.

Foto: Fabian Vögtle

Mit dem Konzept seines interreligiösen Unterrichts hat Aziz Fooladvand mittlerweile bundesweite Bekanntheit erlangt. Die Süddeutsche Zeitung beispielsweise betitelte ihn als „Held der Aufklärung“. Der 58-Jährige, der selbst als politisch Verfolgter vor dem iranischen Mullah-Regime 1988 nach Europa floh, bringt heute als Lehrer für Islamischen Religionsunterricht an der Tannenbuscher Freiherr-vom-Stein-Realschule Kindern von der fünften bis zur zehnten Klasse einen Islam näher, der einen so ganz anderen Gott vermittelt, als ihn religiöse Fanatiker predigen. Einen Islam, der den barmherzigen und nicht den strafenden Gott betont, einen Gott, der die Vielfalt liebt.

„Herr Fooladvand, darf ich einen Freund haben? Darf ich Sex vor der Ehe haben?“, fragen ihn die Schüler. Der promovierte Soziologe und Islamwissenschaftler, der als junger Freigeist im Iran sowohl unter dem Schah als auch unter Ajatollah Khomeini in Haft saß, antwortet auf solche Fragen: „Das kann ich dir nicht so einfach sagen. Darüber müssen wir diskutieren.“ Was gerade muslimischen Jugendlichen mit konservativen Wertvorstellungen nicht leicht falle. „Du musst die Entscheidung treffen“, bläut der schiitische Muslim, der schon im Iran die Bergpredigt auswendig lernte und Kant und Heidegger las, seinen Schülern ein. Es ist eine so ganz andere Lehre, als sie es von manch einem konservativen Imam kennen. Oder gar von salafistischen Predigern zu hören bekommen. Die Vermittlung der Werte der freiheitlich-demokratischen Grundordnung ist harte Arbeit, weiß Fooladvand, der als Menschenrechtsaktivist bei Amnesty International auch Flüchtlingen hilft.

Kämpfer gegen den Diktator

Und wie bringt man Menschen, die aus einem anderen Kulturkreis kommen, die in einer Diktatur aufgewachsen sind, Werte wie Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Religionsfreiheit oder das Gewaltmonopol des Staates näher? „Von denen, die aus Syrien geflüchtet sind, haben viele gegen Machthaber Baschar al-Assad gekämpft. Das heißt, sie haben genau für diese demokratischen Werte gekämpft“, sagt der Mann mit der Glatze und dem lila Pullover.

Diese Erfahrung hat auch Saloua Mohammed gemacht, die ehren- und hauptamtlich bei der Bonner Caritas in der Flüchtlingshilfe aktiv ist. „Menschen aus Diktaturen und Kriegsgebieten kommen ja gerade wegen der demokratischen Werte nach Europa und speziell nach Deutschland“, sagt die 34-Jährige. Die Flüchtlinge, die sie kennengelernt hat, schätzten das Grundgesetz. „Viele haben sich vor der Flucht übers Internet und Mund-zu-Mund-Propaganda schon sehr genau über deutsche Gepflogenheiten informiert. Sie wissen, dass sie hier einen Staat vorfinden, der demokratische Rechte schützt.“

Eindringlich warnt Fooladvand aber davor, die Neuankömmlinge – egal ob gebildet oder bildungsfern, liberal oder konservativ – zu gettoisieren. Soziale wie räumliche Ausgrenzung seien Gift, wie er sie auch in Tannenbusch und Dransdorf bei seinen Schülern kennengelernt habe. Viele von ihnen stammen aus Familien, die von Sozialhilfe leben. „Wenn man Menschen marginalisiert und Parallelgesellschaften entstehen, neigen sie zur Selbstjustiz“, sagt Fooladvand. Man müsse die Migranten, so gut es geht, in der Stadt „verstreuen“, sagt er. „Ich bin ein Freund von Wohngemeinschaften mit Deutschen. So kommen Migranten von Anfang an mit der deutschen Lebensweise in Berührung.“ Man könne Demokratie nicht in Vorträgen und Veranstaltungen näherbringen.

"Sozialhilfe ist Gift"

Natürlich weiß auch Fooladvand um die schwierige Lage auf dem Wohnungsmarkt. Integration müsse aber eine Herzensangelegenheit werden und zugleich von dem politischen Willen getragen sein, die Flüchtlinge auch in Arbeit zu integrieren: „Sozialhilfe ist Gift. 60 Prozent der Neuankömmlinge sind hoch qualifiziert. Das ist ein großer Wert für die deutsche Wirtschaft.“ Wer arbeite, könne stolz auf sich sein. Denn auch so funktioniere die Vermittlung von hiesigen Gepflogenheiten: „Sie stehen morgens auf, um zur Arbeit zu gehen; dort lernen sie deutsche Werte kennen: Pünktlichkeit, Gründlichkeit, wie man arbeitet, dass man Steuern zahlt – das alles ist Demokratie.“

Die Rolle der Moscheen sieht der Lehrer abhängig von deren Einstellung zu den Werten der Demokratie. „Grundsätzlich ist es gut, dass sich Moscheegemeinden in der Flüchtlingshilfe engagieren. Sie erreichen viele Muslime. Wir müssen versuchen, die Moscheen als Teil der Lösung für die Fragen der Integration zu betrachten – wenn sie von den freiheitlich-demokratischen Grundsätzen zutiefst überzeugt sind.“

Saloua Mohammed findet, Moscheen könnten auf ehrenamtlicher Ebene sehr viel bewirken. Es sei deshalb geradezu ihre Pflicht, sich in der Flüchtlingshilfe zu engagieren.

Von den Flüchtlingen lernen

Aber auch die Aufnahmegesellschaft könne von den Flüchtlingen lernen: Werte wie Dankbarkeit, Bescheidenheit, Freundlichkeit, Solidarität mit Familienmitgliedern, Fleiß und Ausdauer, listet Fooladvand auf. „Flüchtlinge wissen Sicherheit und Frieden zu schätzen, weil es das dort, woher sie kommen, nicht gab.“ Friedensaktivistin Saloua Mohammed beobachtet bei den Neuankömmlingen Offenheit und Neugierde. „Zugleich bringen die Menschen ein reiches kulturelles Erbe und Narrativ mit.“

Die Gefahr, dass Extremisten Flüchtlinge missionieren, halten sie und Fooladvand für gering. „Viel mehr Sorge macht mir die zweite Generation der hier lebenden Einwanderer“, sagt der Lehrer und denkt dabei auch an den ein oder anderen seiner Schüler. „Wenn die Jugendlichen keine Perspektive haben, sind sie extrem anfällig für Salafisten.“

Mohammed gibt zu bedenken, dass „auch die Religiösen unter den Flüchtlingen den “Islamischen Staat„ (IS) wegen seiner Terrorakte verachten. Das habe mit dem Islam nichts zu tun, sagen sie. Der IS hat ihnen alles genommen: Den Frieden und die Heimat. Viele wollen deswegen zurück, sobald der Krieg beendet ist.“ Dennoch rät Mohammed den Akteuren der Flüchtlingshilfe, wachsam zu sein und Anwerbeversuche von Salafisten unter Flüchtlingen strikt zu unterbinden. Denn nicht immer verstünden diese, welche wahren Absichten die Extremisten hätten.