Ukrainische Delegation drei Tage zu Gast Bonner Wissen und Material für die Frontstadt Cherson

Bonn · Eine Delegation aus dem ukrainischen Cherson besucht in dieser Woche Bonn. Die Ukrainer machten klar, dass es bei der Partnerschaft mit der Bundesstadt nicht nur um die akute Kriegsbewältigung, sondern auch um einen europäischen Wiederaufbau geht.

 Der stellvertretende Bürgermeister von Cherson, Vitalii Bielobrov (links), nimmt zwei ausgemusterte Feuerwehrfahrzeuge von Bonns Wehrleiter Jochen Stein entgegen.

Der stellvertretende Bürgermeister von Cherson, Vitalii Bielobrov (links), nimmt zwei ausgemusterte Feuerwehrfahrzeuge von Bonns Wehrleiter Jochen Stein entgegen.

Foto: Benjamin Westhoff

Am Montag hat die Delegation aus der ukrainischen Frontstadt Cherson ihren ersten von drei Besuchstagen in der Bonner Bundesstadt erlebt. Die vierköpfige Gruppe, die vom stellvertretenden Bürgermeister Vitalii Bielobrov angeführt wird, möchte den Besuch nutzen, um die Beziehungen der beiden Städte, die seit dem vergangenen Jahr eine Solidaritätspartnerschaft, auszubauen. Auf dem dicht getakteten Programm für die Delegation standen bereits am Montag zahlreiche Themen.

Los ging es am Morgen mit einem kurzen Frühstück in der Liebfrauenschule, bei dem sich die Delegation für das Engagement der vielen Bonner Schüler bedankte, die mit finanzieller Unterstützung des Stadtdekanats vor Weihnachten einen Laster mit Geschenken nach Cherson geschickt hatten. Dabei wurde zudem eine Geldspende in Höhe von 1500 Euro an die Ukrainer übergeben. Das Geld ist laut Stadtdekanat für die weiblichen Opfer des Krieges gedacht, die unter Gewalt und Vergewaltigungen als Kriegsmittel leiden und stammt aus den Einnahmen der Engelshütte auf dem Bonner Weihnachtsmarkt.

Krieg als Chance für eine moderne, europäische Stadt

Weiter ging es danach bei den Stadtwerken Bonn – zunächst mit einem Termin an der Thomas-Mann-Straße, bei dem SWB-Geschäftsführerin Anja Wenmakers mit der Delegation Aspekte der Mobilitätswende diskutierte und mögliche Hilfen für die Ukrainer auslotete. Hier, wie auch beim anschließenden Besuch der Stadtwerke-Tochter Bonn-Netz, machte Bielobrov immer wieder deutlich, dass die Stadt in ihren Planungen nicht nur die kurzfristige Krisen- und Kriegssituation, sondern auch bereits die zukünftige Planung für den Wiederaufbau berücksichtigt.

Wie der stellvertretenden Bürgermeister mit Hilfe von Dolmetschern verdeutlichte, sei der Krieg auch eine Chance, um aus den Trümmern und der Zerstörung eine neue, moderne und europäische Stadt zu errichten. Das Wissen der Bonner Stadtwerke sei dabei mittel- bis langfristig eine wertvolle Bereicherung, um etwa eine grüne Energiewende möglich zu machen. Auch über die Vorgaben der EU erkundigte sich Bielobrov dabei mehrfach. „Diese Fragen sind besonders wichtig“, sagte er, da der angestrebte EU-Beitritt bereits in die Planungen mit einbezogen werde.

Krieg in der Ukraine auch eine Materialschlacht

Neben Fachwissen möchte Bonn-Netz auch mit dringend benötigten Materiallieferungen helfen und das kommunale Wasserversorgungsunternehmen Khersonvodokanal in Cherson unterstützen, zu dem der Energieanbieter eine eigene Solidaritätsbetreiberpartnerschaft pflegt. Bonn-Netz-Geschäftsführer Urs Reitis, der sich immer wieder mit Verantwortlichen in der Ukraine austauscht, weiß um die kritische Lage der Chersoner Infrastruktur.

Immer wieder gebe es Angriffe auf die kritische Infrastruktur. Unter anderem hatte die Zerstörung des Kakhovka-Damms im Juli 2023 und die darauffolgenden Überschwemmungen entlang des Dnipro-Flusses erhebliche Schäden an der Wasserinfrastruktur verursacht. „Da reiht sich Flicken an Flicken an Flicken. Know-how hilft da erst einmal wenig. Kurzfristig geht es einfach um Material“, so Reitis.

Feuerwehr Bonn übergibt zwei Einsatzfahrzeuge

Eine materielle Hilfe dürften die beiden Einsatzfahrzeuge der Bonner Feuerwehr sein, die der Delegation am Nachmittag nach einem weiteren Besuch bei Bonnorange in der Feuerwache I von Feuerwehrchef Jochen Stein mit einem symbolischen Händeschütteln überreicht wurden. Wie die Stadt angibt, seien Rettungstransport- und Einsatzleitwagen trotz Ausmusterung noch völlig einsatzbereit. Es sind bereits die Fahrzeuge Nummer sechs und sieben, die die Feuerwehr nach ihrer Ausmusterung an die Ukraine übergibt.

Im Gespräch mit dem Feuerwehrchef bedankte sich Bielobrov mehrfach für die Spende. „Diese Fahrzeuge werden Menschenleben retten“, so der Ukrainer. Aufgrund der Kriegslage seien die Wehrkräfte in der südukrainischen Stadt mitunter gar für das Entschärfen von Minen verantwortlich und häufig Ziel russischer Angriffe.

Dringend benötigt würden zudem vor allem Löschfahrzeuge mit großen Wassertanks. Die Wehrkräfte in Cherson eilten von Brand zu Brand, oft, ohne Zeit für einen Zwischenstopp in der Zentrale zu haben oder an den zerstörten Hydranten ihre Tanks füllen zu können, erklärte der stellvertretenden Bürgermeister. ´

Partnerschaft zwischen Cherson und Bonn soll vertieft werden

Zum Abschluss des Tages kam die Delegation zu einem Runden Tisch im Rathaus zusammen, an dem Vertreter aus Politik, Stadtverwaltung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft über Perspektiven und Ziele der Städtepartnerschaft sprachen. Um ein offizielles Zeichen für die solidarische Verbundenheit von Bonn und Cherson zu setzen, unterzeichneten Oberbürgermeisterin Katja Dörner und Vitalii Bielobrov eine Absichtserklärung für eine noch intensivere Zusammenarbeit.

Am Dienstag ist für die Delegation unter anderem der Besuch in der Industrie- und Handelskammer, eine Stadtrundfahrt sowie der Besuch eines Ukraine-Konzerts im Beethoven-Haus geplant. Den Abschluss des Delegationsbesuchs bilden eine Pressekonferenz mit Oberbürgermeisterin Katja Dörner und die Besichtigung des ZeSaBo, des Zentralen Sachspendenlagers Bonn.

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