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Begriff wird neu entdeckt: Vortrag in Bonn über Heimatliebe

Begriff wird neu entdeckt : Vortrag in Bonn über Heimatliebe

Lange hatte der Begriff Heimat etwas Rückwärtsgewandtes, Verstaubtes, politisch Verdächtiges an sich. Nun streiten sich Parteien um die Deutungshoheit des Begriffs Heimat und in NRW gibt jetzt sogar ein Heimatministerium.

„Heimat als Projekt: Ist die Zivilgesellschaft gefordert?“ lautete daher das Thema, über das der Autor und Publizist Henning von Vieregge auf Einladung der Bürgerstiftung Bonn im Haus der Stiftungen sprach. „Making Heimat“ hieß der deutsche Beitrag bei der Architekturbiennale in Venedig. Die deutsch-englische Überschrift verdeutlicht Vieregges essentielle These: Heimat ist ein Prozess, den man befördern kann. Vieregge verwies dabei auf die Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier am 3. Oktober 2017, in der er den Heimatbegriff rehabilitiert hatte. „Heimat ist der Ort, den wir als Gesellschaft erst schaffen. Heimat ist der Ort, an dem das Wir Bedeutung bekommt. So ein Ort, der uns verbindet, über die Mauern unserer Lebenswelten hinweg, den braucht die demokratische Gemeinschaft und den braucht Deutschland“, hatte Steinmeier gesagt.

Beim Entstehen von Heimat komme, so Vieregge, den „sorgenden Gemeinschaften“ der Zivilgesellschaft wie Nachbarschaftshilfen, Initiativen, Stiftungen, Kirchengemeinden und Vereinen eine entscheidende Bedeutung zu. „Heimat, das ist: Sich wohl, angenommen und sicher fühlen. Man ist angekommen und geblieben. Heimat ist ein Grundbedürfnis des Menschen“, sagte Vieregge. Viele Menschen seien heute auf der Suche nach dem Wir-Gefühl, Geborgenheit und Entschleunigung. Ziele, die erreichbar seien, wenn man selber aktiv würde. „Beheimatung“ beginne in sich selbst. Man könne, ja müsse sich selbst beheimaten – innerlich wie äußerlich.

Die äußere, örtliche Beheimatung sei dabei einfacher. Dazu gehöre unter anderem auf Nachbarn zugehen, sich in Projekten engagieren, den Lokalteil lesen, die unmittelbare Natur kennenlernen und im Ort einkaufen. „Man muss investieren, aktiv werden.“ Vieregge widmete sich auch extremen Definitionen des Begriffs Heimat. Dabei kritisierte er die Wagenburgmentalität der AfD, die auf alles Neue und Fremde mit Abwehr reagiere. Als Illusion bezeichnete der Publizist aber auch das heimatlose Weltbürgertum des linken Mainstreams. Vieregge zitierte aus Bernhard Schinks „Heimat als Utopie“ von der Utopie, keine Heimat zu haben: „Das intellektuelle Lebensgefühl der Ortslosigkeit, der nationalen Unbezogenheit und Ungebundenheit teilten wir allemal … und wollten am liebsten Weltbürger sein.“ Heute, so Vieregge, spräche Schink von einer neuen Liebe zu Region, Stadt und Kiez – und die sei eine Reaktion auf eine neue „keineswegs ausschließlich deutsche Entfremdungserfahrung“.