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Stummfilmtage Bonn 2019: Infos und Programm zum Sommerkino

Sommerkino : Das bieten die Internationalen Stummfilmtage in Bonn

Bei den 36. Internationalen Stummfilmtagen sind vom 6. bis 16. August 14 europäische, amerikanische und russische Produktionen zu sehen – live im Arkadenhof der Bonner Uni und erstmals auch online.

Zu den traditionellen Stummfilmtagen lädt der Bonner Förderverein Filmkultur wieder in den historischen Arkadenhof der Universität ein. Vom 6. bis zum 16. August sind unter freiem Himmel und mit Live-Musikbegleitung Filmklassiker, selten gezeigte und frisch restaurierte Werke zu sehen.

Streamingangebot ergänzt Live-Erlebnis

Ein zentrales Anliegen des Vereins sei es, trotz des reduzierten Platzangebots, ein möglichst großes Publikum zu erreichen. „Daher werden alle Filme nach der Projektion im Arkadenhof – über die Internetseite des Festivals www.internationale-stummfilmtage.de – auch gestreamt und jeweils 48 Stunden lang online verfügbar sein“, teilte Festivalsprecherin Kristina Wydra mit. Die Musikbegleitungen würden dazu von den Künstlern vorher eingespielt und aufgenommen oder  live bei der Vorführung mitgeschnitten. Die Filme werden jeweils ab 21.30 Uhr gezeigt, der Einlass beginnt in diesem Jahr allabendlich um 20 Uhr.

Das Programm der Stummfilmtage in Bonn

Unorthodoxer als sie ist keine. Mit ihren Sportkameraden lässt Molly Brown im Ring die Fäuste fliegen. Auch sonst weiß die Tochter eines amerikanischen Millionärs – ein von väterlicher Liebe verwöhntes und keckes Geschöpf – sich wohl in Szene zu setzen. Die Reise zur Hochzeit ihrer Cousine Selda ins galizische Schtetl Tarnopol ist für sie ein willkommenes Abenteuer. Ihr Vater allerdings bekommt dort alle Hände voll zu tun, um die Wogen in der erbosten Verwandtschaft zu glätten. Am höchsten Festtag Jom Kippur, der mit Fasten und Beten in der Synagoge begangen wird, bedient sich die unbotmäßige junge Dame an dem im Haus des Onkels vorbereiteten Festmahl. Und den jungen Männern in Tarnopol bringt sie das Shimmy-Tanzen bei.

Doch als sie mit Selda und deren Freunden Hochzeit spielt, findet sich Molly selbst mit einem Ring am Finger wieder. Von zwei männlichen Zeugen bekundet, ist der Talmudschüler Ruben nun ihr Mann. Damit nimmt die nach einer 1901 bis 1923 in Berlin erschienenen jüdischen Kulturzeitschrift benannte Liebeskomödie „Ost und West (Misrech und Majrew)“ richtig Fahrt auf. Regie führte der US-Amerikaner Sidney Goldin, der mit den Stars des jiddischen Theaters der Ostküste – Molly Picon und Jacob Kalich – im Atelier der Wiener Listo-Film drehte. Uraufgeführt wurde der Film am 17. August 1923 im „Zentral-Kino“ in der Leopoldstadt.

Der reizvolle Kontrast zwischen dem assimilierten Judentum des Westens (Sefardim) und der vornehmlich in Osteuropa beheimateten, traditionell-religiösen Lebensweise (Aschkenasim) bürgte an sich schon für einen Erfolg und machte dieZuschauer zudem mit allerlei Sitten und Gebräuchen bekannt, die zuvor noch nie auf einer Kinoleinwand zu sehen gewesen waren. So besitzt der heiter-selbstironische Film Tiefgang und ist damit wie geschaffen, am Donnerstag, 6. August, um 21.30 Uhr die 36. Internationalen Stummfilmtage – Bonner Sommerkino im Arkadenhof der Universität zu eröffnen. Bis zum 16. August sind dort insgesamt 14, zwischen 1909 und 1929 entstandene, Produktionen aus Deutschland, Österreich, Frankreich Belgien und Schweden, aus den USA und der UdSSR zu sehen. Die kürzeste dauert zwölf, die längste 150 Minuten.

Stummfilmtage standen wegen Corona lange vor der Absage

Ob die Stummfilmtage angesichts der Corona-Pandemie überhaupt stattfinden könnten, haben sich nach dem Lockdown
Mitte März viele gefragt – einschließlich der Organisatoren. „Normalerweise beginnt die Vorbereitung während der Wintermonate“, sagt Sigrid Limprecht, die Vorsitzende des Fördervereins Filmkultur Bonn beim Gespräch im Garten der Brotfabrik; einem lauschigen Platz samt Teich und Hollywoodschaukel. Open Air – das hat er mit dem Arkadenhof gemeinsam. Und eben dieser Frischluftfaktor gereicht dem Festival nun zum Vorteil. „Auch wir fühlten uns zuerst wie
vor den Kopf geschlagen“, erinnert sich Limprecht. „Doch die Universität und die Stadt waren von Anfang an dabei und haben gesagt, wir unterstützen Euch und glauben daran, dass es stattfinden kann“, fügt Limprecht hinzu.

So ging es dann weiter in die konkrete Planung, „denn um Dinge wie die Tonanlage, das Gerüst und die Schallschutztür muss man sich beizeiten kümmern.“ Neu ist das Hygienekonzept, das der Förderverein Filmkultur dem Bonner Gesundheitsamt vorgelegt hat. Kristina Wydra, die für die Pressearbeit des Festivals zuständig ist, stellt es vor: „Ein Rahmenprogramm wie 2019 in der Brotfabrik wird es diesmal nicht geben. Auch auf den Tisch in der Grotte, an dem neben Speisen und Getränken auch Plakate und DVDs verkauft werden, müssen wir leider verzichten.“ Die Besucher werden gebeten, zur möglichen Rückverfolgung Bögen mit ihren persönlichen Daten abzugeben. „Die Vorlage kann man kurz vor Festivalstart auf unserer Homepage herunterladen, ausfüllen und mitbringen“, ergänzt Wydra. „Es besteht Maskenpflicht, bis man auf seinem Platz sitzt, und zur besseren Übersicht gibt es farbig markierte Blöcke.“ Wer möchte, kann sich vor Ort mit Getränken versorgen; allerdings nur in Flaschen, nicht im offenen Ausschank.

Anzahl der Plätze wegen Abstandsauflagen auf 500 reduziert

Da die Anzahl der Plätze auf 500, also ein Drittel, begrenzt ist, führen die Stummfilmtage 2020 in virtuelles Neuland: Alle Filme des von Stefan Drößler, Direktor des Filmmuseums München, kuratierten Programms stehen nach der Aufführung im Arkadenhof vom nächsten Morgen, 9.30 Uhr, an unter www.internationale-stummfilmtage.de zum Streaming bereit: für 24 oder sogar 48 Stunden.

„Das Zeitfenster ist auf der Homepage vermerkt. Dort gibt es auch einen Spendenbutton. Über diese und jede weitere Unterstützung freuen wir uns natürlich sehr“, betont Limprecht. Während sonst ein reger Publikumsaustausch in der Pause üblich ist, werden vom 6. bis 16. August jeweils nur ein Film oder auch zwei kürzere Filme direkt am Stück gezeigt. „Der Bonner Kameramann, Autor und Regisseur Kai von Westermann wird die Festivaltalks führen“, kündigt Limprecht an. „Musiker sprechen über die Filme, die sie begleiten, und Archivgäste erzählen von der Restaurierung eines Films und von dessen Besonderheiten.“ Dieses „Bonusmaterial“ bringt dann das Festivalgefühl auf den Bildschirm.

Besonderheiten und Staraufgebote im Programm

Die Musik wird von den Künstlerinnen und Künstlern vorher eingespielt oder bei der Vorführung mitgeschnitten. Und zu diesen Künstlerinnen und Künstlern gehören Elizabeth Jane Baldry, Günter Buchwald, Stephen Horne, Mark Pogolski, Richard Siedhoff, Mykyta Sierov und Sabrina Zimmermann. Auch Neil Brand ist wieder dabei sowie erstmals der Kontrabassist Wolfgang Fernow, der gemeinsam mit Buchwald „L‘Argent“ (Geld Geld Geld) aus dem Jahr 1928 begleitet. Marcel L’Herbiers Großproduktion über Finanzmärkte und Spekulanten, Intrigen und Korruption nach dem Roman von Émile Zola präsentiert Brigitte Helm (Metropolis) als verführerische Baronin zwischen zwei Männern. Sie ziert überdies das Plakat der Stummfilmtage 2020.

Starqualitäten beweisen auch Conrad Veidt und Werner Krauß (Das Cabinet des Dr. Caligari“). Sie sind in „Der Student von Prag“ zu sehen – der faustisch-sinistren Geschichte eines jungen Mannes, der sein Spiegelbild dem Teufel verkauft. Werner Krauß brilliert beim Bonner Sommerkino zudem als Clown Botto in Arthur Robinsons Zirkusdrama „Looping the Loop – Die Todesschleife“ aus dem Jahr 1928. Heiter-melancholisch ist der Ton in René Clairs surrealer Geisterkomödie „Das Phantom des Moulin Rouge“. Wohingegen Stan Laurel und Oliver Hardy als Landstreicher in „Duck Soup“ („Leichte Beute“) in einem Haus das Unterste zuoberst kehren und Buster Keaton in „College“ von einem sportlichen Desaster ins nächste stolpert.

Luise Kolm-Fleck hätte ihn wohl kaum eines Blickes gewürdigt. Sie gilt nach Alice Guy-Blaché – deren Arbeit bei den Stummfilmtagen 2019 vorgestellt wurde – als zweite Regisseurin der Welt. Mit ihrem Mann Jakob und der Produzentin Liddy Hegewald drehte sie kritische Dramen aus spezifisch weiblicher Sicht, so auch 1929 „Mädchen am Kreuz“. Aus zeitgeschichtlicher Perspektive bemerkenswert ist die handcolorierte und von der Cinémathèque Royale de Belgique digital restaurierte Produktion „Maudite soit La Guerre“ (Verflucht sei der Krieg) des Regisseurs Alfred Machin, die 1914 auf erschreckende Weise das Grauen des wenige Monate später ausbrechenden Ersten Weltkriegs vorwegnimmt. Nicht zu vergessen das Revolutionsmeisterwerk „Sturm über Asien“ von Vsevolod Pudovkin. „Dies ist ein Publikumsfilm, der die große Leinwand braucht“, resümiert Limprecht. „Und es ist zugleich ein exponiertes Beispiel für die Dynamik und Beweglichkeit der Kameras in einer Ära der Innovationen.“ Die Filme im Arkadenhof erzählen davon – jeder auf seine Art und Weise.

Das Programm der 36. Internationalen Stummfilmtage – Bonner Sommerkino ist ab Mitte Juli auf www.internationale-stummfilmtage.de zu finden.