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Ursula Lehr ist tot - Frühere Bundesfamilienministerin in Bonn

Wegbereiterin einer modernen Altenpolitik : Frühere Bundesfamilienministerin Ursula Lehr in Bonn gestorben

An diesem Montag, als im Familienministerium in Berlin der Wechsel von Anne Spiegel zu Lisa Paus vollzogen wurde, starb in Bonn die frühere Ressortchefin Ursula Lehr. Die CDU-Politikerin hatte das Amt von 1988 bis 1991 inne und wurde 91 Jahre alt.

„Solange es geht, widme ich mich neuen Aufgaben, wohl wissend, dass jederzeit Schluss sein kann.“ Nach dieser Devise hat Professorin Ursula Lehr gelebt. Bis die bekannte Alternsforscherin und ehemalige Bundesministerin, die die letzten Jahrzehnte am Bad Godesberger Rheinufer wohnte, am Montagmorgen nach kurzer Krankheit im Alter von 91 Jahren in Bonn verstorben ist. Neue Aufgaben und Arbeitsfelder hat sich die dynamische Wissenschaftlerin wahrlich bis zuletzt gesucht. Nach einem Studium der Psychologie, Philosophie, Germanistik und Kunstgeschichte lehrte die Mutter zweier Söhne von 1976 bis 1986 als Entwicklungsforscherin an der Universität Bonn. Dann konnte sich die Autorin des Standardwerks „Psychologie des Alterns“ einen Traum erfüllen: in Heidelberg selbst ein Institut für Gerontologie zu gründen.

Danach kam ihr sozusagen Helmut Kohl dazwischen. Als Endfünfzigerin wurde sie 1988 vom damaligen Bundeskanzler und Parteifreund vom Fleck weg in sein Kabinett geholt. Da war Lehr gerade erst der CDU beigetreten und hatte Expertisen fürs Familienministerium verfasst. Eine Seiteneinsteigerin aus der Forschung wolle große Politik machen, murrten Parteikollegen. Als Chefin im Ministerium mit dem langen Namen (für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit) trat Lehr dann auch sofort in christsoziale Fettnäpfchen. Die Kindergarteneintrittsgrenze setzte sie auf zwei Jahre herunter. Was heute nicht mehr vorstellbar ist: Die Protestaktionen der Kollegen nahmen kein Ende. Sie wolle wohl DDR-Verhältnisse einführen, höhnten die Herren, erinnerte sich Lehr später schmunzelnd im GA-Interview.

Im eigenen Ministerium soll Frau Professor anfangs kritisch geurteilt haben, wie Zeitzeugen zu berichten wussten: „Dieses Haus ist ein Kramladen“, habe sie gesagt. Mitarbeiter, die keine Leistung brachten, hätten von ihr keine Förderung zu erwarten gehabt. „Leistung setzt sich durch. Wer sich aber diskriminieren lässt, ist selber dran schuld“, war von ihr zu hören. Und diesen hohen Anspruch an andere, aber vor allem auch an sich selbst, lebte die eher uneitle Pionierin der Alternsforschung bis zuletzt.

Nach den Ministerinnenjahren bis 1991 und als Bundestagsabgeordnete bis 1994 war sie wieder in die Forschung und nach der Emeritierung 1998 auf öffentliche Podien zurückgekehrt. Lehr schaffte es, einen Altenbericht über die Lage der Senioren zu initiieren, der seit 1993 in jeder Legislaturperiode erscheint. Bei Diskussionen bot sie stets ein Feuerwerk an Fakten und überzeugte mit ihren Argumenten. Ihre Netzwerkfähigkeiten und nicht zuletzt ihren Charme steckte sie von 2009 bis 2015 in den Vorsitz des deutschen Senioren-Dachverbands Bagso.

„Die soll über 80 Jahre als sein? Unglaublich“, fragten sich Zuhörer bei Veranstaltungen. Lehr sei „Wegbereiterin einer modernen Altenpolitik“ gewesen, die Senioren als aktiven Teil der Gesellschaft betrachte, sagte die Bagso-Vorsitzende Regina Görner am Montag. Noch 2021 blieb die da glatt 90-Jährige im Interview GA-Chefredakteur Helge Matthiesen keine Antwort schuldig. Auf die Frage, ob Altern etwas für Feiglinge sei, dröselte sie eloquent auf, es sei ein sehr vielschichtiger Prozess, der „sowohl die Zu- als auch die Abnahme von Fähigkeiten“ umfasse.

Im katholischen Bonn war die Frau, die auch im Kuratorium der Hilfsorganisation Care mitarbeitete, fest verwurzelt. Seit der Gründung der Bürgerstiftung Rheinviertel in Bad Godesberg war sie Mitglied im Kuratorium und begleitete insbesondere die Arbeit der Hospizinitiativen. „Für Frau Lehr waren die Werte einer christlichen Kultur Basis und Maßstab für ihr Handeln“, ehrte Stadtdechant Wolfgang Picken die Verstorbene in seinem Nachruf. Sie habe sich darauf verstanden, diese Grundlagen in besonderer Weise mit den Fragen und Herausforderungen der modernen Gesellschaft in Verbindung zu bringen. „Frau Lehr war eine herausragende Bonner Persönlichkeit und eine engagierte Katholikin“, so Picken. „Ihr Tod ist ein Verlust für die Wissenschaft, für unsere Stadt und unsere Kirche.“