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Mangelnde Hilfsbereitschaft in Bonn: Viele Bürger haben Angst zu helfen

Mangelnde Hilfsbereitschaft in Bonn : Viele Bürger haben Angst zu helfen

Rettungsdienste beklagen die mangelnde Bereitschaft von Passanten, im Notfall einzugreifen. Dabei ist diese Hilfe enorm wertvoll. Im vergangenen Jahr leiteten die Profis 95 Reanimationen am Telefon an.

Helfen oder wegsehen? Die Antwort lautet klar: Helfen, egal wie. Denn in Notfallsituationen, wie zum Beispiel bei Herzinfarkten oder Autounfällen, sind es oft nur wenige Minuten, die darüber entscheiden, ob das Opfer bleibende Schäden davonträgt oder sogar stirbt. Doch laut hiesiger Rettungsdienste haben viele Menschen Angst davor, bei der Anwendung von Erste-Hilfe-Maßnahmen Fehler zu begehen, und schreiten deshalb nicht ein. Um die Bonner in puncto Sofortmaßnahmen fit zu machen und potenziellen Ersthelfern die Angst vor einem beherzten Eingreifen zu nehmen, bieten die Rettungsdienste deshalb Fortbildungen an. Darüber hinaus hat auch die Feuerwehr aufgerüstet, um Ersthelfern im Ernstfall telefonisch zur Seite stehen zu können.

Elf Teilnehmer haben sich in einem Seminarraum der DRK-Zentrale in Endenich zusammengefunden, um ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse bei einer Fortbildung aufzufrischen. Einen Tag lang proben sie die stabile Seitenlage, üben Reanimationen an einer Puppe und lernen von Kursleiter Ian Umlauff Tipps und Tricks für den Umgang mit Notfallpatienten. „Ich hatte vergessen, wie man jemanden in die stabile Seitenlage versetzt“, sagt Kursteilnehmerin Michaela Schneider, die für eine Drogeriekette arbeitet. „Dabei könnte bei mir auf der Arbeit jeden Tag ein Notfall eintreten.“ So sei zum Beispiel eine ältere Dame vor Kurzem in ihrer Filiale bewusstlos geworden. Schneider half ihr umgehend, der Seniorin geht es mittlerweile wieder gut.

„Viele kennen Erste Hilfe nur vom Training für den Führerschein“, so Umlauff. „Bei manchen ist das so schon so lange her, dass vieles in Vergessenheit geraten ist.“ Neben stabiler Seitenlage und Reanimationen ist laut Umlauff auch die Abnahme des Helms bei verunglückten Motorradfahrern eine Aktion, die sich Ersthelfer nach all den Jahren nicht mehr zutrauen. „Auch wenn man die einzelnen Schritte nicht mehr genau weiß, sollte man auf jeden Fall helfen“, sagt der Kursleiter. Denn mit jeder Minute der Untätigkeit würde die Überlebenschance des Opfers um jeweils zehn Prozent sinken.

Wie gefährlich es sein kann, in solchen Notsituationen nicht zu helfen, zeigt der Fall des Rentners, der Ende vergangenen Jahres wegen eines internistischen Notfalls in einer Essener Bankfiliale zusammenbrach und einige Tage später an den Folgen seines Leidens starb. Denn statt dem Senior zur Hilfe zu eilen, ignorierten die Bankkunden den Mann. Seitdem kommen immer wieder ähnliche Vorfälle zutage, bei denen Passanten Notfallpatienten im wahrsten Sinne des Wortes links liegen lassen. So wie im niedersächsischen Nordhorn vergangenen Oktober, wo eine bewusstlose Person lange Zeit unbeachtet in einem Grünstreifen lag. Ebenso ein Autounfall Anfang März in Fulda, bei dem die meisten Verkehrsteilnehmer ohne einzugreifen einfach um die Unfallstelle herumfuhren.

Ein Verhalten, das Folgen haben kann. „Die Verweigerung von Erste-Hilfe-Maßnahmen durch Rettungskräfte wird durch den Straftatbestand der unterlassenen Hilfeleistung abgedeckt und strafrechtlich verfolgt“, warnt Polizeisprecher Simon Rott. Im vergangenen Jahr sei das in Bonn zehn Mal vorgekommen, 2015 verzeichnete die Polizei sogar elf Fälle von unterlassener Hilfeleistung. Als Strafe drohen Geldbußen oder Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr. Für Fehler bei der Hilfeleistung kann man jedoch nicht belangt werden.

Wer sich seiner Fähigkeiten nicht sicher ist, kann sich zur Not immer noch auf die Hilfe der Feuerwehr verlassen. Die Beamten in der Bonner Leitstelle sind nämlich gut auf solche Situationen vorbereitet und können Anrufer per Telefon bei der Durchführung von Erste-Hilfe-Maßnahmen anleiten. Dabei bekommen sie seit Kurzem zusätzliche Hilfe von Tablet-PCs, die ihnen die einzelnen Schritte in speziell aufbereiteter Form anzeigen.

„Bei uns gingen 2016 rund 72.000 Notrufe ein“, sagt Jörg Schneider von der Leitstelle der Bonner Feuerwehr. „Von 230 Reanimationen wurden 95 am Telefon durchgeführt.“ Mit Erfolg, wie Schneider berichtet, denn die Maßnahmen verschaffen dem Rettungsdienst wertvolle Zeit. „Es geht bei der Ersten Hilfe vor allem darum, die sechs bis acht Minuten zu überbrücken, bis die Sanitäter vor Ort sind und den Patienten übernehmen können“, so Schneider.