Vize-Bürgermeister auf Bonn-Besuch „Die Russen schießen in Cherson sogar auf Ärzte“

Interview | Bonn · Eine Delegation aus der ukrainischen Solidaritätspartnerstadt Cherson hat sich in Bonn Anregungen für den Wiederaufbau geholt. Vize-Bürgermeister Vitalii Bielobrov beschreibt im Interview die dramatische Lage in der Frontstadt – und erklärt, wie die Bonner am besten helfen können.

Vitalii Bielobrov am Montag während eines Gesprächs bei der Bonner Feuerwehr.

Vitalii Bielobrov am Montag während eines Gesprächs bei der Bonner Feuerwehr.

Foto: Benjamin Westhoff

Sie sind seit Samstag in Bonn. Wie fühlt sich das an, unter freiem Himmel nicht nach russischen Drohnen Ausschau halten zu müssen, die Sie attackieren könnten?

Vitalii Bielobrov: Der erste Gedanke, der mir kommt, wenn ich einen Hubschrauber höre oder ein Flugzeug, ist immer: Sind das unsere? Oder feindliche Flugobjekte? Genauso bei anderen lauten Geräuschen wie einer Straßenbahn, die vorbeifährt. Mehrere Tage keinen Bombenalarm zu hören, das ist schon sehr ungewohnt.

Wie oft gibt es Luftalarm in Cherson?

Bielobrov: Sehr, sehr oft. Der Bombenalarm startet aber nur, wenn eine Rakete anfliegt. Dann gibt es einen kurzen Zeitraum, um sich im Schutzkeller in Sicherheit zu bringen. Die größte Gefahr besteht aber dadurch, dass Cherson nur vier Kilometer von der Feindeslinie entfernt liegt. Wir werden aus Panzern beschossen, von Drohnen, von Minenwerfern, von Artillerie, bis vor Kurzem auch von Scharfschützen vom anderen Ufer des Dnipro. Die Gefahr durch diese Geschosse ist viel, viel größer als durch die Raketen, und dafür gibt es keinen Alarm.

Wen beschießen die russischen Angreifer?

Bielobrov: Sie führen keinen Krieg gegen die ukrainische Armee, sondern gegen alles, was ukrainisch ist. Deswegen nehmen sie ausnahmslos alles ins Visier. Wohngebäude, Krankenhäuser, Supermärkte, humanitäre Zentren. Alles. Der erste Beschuss, unter den ich geraten bin, war in einem Supermarkt im Stadtzentrum.

Ich hörte, dass auch städtische Mitarbeiter, die Infrastruktur nach Angriffen reparieren, in diesem Moment gezielt beschossen werden?

Bielobrov: Das ist so. Die kommunalen Mitarbeiter, die herausfahren, um Reparaturarbeiten durchzuführen, werden beschossen. Und das Schlimme ist, dass auch Ärzte und andere, die Unterstützungsleistungen erbringen, unter Feuer genommen werden.

Wie sieht unter diesen Umständen ein typischer Arbeitstag für Sie aus?

Bielobrov: Ich bin um 8 Uhr am Arbeitsplatz. Den überwiegenden Teil meiner Arbeitszeit verbringe ich in unserem Bunker. Aber ich habe in den Stadtteilen, für die ich zuständig bin, auch Termine. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind bis etwa 17 Uhr im Dienst. Der Leiter der städtischen Militärverwaltung und wir als seine Stellvertreter arbeiten überwiegend bis 19 oder 20 Uhr. Dazu kommt ständige Rufbereitschaft. Wenn es besondere Vorkommnisse gibt, arbeiten wir auch bis 23 Uhr durch.

Was sind die größten Probleme der Menschen in Cherson?

Bielobrov: Das erste und größte Problem sind die Russen, ist die Sicherheit. Das zweite ist das Fehlen von Ressourcen, menschlichen und finanziellen. Wir haben außerdem so gut wie keine wirtschaftliche Tätigkeit mehr in Cherson, weil die meisten Unternehmen die Stadt verlassen mussten. Es sind vielleicht noch fünf Prozent der Firmen da, die wir vor der Großinvasion hatten. Wir haben riesige Probleme, qualifiziertes Personal zu finden, das die Gefahren hier in Kauf nimmt. Außerdem fehlt uns Technik in vielen Bereichen, weil die Russen vor ihrem Abzug 2022 so viel zerstört oder mitgenommen haben. Wir haben praktisch nichts mehr. Absolute Priorität hat für uns, dass die Frontlinie um mindestens 50 Kilometer verschoben wird, damit die Stadt nicht mehr so direkt beschossen werden kann.

Wie gut funktioniert die Versorgung mit Strom, Wärme und Wasser?

Bielobrov: Die Russen zielen auf unsere Infrastruktur, also zum Beispiel Umspannwerke oder Gasleitungen. Doch unsere Notfallteams sind danach blitzschnell vor Ort und reparieren alles in unglaublicher Geschwindigkeit. Ich kann sie nur als Superhelden bezeichnen. Aber es gibt leider bestimmte Stadtteile, die besonders stark beschossen und aus der Luft durch russische Drohnen überwacht werden. Sobald sich ein Auto in Bewegung setzt, wird das registriert. Dort können wir nichts reparieren. Dort haben die Menschen seit über einem Jahr kein Wasser, keine Elektrizität, keine Wärme, kein Internet.

Wie überstehen sie den kalten Winter in Cherson?

Bielobrov: Die Menschen helfen sich mit Holzpellets, kleinen Kohleöfen oder Generatoren.

Gibt es ausreichend Lebensmittel?

Bielobrov: Ja, in Supermärkten oder kleinen Geschäften. Wir haben auch noch einige Cafés und Restaurants. Der Supermarkt, in dem ich einkaufe, wurde allerdings schon dreimal beschossen. Cherson hat sich aber, obwohl man es kaum glauben mag, an diese Situation irgendwie gewöhnt. Wir haben keine andere Wahl.

Wie gut funktioniert die medizinische Versorgung?

Bielobrov: Wir haben mehrere Krankenhäuser. Das Hauptproblem ist der Personalmangel, aber natürlich auch die Ausstattung. Es ist unglaublich schwer, die Leute zu motivieren, hier zu arbeiten. Wir hatten ein furchtbares Beispiel für diese Situation. Ein Praktikant, der im städtischen Krankenhaus anfing. Er trat seine Arbeitsstelle an, und schon am zweiten Tag war er tot, umgekommen durch eine russische Rakete. In Cherson werden noch immer Kinder geboren. Als wichtiges, großes Projekt wollen wir jetzt die Krankenhäuser unterirdisch ausbauen – zum Schutz vor Beschuss. Als erstes wollen wir so eine Kinderabteilung und einen Operationssaal unterbringen.

Haben Sie dafür genug Geld?

Bielobrov: Wir haben Mittel für den Umbau gefunden, als Startressource. Aber wir suchen noch Mittel, um die gesamte Ausstattung kaufen zu können.

Wie viel brauchen Sie dafür?

Bielobrov: Die Schutzräume werden etwa 500 Quadratmeter groß sein. Für die Ausstattung brauchen wir geschätzt 500.000 Euro. Wir können erst starten, wenn alle medizinischen Geräte da sind, die die Ärzte brauchen.

Sind in Cherson noch Schulen in Betrieb?

Bielobrov: Wir haben keinen Präsenzunterricht, sondern nur online. Wir denken ähnlich wie bei den Kliniken auch über geschützte Schulräume nach. Aber der Weg dorthin wäre gefährlich. Deswegen würde ich dem Unterricht zu Hause den Vorzug geben, damit die Kinder sich nicht dem Risiko aussetzen müssen, auf dem Schulweg getroffen zu werden.

Wie viele Menschen leben noch in Cherson? Und warum bleiben sie trotz Lebensgefahr?

Bielobrov: Vor der Invasion hatten wir 320.000 Einwohner. Heute sind es 93.000, darunter etwa 4000 Kinder. Es gibt unterschiedliche Gründe, warum die Menschen bleiben. Die erste Gruppe sind bettlägerige Menschen. Oder es sind die Verwandten, die sich um diese nichtmobilen Menschen kümmern. Andere sind an ihre Haustiere emotional gebunden und möchten sie nicht zurücklassen. Die dritte Kategorie sind Menschen, die sagen: Das ist mein Haus, das ist meine Stadt, das ist mein Land. Und ich möchte nirgends hingehen. Die Motivation kann oft auch Angst sein, dass man einfach sein gewohntes Umfeld nicht verlassen möchte.

Wie viel Prozent der Wohnhäuser sind beschädigt oder zerstört?

Bielobrov: Ich kann die Prozentzahl nicht beziffern, aber es gibt keinen einzigen Kindergarten, keine einzige Schule, kein Krankenhaus, das nicht beschädigt wäre. Und ich möchte besonders erwähnen, dass unglaubliche Beschädigungen durch den Umwelt-Völkermord, der durch die Zerstörung des Kachowka-Staudamms verursacht wurde, hinzugerechnet werden müssen. Durch die Flut und den Beschuss sind in Cherson mehr als 6500 Objekte beschädigt.

Der russischen Armee werden auch in Cherson Folter und Vergewaltigung vorgeworfen. Wie viel Hilfe bekommen die Opfer der Besatzung vor Ort?

Bielobrov: Wir kennen 540 Fälle von Vergewaltigung. Vor der Invasion hatten wir in Cherson eines der anerkanntesten Zentren zur Verhinderung von häuslicher Gewalt. Dort wird jetzt intensiv gearbeitet, und wir versuchen, auch andere Organisationen zur Mitarbeit zu gewinnen. Alle Fälle werden dokumentiert. Es fällt den Menschen sehr schwer, darüber zu sprechen. Die Bereitschaft, das Erlebte niederzuschreiben, ist leider bislang noch nicht sehr groß. Aber die Dokumentation ist wichtig. Wir müssen Beweise sammeln, um diese Verbrechen später von Gerichten aufarbeiten zu lassen und für Gerechtigkeit zu sorgen.

Die russische Armee erhöht den Druck an der Ostfront. Haben Sie Sorge, dass Cherson erneut fallen könnte?

Bielobrov (wird hart im Ton): Cherson wird nicht fallen. Wir sind nicht dieselben, die wir vor zwei Jahren waren. Für Cherson ist eine erneute Besatzung das Allerschlimmste, das man sich vorstellen kann. Aber unser Schicksal hängt sehr vom Umfang und der Geschwindigkeit der Waffenlieferungen unserer westlichen Partner und damit auch Deutschland ab.

Warum hat Cherson ausgerechnet Bonn um eine Solidaritätspartnerschaft gebeten?

Bielobrov: Jede Städtepartnerschaft entsteht durch Menschen, die aufeinander zugehen. Und in diesem Fall waren es Menschen, die in Bonn Zuflucht gefunden und diese Initiative angestoßen haben. Ich möchte zwei Personen besonders nennen. Tamara Vukovic hat Cherson im Alter von 14 Jahren verlassen und lebt schon lange in Bonn. Es war ihr Traum, dass ihre Stadt Cherson und Bonn Partnerstädte werden. Und die zweite ist Tetjana Linetska, die vor zwei Jahren nach Bonn kam und sich sehr dafür eingesetzt hat, dass diese Partnerschaft zustande kam.

Womit könnte Bonn Ihrer Stadt am meisten helfen?

Bielobrov: Bonn hilft uns schon sehr mit verschiedenen technischen Mitteln, unter anderem Feuerwehrfahrzeugen. Wir haben am Montag auch über weitere Bedarfe gesprochen, die wir haben. Ich denke, dass wir diesen Austausch vertiefen. Wir arbeiten jetzt auch schon sehr intensiv daran, den Wiederaufbau vorzubereiten. Weil Bonn riesige Erfahrung und geballtes Fachwissen hat, werden wir in Zukunft diese Unterstützung, dieses Fachwissen, diesen Austausch suchen in der Vorbereitung der Strategie. Und für die Zukunft hoffen wir, dass Bonner Unternehmen zu uns kommen, hier investieren und sich am Wiederaufbau beteiligen. Wir sind unendlich dankbar für die bisherige Hilfe aus Bonn. Für die Menschen in Cherson ist sie ein Signal, dass sie nicht allein gelassen werden.

Wenn Sie zehn Jahre in die Zukunft schauen: Wie sieht Cherson in Ihrer Vorstellung aus?

Bielobrov: Ich sehe eine moderne, umweltfreundliche, multinationale Stadt, in der glückliche Menschen leben. So wie Bonn schon heute ist.

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