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Lesereise durch die Bonner Altstadt: Start mit Drewermann

Lesereise durch die Bonner Altstadt : Start mit Drewermann

Der Theologe und Autor Eugen Drewermann hat bei seinem Auftritt am Sonntag zum Auftakt der Lesereise durch die Altstadt das Zinssystem, das ungezügelte Wirtschaftswachstum und die SPD kritisiert, die mit Hartz IV ihre Seele verloren habe.

Eugen Drewermann ist Stammgast bei der Lesereise durch die Altstadt. Zum zehnten Mal ist er am Sonntag bei der zwölften Auflage des vom Verein Altstadtinitiative Bonn organisierten Lesemarathons aufgetreten. Zum Auftakt der 11. September dauernden Lesereise kam der 76-Jährige in den Hof von Frau Holle. Der ehemalige Wollladen bietet heute Mode, Kunst und ein Café unter einem Dach.

Drewermann ist ein Phänomen. Seine ersten Worte vor gut 120 Besuchern lauteten: „Zuerst lese ich bis 13 Uhr.“ Gut, er hat nicht gelesen, aber er hat exakt 90 Minuten frei, ohne jegliches Manuskript, gesprochen – ohne Kunstpausen, sondern in druckreifer Rhetorik ohne jegliche Wiederholung. Von der Wirtschaft und dem Wertesystem spannte er den Bogen bis hin zu kirchlichen, zum Teil alttestamentarischen Begebenheiten.

Dem Theologen, Psychoanalytiker und Schriftsteller wurde 1991 die katholische Lehrbefugnis und im Januar 1992 die Predigtbefugnis entzogen. Im März 1992 folgte die Suspension vom Priesteramt. Ursache waren strittige Ansichten Drewermanns in Fragen der Moraltheologie und der Bibelauslegung.

Beim kirchlichen Teil war dem 76-Jährigen stimmlich anzumerken, dass ihn diese Thematik immer noch sehr zu Herzen geht. Er kritisiert den Turbokapitalismus, insbesondere das Zinssystem, und er hat starke Bedenken gegenüber einem ungezügelten Wirtschaftswachstum. „Da die Welt endlich ist, kann es kein unendliches Wachstum geben“, sagt er.

Drewermann fühlt sich von den Bonnern verstanden

Dabei attestierte er der SPD, dass sie mit Harz IV ihre Seele verloren habe. In einigen Punkten gab er Karl Marx recht („Der Mensch als Sklave der Arbeit“) und vertritt die Freigeldtheorie von Silvio Gesell. Nach dessen Überzeugung sollte die Erde allen Menschen gleichermaßen gehören, ohne Unterschied von Rasse, Geschlecht, Stand, Vermögen, Religion, Alter oder Leistungsfähigkeit.

Zwischendurch war im Publikum viel Zustimmung zu hören oder Kopfnicken zu sehen. Reichlich Applaus am Schluss der 90 Minuten waren sein Lohn. „Ich habe oft den Eindruck, nicht verstanden zu werden“, meinte er. „Doch hier in Bonn ist es anders“. Und Saskia Schäfer, Mitinhaberin von Frau Holle, ergänzte: „Dann kommt Eugen Drewermann im nächsten Jahr bestimmt wieder.“