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„Der Schimmelreiter“: Theater Bonn sucht Jungschauspieler per Online-Casting

„Der Schimmelreiter“ : Theater Bonn sucht Jungschauspieler per Online-Casting

Das Theater Bonn hat am Wochenende junge Laienschauspieler für eine Inszenierung von Theodor Storms Novelle „Der Schimmelreiter“ gesucht. Corondabedingt fand das Casting per Online-Videokonferenz statt.

„Vater, du kannst das doch! Kannst du nicht alles?“ Wienke ist verzweifelt, meint das Meer sprechen zu hören und will von ihrem Vater das Versprechen haben, dass es nicht über den Deich kommt. Der Vater ist Deichgraf Hauke Haien, Hauptfigur in der Theodor-Storm-Novelle „Der Schimmelreiter“, die das Theater Bonn mit jungen Laienschauspielern und ein paar Ensemblemitgliedern auf die Bühne bringen möchte. Der Dialog zwischen Vater und Tochter bot sich als Szenario für das Casting an, für das das Theater Bonn die Jungschaupieler am Wochenende zum Vorsprechen einlud. Und dabei stellte Regisseur Dominic Friedel erfreut fest, dass die Teilnehmer diesem kurzen Gespräch eine große Bandbreite an Emotionen entlocken konnten.

Aufwand für die Proben vor Ort ist zu groß

Geplant war das ursprünglich auf dem Werkstattgelände Beuel, aber dort hätten die Teilnehmer einen negativen PCR-Test vorweisen und außerdem mit Maske vorsprechen müssen. Also verlegte man das Casting kurzerhand ins Internet. Fast 150 junge Leute hatten sich dafür angemeldet, das ist viel, sagte Theaterpädagogin Susanne Röskens. Bei den beiden bisherigen Projekten „Jugend ohne Gott“ und „Unterm Rad“ hätten sich jeweils etwa 50 Leute gemeldet. Allerdings musste man sich da auch mit Video bewerben, das Casting für den Schimmelreiter war viel niederschwelliger angesetzt: Anmeldung genügte.

120 junge Leute konnten am Casting teilnehmen, die übrigen kamen auf eine Warteliste. Die Schüler und Studenten wurden in Gruppen unterteilt, in einer war Viola, die ihr Abitur absolviert hat und die Idee gut fand, ein 134 Jahre altes Stück mit jungen Leuten zu spielen. Für sie sei der Reiz, „einen Bezug zu heute herzustellen“. Trotz seines Alters habe der Text auch viel Heutiges, sagte Dramaturg Jan Pfannenstiel: Klimathematik, Hochwassergefahr, Generationenkonflikt.

Die Teilnehmer starten das Casting erstmal mit Lockerungsübungen

Germanistikstudentin Lina hat schon in der Schule in AGs gerne Theater gespielt, klassische Stücke sind „mein Ding“, sagt sie. Und Schülerin Maria hatte vor zwei Jahren mit der Klasse Dürrenmatts „Die Physiker“ in einer modernen Inszenierung gesehen. „Ich hatte schon immer eine Leidenschaft fürs Theater, dabei habe ich das richtig gemerkt“, so die Zehntklässlerin. Coronabedingt konnte sie die Leidenschaft aber nicht füttern, weshalb sie jetzt die Chance genutzt hat.

Die Teilnehmer machten erst Lockerungsübungen und loteten mit Röskens den Umfang ihrer „Bühne“ aus, die vom Video-Bildschirm begrenzt wird. Dann ging es an den Dialog mit verteilten Rollen, Regisseur Friedel gab Anregungen und Tipps. In ihren eigenen vier Wänden konnten sich die Teilnehmer schnell auf die Situation einlassen und sich öffnen. Aber ab dem 21. Mai soll sechsmal auf der richtigen Bühne in den Bad Godesberger Kammerspielen gespielt werden.

In den kommenden zwei Wochen fallen die Entscheidungen, wer mitspielt und wer nicht

Die derzeitigen Corona-Bestimmungen erlauben laut Friedel derzeit nur 15 Personen auf einer Bühne wie der in den Kammerspielen. Die Auswahl aus den 120 Castingteilnehmern wird in den nächsten zwei Wochen fallen. Danach soll zunächst an den Wochenenden geplant und geprobt werden. In den Osterferien gibt es Intensiv-Workshops, danach finden die Proben auch unter der Woche statt.

Vier Monate vom Casting bis zur Generalprobe, das ist sportlich, gab auch der Regisseur zu. Zumal das Stück, das aus der Novelle entstehen soll, bisher allenfalls als Grundgerüst besteht – man möchte den Teilnehmern soviel kreative Mitbestimmung wie möglich lassen. „Wir sind total offen für alle Impulse und Ideen, die die jungen Leute mitbringen“, sagte Pfannenstiel. Denkbar und für den jungen Cast stimmig wäre laut Friedel zum Beispiel, die Geschichte um den Deichgraf aus Sicht seiner kleinen Tochter zu erzählen. „Das Faszinierende an diesem Text ist, dass er gar keine eindeutige Sicht auf irgendeine Figur zulässt.“ Das erlaube viele Interpretationsmöglichkeiten.