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Kulturnetzwerk im alten VHS-Haus: Verein Rhizom feiert zehnjähriges Bestehen

Kulturnetzwerk im alten VHS-Haus : Verein Rhizom feiert zehnjähriges Bestehen

Anlässlich des runden Jubiläums hat die Kulturinitiative das alte, leer stehende VHS-Gebäude an der Wilhelmstraße gemietet. Dort tummeln sich Schauspieler, Musiker, DJs, Literaten und bildende Künstler und füllen das große Haus bis zum Ende des Jahres mit Leben.

Ein Rhizom ist ein Geflecht, das ständig neue Verästelungen und Verknüpfungen bilden kann und an unvorhersehbaren Stellen an die Oberfläche treibt. Ein scheinbar chaotisches, anarchisches Netzwerk mit zahlreichen unabhängig agierenden Zellen, die alle doch nur das eine wollen: Kultur. Zumindest in der Bundesstadt, wo sich vor nunmehr zehn Jahren der Verein Rhizom gegründet hat, der mehr oder weniger in den Mittelpunkt der alternativen Szene vorgedrungen ist und alle möglichen Akteure miteinander in Verbindung bringt. Anlässlich des runden Jubiläums hat die Initiative ihr bis dato größtes Kunststück vollbracht und das alte, leer stehende VHS-Gebäude in der Wilhelmstraße gemietet. Dort tummeln sich inzwischen Schauspieler, Musiker, DJs, Literaten und bildende Künstler, die das große Haus bis zum Ende des Jahres mit Leben füllen werden.

„Ursprünglich hatten wir ja nur geplant, die VHS für unsere Geburtstagsfeierlichkeiten zu mieten, also etwa eine Woche lang“, erklärt Renate Clauss, die zusammen mit Kira Lizza und Paula Walderdorff als Sprecherinnen des Rhizoms agieren. „Dann aber haben wir gefragt, ob wir auch mehr machen könnten – und die Stadt hat zugesagt. Jetzt haben wir also einen Vertrag über drei Monate.“ Erst einmal. Denn grundsätzlich könnte sich Rhizom durchaus auch eine längerfristige Nutzung vorstellen. „Eines unserer Hauptanliegen ist die Schaffung eines neuen Kulturzentrums, das Gruppen und Einzelkünstlern niederschwellig zur Verfügung steht“, führt Walderdorff aus. „Mit der VHS wollen wir zeigen, dass dies durchaus realisierbar ist und welche Form wir uns vorstellen könnten.“

Seltsame Installationen

Vor Ort zeigt sich, dass dies vor allem in geordnetem Chaos mündet: Überall wuseln Menschen durch die Gänge des dreistöckigen Gebäudes, dessen Räume allesamt offenstehen und den Blick freigeben auf eine Mischung aus Werkstätten, Bühnen und Räumen irgendwo dazwischen. Eine klare Struktur? Fehlanzeige. Ein Raum ist zum Beispiel zu einem Schwarzlicht-Tischtennisraum umgewandelt worden, der allerdings zumindest am Premierenabend nicht bespielt wird; schräg gegenüber richten einige Rhizom-Mitglieder einen Spielraum für Kinder ein; darüber liegt ein Siebdruck-Atelier, noch eine Etage höher ein Raum, in dem ein paar junge Männer einen DJ-Workshop anbieten.

Andere Räume sind mit seltsamen Installationen gefüllt, die keinem ersichtlichen Zweck dienen, dann wieder finden sich Lager, Büros und ähnliches hinter den allesamt geöffneten Türen. „Grundsätzlich kann sich jede Gruppe bei uns melden, um Kooperation mit dem Rhizom ersuchen und nach einem Raum fragen, den wir dann auf Spendenbasis für die alte VHS zur Verfügung stellen können“, erläutert Kira Lizza. „Doch wer zu uns kommt, muss eben auch Verantwortung übernehmen.“

Zukünftige Nutzung des Gebäudes steht noch nicht fest

Das Kollektiv organisiert sich somit selbst, auch wenn das aufgrund der flachen Hierarchien nicht immer einfach ist. Wie viele Gruppen derzeit in der VHS sind? Keine Ahnung. Wann wird das Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich sein? Wird derzeit noch geplant. Maximale Freiheit hat eben ihren Preis. Doch gerade dafür wird Rhizom schließlich gelobt. „Ich finde es super, dass es so ein Angebot gibt“, sagt Peter Zeisig, der den besagten DJ-Workshop organisiert. „In Bonn fehlt es leider an entsprechenden Räumen, und die alte VHS ist groß genug, zentral gelegen und durch das Netzwerk lernt man auch spannende andere Projekte kennen.“

Wie lange das so bleiben wird, muss sich allerdings erst noch zeigen: Eine Nutzung über 2018 hinaus ist zwar denkbar, aber noch längst nicht spruchreif. „Wir prüfen derzeit, wie das Gebäude in Zukunft genutzt werden kann“, erklärt Andrea Schulte vom Presseamt der Stadt Bonn auf Nachfrage des GA. „Unter anderem gibt es Überlegungen, dort eine Kindertagesstätte einzurichten, die gerade in der Innenstadt dringend benötigt wird, aber auch Büroflächen wären denkbar. Noch können wir aber keine belastbaren Aussagen treffen.“

Zunächst einmal wird somit das Rhizom seine Spuren hinterlassen. Nicht zuletzt optisch: Nachts erstrahlen die Fenster der alten VHS auf jeden Fall jetzt wieder in allen Farben des Regenbogens, ein Kaleidoskop an Möglichkeiten und Potenzialen, die den Reichtum der Bonner Kulturszene versinnbildlicht. Besser als Leerstand ist das allemal.