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Tannenbusch - Sozialarbeiter berichtet von Problemen und Erfolgen

Soziale Brennpunkte in Bonn : Sozialarbeiter berichtet von Problemen und Erfolgen in Tannenbusch

Tannenbusch ist Bonns Problemstadteil Nummer eins. Daran hat auch die Stadtteilsanierung noch wenig geändert. Ein Sozialarbeiter berichtet von Erfolgen und Problemen.

Neu-Tannenbusch ist mit Abstand der Stadtteil mit den größten sozialen Problemen. Das zeigt der Sozialbericht für Bonn, den Caritas und Diakonisches Werk vor einigen Wochen vorgelegt haben. Helmuth Göbel leitet für die Diakonie die Stadtteilarbeit. Martin Wein sprach mit dem Sozialarbeiter über die Ursachen der Entwicklung, die positiven Folgen der Quartierssanierung und was sich noch ändern müsste: 

Herr Göbel, in Neu-Tannenbusch liegt die Sozialleistungsquote bei 42,4 Prozent, die Zahl der Arbeitslosen bei 16,6 Prozent. Das sind Spitzenwerte in Bonn. Ist der Stadtteil arm?

Helmuth Göbel: Überwiegend ja. Insbesondere in Neu-Tannenbusch stellen Arbeitslose und Empfänger von Sozialleistungen die Bevölkerungsmehrheit. Das ist im Vergleich zur übrigen Stadt Bonn schon sehr auffällig. Es gibt natürlich auch andere Bereiche im Stadtteil mit Reihen- und Einfamilienhäusern, die besser durchmischt sind. 

Woran zeigt sich die Armut im Alltag?

Göbel: Sie können den Menschen zum Glück ja nicht in den Kopf schauen. Deshalb ist die Armut auf der Straße nicht unbedingt sichtbar. Viele Eltern geben sich große Mühe, ihre soziale Situation nicht nach außen sichtbar werden zu lassen. Die nehmen sich selbst finanziell zurück, um für ihre Kinder ordentliche Anziehsachen zu kaufen. Kommen psychische Probleme dazu, begegnet man auch Menschen mit Anzeichen von Verwahrlosung. Aber in der Beratung bekommen wir die Situation natürlich sehr deutlich mit. Da werden finanzielle Engpässe, oft auch höhere Schulden offenbar. Gerade Jugendliche zeigen häufig ein Schamgefühl und vermeiden es, Freunde in die beengten Probleme nach Hause einzuladen. 

Wie ist es überhaupt zu dieser signifikanten Entwicklung gekommen?

Göbel: Wer Leistungen vom Jobcenter oder Sozialamt bezieht, der darf nur in einer Wohnung leben, die als angemessen gilt. Ansonsten muss man sich in gewisser Frist etwas Neues suchen. Preiswerte Unterkünfte findet man in der Stadt mit am ehesten hier in Neu-Tannenbusch. Die großen Mietshäuser hier sind seinerzeit öffentlich gefördert worden. 

Das heißt, die ungesunde Einwohnerstruktur ist politisch eigentlich gewollt?

Göbel: Ja das muss man heute so sagen. Allerdings lässt sich diese Entwicklung in einem funktionierenden Quartiersmanagement mit richtiger sozialer Begleitung und passenden Beratungsangeboten abfedern. Das zeigen andere Bonner Stadtteile. 

Die Tannenbuscher Bürger möchten nicht stigmatisiert werden. Aber ist es nicht an der Zeit, die Fakten in der Gesamtstadt beim Namen zu nennen?

Göbel: Man muss sicher deutlich die Fakten aufzeigen, wie dies der Sozialbericht für Bonn beispielsweise getan hat. Aber man sollte auch die positiven Entwicklungen hervorheben.

Im Villenviertel oder in Kessenich bekommt man von Tannenbusch wenig mit. Inwiefern muss sich Bonn als Gesamtstadt für den Brennpunkt in Tannenbusch interessieren?

Göbel: Einerseits ist das eine Frage der Solidarität unserer Gesellschaft. Um Brennpunkte wie Tannenbusch zu entlasten, müssen auch Einwohner anderer Stadtteile akzeptieren, wenn in ihrer Nachbarschaft günstiger Wohnraum geschaffen wird. Insofern fand ich die Diskussion um die Neubauten am Melbbad kaum verständlich. Andererseits gibt es auch ganz praktische Aspekte. Kriminelle Strukturen, die sich hier vielleicht etablieren, bleiben ja nicht auf Tannenbusch beschränkt. Im Gegenteil: Ich habe mich hier auch nachts noch nie unsicher gefühlt. Die Straftaten werden dann eher anderswo in der Stadt verübt. 

Hat sich die Situation in den letzten Jahren eher weiter verschlechtert oder entspannt?

Göbel: Ich finde, es hat sich eher entspannt. Die Menschen berichten unseren Sozialarbeitern, dass sie sich mit den Umbauten sicherer und wohler fühlen. Die Lebensqualität ist gestiegen. Der neue Platz in Tannenbusch Mitte ist sehr attraktiv geworden. Dunkle Winkel und dreckige Ecken sind verschwunden. Die Menschen sitzen wieder dort. Der Drogenhandel findet dagegen nicht mehr in den Ladenzeilen statt, sondern ist eher in die Randbereiche abgewandert. Allerdings hat man sehr große Aufmerksamkeit auf bauliche Veränderungen gelegt. Die sozialen Aspekte sind dabei vielfach aus der Quartiersentwicklung gestrichen worden, weil es dafür im Bundesprogramm Soziale Stadt kein Geld mehr gab. Ich hätte mir gewünscht, dass man eine Bürgerbegegnungsstätte wie Haus Vielenbusch zuerst eingerichtet hätte, um die Einwohner noch mehr zu beteiligen. 

Hatten die Flüchtlingskrise und ihre Folgen lokal Einfluss?

Göbel: Auch Menschen, die die Flüchtlingsunterkünfte verlassen, finden in Stadtteilen wie Tannenbusch oder Medinghoven am ehesten eine Bleibe. Insofern haben wir viele Familien mit Fluchterfahrung als neue Einwohner dazubekommen. Das wurde aber nicht negativ aufgenommen. 

Der Anteil der Zuwanderer liegt in Neu-Tannenbusch doppelt so hoch wie im übrigen Stadtgebiet. Gibt es insgesamt Ansätze einer Parallelgesellschaft?

Göbel: Tannenbusch ist mit fast 11 000 Einwohnern sehr stark besiedelt und sehr vielschichtig. Viele Vereine und Hilfsorganisationen setzen sich für soziale Belange und Gemeinsinn ein. Leider musste das Stadtteilfest in diesem Jahr ausfallen. Bei dieser Gelegenheit konnte man in den letzten Jahren gut sehen, wie umfassend das Angebot ist. Trotzdem kann man nicht ausschließen, dass in bestimmten Bereichen eine Parallelgesellschaft existiert. Denken Sie an das Salafisten-Picknick im Grüngürtel. Das sind aber eher zufällige Erscheinungen, die von einzelnen Personen ausgehen. 

In Tannenbusch leben zwei Drittel aller Kinder von Hartz IV. Oftmals setzt sich soziale Abhängigkeit vom Staat über Generationen fort. Erleben Sie diese Tendenz auch in Ihrer Arbeit?

Göbel: Ja, es gibt einen gewissen Sozialhilfe-Adel, bei dem wir schon die Großeltern kannten und heute mit den Enkeln zu tun haben. Wir erleben das aber vorwiegend bei deutschen oder deutschstämmigen Familien. Hier setzen wir neben den anderen Akteuren im Stadtteil mit Hilfe unserer großzügigen Sponsoren vor allem bei den Enkeln an mit Angeboten für Kleinkinder wie Psychomotorik und Hilfe bei den Hausaufgaben für 150 Schulkinder von der Grundschule bis zum Abitur. Bei Migrantenfamilien gibt es meist einen starken Willen, den Kindern einen Weg aus der sozialen Abhängigkeit von Transferleistungen zu ebnen. Da gibt es einen ausgeprägten Wunsch nach sozialem Aufstieg. 

Und sehen Sie mit Ihren Angeboten auch Erfolge?

Göbel: Auf jeden Fall. Wir haben mit großer Unterstützung der Rotarier in Bonn das Projekt „Armut – Bildung – Zukunft“ geschaffen. Klassenziele und Schulabschlüsse, die unerreichbar schienen, werden doch geschafft. Kinder, denen wir bei den Schulaufgaben geholfen haben, helfen uns inzwischen selbst neben ihrem Studium als Übungsleiter. Natürlich gibt es auch Abbrecher. Oft bleiben die Gründe unklar. Und es gibt sicher noch 100 Kinder mehr, die sich über Hilfe freuen würden. 

Wie hat sich die Situation während des Lockdowns insbesondere der Schulschließungen dargestellt?

Göbel: Das war vor allem für viele Kinder eine schlimme Zeit. Einerseits fehlte der persönliche Kontakt, den viele mit geringen Deutsch-Kenntnissen oder anderen Lernhemmnissen dringend benötigen. Auch in den engen Wohnungen war eigenständiges Lernen kaum möglich. Wir haben versucht, den Kontakt über WhatsApp und andere Instrumente zu halten. Teils haben wir noch in den Sommerferien Angebote gemacht. Andererseits hatten viele Kinder ohne PC und Drucker gar keine Möglichkeit zu Fernunterricht. 

Hat das aus Ihrer Wahrnehmung dauerhafte Folgen für die Bildungsbiographie der betroffenen Kinder?

Göbel: Wir fürchten, dass vielen Kindern gerade am Übergang zu anderen Schulformen ein Jahr geklaut wurde. Genau wird das noch zu untersuchen sein.

Diverse Klassen in Bonn, auch am Tannenbusch-Gymnasium, sind bereits in Quarantäne. Wären die Betroffenen, die Sie betreuen, heute besser für einen zweiten Lockdown vorbereitet?

Göbel: Nein. Wir haben zusammen mit Haus Vielenbusch im Frühjahr für 500 Kinder aus Hartz-IV-Familien eine Grundausstattung mit PCs und Druckern beim Jobcenter beantragt und klagen nach der Ablehnung auf unabwendbaren Bedarf. Die ersten Urteile sind durchweg positiv für die Eltern ausgefallen, allerdings die Rechtswege noch offen. Leider sind unsere Klagen beim Sozialgericht Köln zurückgestellt worden, weil die Sommerferien kamen und die Schulen danach wieder geöffnet worden. Bei einem zweiten Lockdown könnte sich das aber schnell ändern. 

Fehlt es an sozialer Infrastruktur?

Göbel: Die Beteiligten vor Ort sind untereinander gut vernetzt. Wir fordern seit Jahren aber einen Ausbau der Sozialberatung im Stadtteil. Ich könnte mir gut vorstellen, bei vorhandenen Mitteln noch eine Stelle auszulasten. Auch die Bürgerbeteiligung könnte noch ausgedehnt werden. Da hat das Bundesprogramm Soziale Stadt Leerstellen gelassen.

Tut die Stadt genug für ihr größtes Problemviertel?

Göbel: Ich freue mich, dass wir ein Quartiersmanagement in Tannenbusch haben. Einige Projekte im sozialen Bereich hat man zu spät angefangen. Da sehe ich die Schuld aber weniger bei der Stadt als bei der Bundesregierung. 

Müsste man nicht einige der großen Wohnblöcke niederlegen und neu bauen, um die Sozialstruktur nachhaltig zu verändern?

Göbel: Einigen Vermietern müsste man sehr viel deutlicher auf die Füße treten, damit sie die Häuser endlich richtig sanieren. Wir erleben bei Hausbesuchen Zustände, die teils inakzeptabel sind. Da gehen in achtstöckigen Wohnblocks seit mehreren Monaten die Fahrtstühle nicht. Die Leute wissen nicht mehr, wie sie ihre Einkäufe in die Wohnungen bekommen. Die Keller sind unbenutzbar. Natürlich wäre ein Abriss eine Alternative. Das neue Studentenwohnheim des Studentenwerks ist ein gutes Beispiel, wie man heute baut. Aber irgendwo müssen die Menschen aus den großen Blocks ja unterkommen. 

Was muss passieren, damit sich nachhaltig etwas ändert?

Göbel: Wir brauchen in ganz Bonn mehr sozialen Wohnungsbau. Der zieht Menschen mit geringen Einkommen oder Empfänger staatlicher Leistungen dann stärker auch in andere Stadtteile. Ansonsten würde ich noch mehr in die Kinder hier investieren. Angebote für sie beleben den ganzen Stadtteil. Leider ist ein Beschäftigungsprojekt in der Halle von Möbel Boss gescheitert. Eine Ansiedlung von Arbeitsplätzen in der direkten Nachbarschaft wäre sicher auch ein guter Ansatz. 

Was wäre aus Ihrer Sicht der größte Wunsch für den Stadtteil:

Göbel: Für meine Arbeit ist der größte Wunsch, dass wir die Hausaufgabenhilfe bedarfsgemäß aufstocken. Vor allem brauchen wir dazu Hilfe bei der Koordination und zusätzliche Räume, gerade jetzt unter Corona. Das wäre garantiert eine Investition in die Zukunft, die in ein paar Jahren Früchte trägt.