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Versuchter Mord in Bonn: Polizist sagt im Prozess aus

Mann fuhr in Bonn auf Polizisten zu : Polizist: „Ich habe schon geglaubt, das war’s jetzt“

Im Bonner Mordversuch-Prozess hat am Montag ein 29-jähriger Polizeibeamter als Zeuge ausgesagt. Er hatte sich bei einer Kontrolle in Bonn mit einem Sprung vor einem Auto retten müssen. Noch heute leidet er unter den Folgen.

„Das Auto beschleunigte sofort. Der Motor heulte auf, die Reifen quietschten. Als ich dann die Scheinwerfer auf mich zukommen sah, dachte ich schon, das endet böse.“ Im Bonner Schwurgerichtsprozess gegen einen 24-jährigen Angeklagten, der sich wegen versuchten Mordes verantworten muss, erinnerte sich am Montag der 29-jährige Polizeibeamte als Zeuge an die lebensbedrohliche Szene.

Zum Vorgang: Der City-Fußstreife war am Abend des 9. November 2019 ein alter Audi A 6 mit verschiedenen Felgen an der roten Ampel Thomas-Mann-Straße aufgefallen. Der Fahrer schien nervös, ließ sich vor und zurückrollen, als könnte er den Start nicht abwarten. Also entschloss sich der Polizist zu einer Verkehrskontrolle: „Ich bin auf die Fahrbahn getreten, habe mit der Taschenlampe auf die Schutzweste mit dem reflektierenden Schriftzug Polizei gezeigt - und ein Zeichen gegeben, dass der Audi-Fahrer in eine Haltebucht einfahren soll. Aber der Mann gab Gas. Es war schnell klar, dass er niemals stoppen würde.“

Was dann in der Rabinstraße geschah, konnte der Beamte nicht ohne heftige Emotionen erzählen. Immer wieder wurde der Familienvater von Krämpfen geschüttelt, die Stimme versagte, auch verbarg er minutenlang sein Gesicht. „Der Autofahrer schien ganz bewusst auf mich zuzusteuern. Jeder meiner Ausweichbewegungen steuerte er nach.“ Wegen einer Baustelle konnte der Polizist nicht mehr weiter ausweichen. „Ich habe schon geglaubt, das war’s jetzt – und nur noch an meine Kinder gedacht.“ Dann habe er instinktiv reagiert, sei mit einem Riesensatz an den Bauzaun gesprungen und habe sich mit beiden Händen an die schwankenden Bretter geklammert. „Dann spürte ich nur noch einen Luftzug von dem vorbeirasenden Auto – und sah es in Richtung Norden verschwinden.“

Totenstille herrschte im vollbesetzten Schwurgerichtssaal. Selbst der Angeklagte, der ohne Führerschein und mit gestohlenem Kennzeichen unterwegs gewesen war, wirkte betroffen über die dramatischen Folgen seiner Tat. Zum Prozessauftakt hatte der 24-Jährige beteuert, dass er niemals ein Leben wegen einer drohenden Kontrolle gefährden oder verletzen würde. An dem Abend habe er den Mann schlichtweg nicht als Polizist erkannt. Sechs Monate war der 24-Jährige in Polen untergetaucht. Im März hatte er sich freiwillig gestellt. Seine Mutter reagierte weniger sensibel. Während einer Pause war sie auf den Zeugen losgegangen und hatte ihm wegen der Tränen „Schauspielerei“ vorgeworfen, er wolle ihren Sohn „kaputt machen“.

Nach dem Angriff auf sein Leben versuchte der 29-Jährige zunächst seinen Job normal weiterzumachen: „Ich habe alle Warnsignale ignoriert. Auch die Hinweise meiner Frau, dass ich mich verändert habe.“ Die Szene erlebte er immer und immer wieder, auch im Traum. Vier Monate später alarmierte er selbst einen Notruf. Der Arzt erklärte ihn für dienstunfähig: posttraumatische Belastungsstörung, so die Diagnose. Seitdem ist er in Therapie. Seit zwei Monaten macht er wieder erste Schritte im Dienst.