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Schwierige Situation in Bonn: Straßenzeitungsverkäufer finden keine Abnehmer

Schwierige Situation in Bonn : Straßenzeitungsverkäufer finden keine Abnehmer

Es sind schwierige Zeiten für die Verkäufer der Straßenzeitung "fiftfyfifty". In der leeren Bonner Innenstadt finden sie kaum noch Abnehmer. Das hat weitreichende Folgen für ihren Alltag.

Etwas verloren steht Tobias M. in der Bonner Fußgängerzone: Seit mehreren Stunden wartet er nun schon darauf, dass ihm Passanten eine Ausgabe der Obdachlosenzeitung „fiftyfifty“ abkaufen. An diesem Tag ist er jedoch noch keine einzige Zeitung losgeworden – wie denn auch, wenn in der Innenstadt im Lockdown kaum noch Menschen anzutreffen sind. Früher hatte Tobias M. an einem Vormittag mindestens fünf Zeitungen verkauft. „Jetzt brauche ich eine Woche, um fünf Zeitungen loszuwerden“, sagt der Verkäufer und erinnert sich wehmütig an die Zeit vor Corona: „Viele Passanten spendeten auch, obwohl sie gar keine Zeitung haben wollten. Oft kamen wir dabei ins Gespräch“.

Vom Verkauf einer Zeitung – eine Ausgabe der „fiftyfifty“ kostet 2,40 Euro – darf der Verkäufer die Hälfte behalten, die andere Hälfte wird in die Produktion investiert, so ist der Zeitungsname entstanden. Die Hauptredaktion von „fifityfifty“ sitzt in Düsseldorf, verschiedene Städte steuern eigene Texte bei – auch Bonn: „Wir sind seit 2007 dabei und fanden das Projekt gleich super. Auf unseren Seiten stellen wir Initiativen, Vereine und Persönlichkeiten aus Bonn vor“, sagt Susanne Fredebeul vom Verein für Gefährdetenhilfe. In Spitzenzeiten hatten die Bonner Verkäufer bis zu 5000 Zeitungen pro monatlich erscheinender Ausgabe an Passanten verkaufen können. Jetzt kommen sie bestenfalls in den vierstelligen Bereich.

Streetwork, eine Abteilung des Vereins für Gefährdetenhilfe, koordiniert das Projekt in Bonn: „Wir gehen jeden Tag raus und suchen das Gespräch mit den Verkäufern“, erklärt Sozialarbeiterin Katharina Eschrich. Die rund 20 Verkäufer, die im Bonner Stadtgebiet derzeit im Einsatz sind, leben alle in besonderen sozial schwierigen Verhältnissen. Viele von ihnen, aber nicht alle, sind wohnungs- oder obdachlos. Für die meisten ist es ein weiter Weg zum Verkäufer der Fiftyfifty-Zeitung gewesen. „Als Verkäufer haben sich diese Personen eine Existenz aufgebaut, die durch die aktuelle Situation jetzt gefährdet ist“, sagt Eschrich.

Kein Verdienst durch fehlende Passanten

Fehlen die Passanten in der Stadt, verdienen die Verkäufer nicht nur kein Geld, sondern werden auch kaum noch wahrgenommen. „Viele Verkäufer haben aufgrund der Einschränkung des sozialen Lebens den Zeitungsverkauf aufgegeben“, berichtet Fredebeul. Auch Tobias M. war schon mal kurz davor, alles hinzuwerfen. Seit 2008 führt er den Fiftyfifty-Ausweis mit sich. Dieser ist auch ein Nachweis, dass der Verkäufer vom Verein für Gefährdetenhilfe betreut wird und er bei diesem als Verkäufer gemeldet ist. Die Arbeit hat Tobias M. Halt und Selbstvertrauen gegeben: Ihm ist es gelungen, seine Alkohol- und Drogenabhängigkeit zu besiegen und sich aus seiner sozialen Isolation zu befreien. Gespräche mit Käufern haben ihn auch in seinem Selbstbewusstsein gestärkt. „Das gibt mir eine Struktur, als wenn ich arbeiten gehen würde“, erklärt er. Im Lockdown hat sich alles geändert: „Es ist einfach nur noch trostlos. Am schlimmsten ist dieses deprimierende Dastehen. Ganz selten kommt mal jemand vorbei. Der Kontakt zu den Menschen fehlt mir sehr“, sagt Tobias M. Mit einigen Passanten, die vor Corona regelmäßig vorbeikamen, hat er sich über alle möglichen Alltagsthemen unterhalten können. Im Betreuungszentrum des Vereins für Gefährdetenhilfe trifft Tobias M. einen anderen Verkäufer. Auch ihm spürt man die Frustration direkt an: „Ich fühle mich nur noch wie ein Superbettler und nicht mehr wie ein Verkäufer“, sagt er voller Ernüchterung.

Mit dem anhaltenden Käuferschwund ist die Zukunft von „Fiftyfifty“ in immer größerer Gefahr. „Einen Gewinn haben wir noch nie gemacht, aber bisher konnten wir Verluste immer durch Spenden auffangen. Ich weiß nicht, wie lange wir das noch machen können. Wir können nur hoffen, dass in naher Zukunft wieder etwas mehr Leben in die Stadt kommt“, sagt Fredebeul.