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6000 Jahre alte Wallanlage: Sorgen um die Steinzeit-Festung auf dem Venusberg

6000 Jahre alte Wallanlage : Sorgen um die Steinzeit-Festung auf dem Venusberg

Das geplante Regenrückhaltebecken könnte der 6000 Jahre alten Wallanlage nahe kommen. Behörden versprechen genaue Prüfung.

Der Venusberghang war offenbar schon immer ein bevorzugtes Wohngebiet in Bonn. Bereits vor Jahrtausenden ließen sich jungsteinzeitliche Bauern oberhalb von Kessenich nieder. Hoch über der Stadt, gleich neben dem heute weithin sichtbaren Sendemast, liegt im Wald (nahe der Einmündung Bodelschwinghweg in die Robert-Koch-Straße) eine etwa 6000 Jahre alte Wallanlage.

Mit den steilen Hängen in alle Himmelsrichtungen ausgestattet mit Graben und Palisandern fanden die ersten Siedler dort einen sicheren Schutz. Bei genauem Hinsehen sind die Reste der Befestigung immer noch auf dem Gelände zu erkennen. Heute weiß man, dass es sich dabei um ein einzigartiges Zeugnis der Jungsteinzeit im Rheinland handelt. Zu dieser Erkenntnis kamen das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege und die Universität Köln, nachdem sie das Areal im Sommer 2015 systematisch untersucht hatten.

Schutz vor großen Überschwemmungen

Aber genau das Gebiet, in dem Bodenkundler Anfang der 1980er Jahre ihre Entdeckungen gemacht haben, könnte jetzt durch den geplanten Bau eines neuen Regenrückhaltebeckens (der GA berichtete) tangiert werden. Mit dem Neubauprojekt soll der Ort unterhalb der Rosenburg in Zukunft vor großen Überschwemmungen besonders nach heftigen Sommergewittern geschützt werden. Erst vor wenigen Tagen stimmte der Naturschutzbeirat dem Vorhaben zu.

Die mit dem Bau verbundenen Erdarbeiten könnten jedoch die Überreste der Wallanlage zerstören oder zumindest beschädigen, befürchtet Alfred Kerger aus Kessenich. „Würde das Relikt verschwinden, wäre das ein großer Verlust für die Menschheit“, prognostiziert er. Für ihn handelt es sich bei diesem Gelände um ein archäologisch äußerst sensibles Gebiet. „Dass dieses Risiko in der Verwaltungsvorlage für den Naturschutzbeirat noch nicht einmal ansatzweise erwähnt wurde, wundert mich schon sehr“, ärgert er sich.

Neue Entdeckungen könnten sich zur weiteren Attraktion entwickeln

Zwar gibt es bisher nur eine grobe Planung, doch Kerger ist bereits aktiv geworden und hat sich an Stadtverwaltung sowie den Landschaftsverband gewandt. „Werden Mitarbeiter des Rheinischen Amtes für Bodendenkmalpflege die Aushubarbeiten für das Regenrückhaltebecken begleiten?“, fragt er in einem Schreiben an das zuständige Tiefbauamt und ergänzt: „Haben Sie bereits einen Plan B für den Fall, dass wertvolle archäologische Bodenbefunde, vielleicht Siedlungsreste aus der Jungsteinzeit, das Weiterführen des Bauprojektes sogar unmöglich machen sollten?“ Sollten neue Entdeckungen gemacht werden, wäre das nach Kergers Ansicht ein „archäologisches Zeugnis von internationaler Bedeutung und könnte sich zu einer weiteren touristischen Attraktion für die Region Bonn entwickeln“.

Ohne die Bodendenkmalpfleger des Landschaftsverbands wird sich unterhalb des Rosenburgwegs jedoch nichts tun, versichert Jens Schubert vom LVR-Amt für Bodendenkmalpflege im Rheinland. „Wir kennen die Planung. Unsere Kollegen prüfen das Vorhaben mit Blick auf das Bodendenkmal“, verspricht er. Allerdings sei man noch am Anfang und könne daher noch keine Schätzung geben. Das bestätigt auch Erich Claßen, Leiter des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege im Rheinland und Landesarchäologie: „Auf Nachfrage bei der Stadt Bonn erhielten wir die entsprechenden Planunterlagen, welche nun hinsichtlich bodendenkmalpflegerischer Belange durch uns geprüft werden“, schrieb er an Kerger.

Gelände bereits in den 1980er wissenschaftlich untersucht

Eine ähnliche Antwort bekam der Kessenicher aus dem Stadthaus. „Wir wissen, dass wir uns mit unserer Baumaßnahme dort in einem archäologisch möglicherweise interessanten Gebiet befinden. Daher steht auf unserer Vorhabenliste auch die frühzeitige Kontaktaufnahme mit dem LVR-Amt für Bodendenkmalpflege. Ehe wir weitere Schritte unternehmen, warten wir den Verlauf der ersten Gespräche ab“, versichert Monika Gehrmann vom Tiefbauamt in ihrer Antwort an Kerger.

Bereits in den 1980er Jahren wurde das Gelände wissenschaftlich untersucht. Eine Radiokarbon-Untersuchung brachte damals die Erkenntnis, dass die Anlage ihre Ursprünge in der Michelsberger Kultur um 4100 vor Christus hat. Der Wall ist damit der älteste Nachweis dauerhafter Präsenz jungsteinzeitlicher Bauern im Stadtgebiet. Die Wall-Graben-Anlage umschließt ein etwa 15 Hektar großes Gelände – dies allerdings nur teilweise. Wo der Hang steil abfällt, konnten sich die Erbauer das Ausheben des Grabens sparen. Fachleute sprechen daher von einer Abschnittsbefestigung. Vergleichbare Anlagen im Rheinland sind infolge landwirtschaftlicher Nutzung heute eingeebnet und damit nicht mehr sichtbar. „Ohne Zweifel ist die Wallanlage auf dem Venusberg eine archäologische Rarität“, bewerteten die Archäologen damals die Grabungsergebnisse.