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GA-Serie zur Flüchtlingskrise in Bonn: So veränderte die Flüchtlingskrise den Bonner Alltag

GA-Serie zur Flüchtlingskrise in Bonn : So veränderte die Flüchtlingskrise den Bonner Alltag

Die Flüchtlingskrise und der Alltag: Die Erfahrungen der Bonner sind sehr unterschiedlich. Auf öffentlichen Plätzen fallen die Gruppen junger Männer ins Auge, in Wohnanlagen gibt es Ärger wegen steigender Nebenkosten und Lärm.

Eine Schrecksekunde am Alten Zoll. Eben haben die drei jungen Männer im Rosenpavillon sich noch lautstark auf Arabisch unterhalten. Jetzt wirft einer energisch einen länglichen Gegenstand in die Blumenbeete. Gleichzeitig springen die Araber auf und rennen davon. Frau N., eine Bank weiter, bekommt einen Riesenschreck. Ein Bombenanschlag am Alten Zoll? Wenig später klärt sich alles auf: Eine Biene ist in einen Kaffeebecher geflogen und hat die Männer erschreckt. Frau N. beruhigt sich. Aber ihren Müll mögen die Gäste bitte im Papierkorb entsorgen, sagt sie.

Missverständnisse sind programmiert, wenn Menschen unterschiedlicher Herkunft in kurzer Zeit und großer Zahl aufeinandertreffen. Auch in Bonn haben sich das Bild der Stadt und der Alltag der Bewohner mit dem Migrationsstrom seit 2015 verändert.

Sichtbar wird das zum Beispiel bei schönem Wetter, wenn viele Migranten ihre Unterkünfte verlassen und sich am Rheinufer oder den Plätzen in der Fußgängerzone aufhalten und dort das Stadtbild beherrschen. In der Nähe des Alten Zolls sorgen nächtliche Treffen bis in die Morgenstunden regelmäßig für Verdruss unter Anwohnern: Teils, so berichten sie, werde dabei stundenlang getrommelt oder Musik gehört. Vom Asylbewerberheim am Erzbergerufer und den Shisha-Bars am Belderberg ist der Weg dorthin nicht weit. Und der Ordnungsdienst der Stadt ist nachts nicht unterwegs. Unter den unmittelbaren Anwohnern der Unterkünfte gehen die Meinungen über die Situation auseinander.

Beschwerden von Anwohnern

In Endenich machen viele Bürger eher positive Erfahrungen mit den Bewohnern im ehemaligen Paulusheim an der Sebastianstraße, wo zurzeit noch gut 200 Personen unter einem Dach leben. Überwiegend sind es Familien mit Kindern. Dort gibt es viele Kontakte zu den alteingesessenen Bürgern – nicht zuletzt dank der Initiativen und Helfer der Kirchengemeinden. Werner D'hein wohnt mit seiner Frau gegenüber des einstigen Seniorenheims, das bereits seit Sommer 2014 als Notunterkunft dient. „Wir können uns bis heute überhaupt nicht über die Flüchtlinge beklagen“, sagt er. Im Gegenteil, die meisten seien sehr nett, viele grüßten freundlich auf der Straße. „Diese Nutzung ist mir jedenfalls lieber als die geplante Bebauung des Geländes, bei der der Park um die Hälfte verschwinden soll“, sagt D'hein.

Anders bewertet die Lage eine Nachbarin der ehemaligen Poliklinik an der Wilhelmstraße, die derzeit 146 Menschen als Sammelunterkunft dient: „Seitdem haben wir hier ständig Lärm und viel Dreck“. Ihr Mann sei schwer krank und finde nachts aufgrund des Lärms kaum Schlaf. „Die Leute unterhalten sich lautstark bei offenem Fenster, meistens bis spät in den Abend hinein oder schlagen die Türen zu“, klagt sie. Sie berichtet über Bewohner, die ihren Müll einfach aus dem Fenster geworfen haben, und von einem jungen Mann, der einmal an ihrer Grundstücksmauer uriniert habe. „Wir haben uns schon so oft bei der Stadt Bonn beschwert, aber außer einigen lapidaren Zeilen in einem Brief an uns ist nichts geschehen.“ Auch stehe vor allem abends oft die Polizei vor der Tür, um Streitigkeiten zu schlichten.

Dass es im Sommer 2016 Beschwerden von Anwohnern wegen Lärms und Drecks gegeben hat, bestätigt Kurt Berger. Inzwischen aber habe die Situation durch verschiedene Maßnahmen entschärft werden können, sagt der Leiter des städtischen Sozialamtes. Damals hätten mehr als 400 Personen in dem Heim gelebt. „Da bleiben Konflikte natürlich nicht aus. Berger ist Realist: „Natürlich gibt es auch heute noch in dieser und auch in anderen Unterkünften Probleme mit Gewalt und Verstößen gegen die Hausordnung“ sagt er. Die Mitarbeiter der Stadt seien allerdings sehr bemüht, dass sich die Auseinandersetzungen im Rahmen hielten und die Nachbarschaft in Ruhe leben könne. Im Monat gebe es zwei bis vier Polizeieinsätze wegen Streitigkeiten unter Bewohnern an der Wilhelmstraße, zuletzt am 6. September.

Die Situation in der ehemaligen Poliklinik hebe sich aber nicht von anderen Flüchtlingsunterkünften ab. Das deckt sich mit der aktuellen Bilanz der Bonner Polizei. In ihrem gesamten Verantwortungsbereich, der neben dem Bonner Stadtgebiet auch weite Teile des Rhein-Sieg-Kreises umfasst, gab es seit Anfang September 2015 rund 4000 Einsätze in Flüchtlingsunterkünften, wie das Präsidium auf Anfrage mitteilt. Besondere Einsatzschwerpunkte seien nicht bekannt. Hauptanlass für die Einsätze seien Streitigkeiten der Bewohner untereinander und Körperverletzungen gewesen.

Konflikte und kulturelle Unterschiede

Etwas anderes treibt manche Bewohner von Bonner Wohnanlagen um, in denen zuletzt verstärkt Migranten eine Heimstatt zugewiesen wurde. Zum Beispiel in Tannenbusch, wo sich jetzt eine Nachbarschaftsinitiative mit den Folgen der Flüchtlingswelle konfrontiert sieht. So komme es in der Wohnsiedlung „vermehrt zu Konflikten zwischen Altmietern und den neuen ausländischen Mietern aus dem Kreis der Flüchtlinge“, heißt es in einem Rundbrief aus dem Juni. Im Kern gehe es immer um dasselbe: ungewöhnliche Verhaltensweisen oder Ruhestörungen einiger Flüchtlinge, die in grober Weise und dauerhaft gegen Bestimmungen der Hausordnung verstoßen. Zuweilen verhindert offenbar auch die Auslegung des Islam die Annäherung.

So warnt die Nachbarschaftsinitiative im Rundbrief: „Falls Sie Mieterin sind, müssen Sie möglicherweise damit rechnen, dass männliche Nachbarn Sie als Frau nicht als gleichwertig für das klärende Gespräch akzeptieren, weil die gesellschaftliche Stellung der Frau in den Heimatländern der Flüchtlinge eine andere ist als in Deutschland.“

Aus anderen Wohnanlagen mit erhöhter Flüchtlingsbelegung werden Beschwerden über stark erhöhte Nebenkostenabrechnungen laut. Andere Gewohnheiten der veränderten Klientel, so heißt es in der Begründung, sorgten für höhere Energiekosten für die Gemeinschaftsräume und verstärkt notwendigen Hausmeistereinsatz. Eine Folge: Manche Alteingesessene ziehen weg. Bei anderen, denen diese Möglichkeit fehlt, macht sich im eigenen Viertel das Gefühl von Heimatverlust breit: „Ich wohne jetzt wie in einer Flüchtlingsunterkunft“, schildert die Situation eine ältere Bewohnerin einer Siedlung in Muffendorf. Beim Bonner Ortsverein von Haus & Grund gingen „von Zeit zu Zeit vereinzelte Anrufe von Mitgliedern“ ein, die einen Wertverlust eigener Grundstücke in der Nähe von neu errichteten Flüchtlingsunterkünften befürchteten, berichtet Geschäftsführer Markus Gelderblom.

Auch er sieht Konfliktpotenzial, wenn die Flüchtlinge aus den Heimen in eigene Wohnungen einziehen: Richtiges Heizen und Lüften sei schon hierzulande nicht jedem Mieter geläufig. „Ein Mieter, der aus einer Gegend stammt, in der schlicht nicht geheizt werden muss – oder vielleicht mit offenem Feuer –, muss entsprechend instruiert werden.“ Die ordnungsgemäße Entsorgung von Küchenabfällen (nicht in die Toilette oder ins Waschbecken), das Verbot der Schlachtung von Tieren oder von offenem Feuer in der Wohnung, die Mülltrennung, das Verbot baulicher Veränderungen, die Einhaltung von Ruhezeiten oder Hausordnungen sieht er als weitere Problemfelder.

Unterschiede werde bisweilen auch an anderen Orten sichtbar. Etwa im Römerbad, wo im Sommer häufig junge Migranten zu Gast waren, die nicht oder kaum schwimmen konnten. Ärger der anderen Badegäste provozierten dabei manche Jungen, die 15 Minuten unter der warmen Dusche standen, auch wenn sich längst eine Schlange davor bildete.

Alle bisherigen Folgen der Serie auf www.gabonn.de/neuenachbarn