Ausstellung zu Kolonialismus War Beethoven in Wahrheit ein Schwarzer?

Bonn · Die Künstlerin Cheryl McIntosh zeigt ihre textilen Arbeiten zur Kolonialgeschichte im Arndt-Haus.War Beethoven in Wahrheit ein Schwarzer? Cheryl McIntosh greift das Gerücht in ihrer Ausstellung auf, die sich mit kolonialen Spuren in Bonn beschäftigt.

 Die Künstlerin Cheryl McIntosh zeigt ihre textilen Arbeiten zur Kolonialgeschichte im Arndt-Haus.

Die Künstlerin Cheryl McIntosh zeigt ihre textilen Arbeiten zur Kolonialgeschichte im Arndt-Haus.

Foto: Martin Wein

Geht es um die in Bonn städtischerseits seit einigen Jahren mit einigem personalem Aufwand betriebene Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit, so werden regelmäßig dieselben wenigen sichtbaren Bezugspunkte erwähnt. Sei es das Grab des berüchtigten Kolonialoffiziers Lothar von Trotha auf dem Poppelsdorfer Friedhof oder die Mohren-Figur in der Bonngasse. „Kolonialrassistisch“ nennt sie Sport- und Kulturdezernentin Birgit Schneider-Bönninger.

War Beethoven ein Schwarzer?

Cheryl McIntosh geht einen Schritt weiter und stellt selbst Ludwig von Beethoven, der im Nachbarhaus der Figur geboren wurde, in einen kolonialen Kontext. Auf einem Stoff mit üppigem Blumenmuster hat McIntosh den schwarzen Geigenvirtuosen, Komponisten und Dirigenten Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges (1745-1799), porträtiert. Ihn stellt sie einer Vitrine mit Dekomenten über Beethoven gegenüber. Im Internet, so liest man im Katalog zu McIntoshs Ausstellung „Counter thoughts – Counter images“ (Gegengedanken - Gegenbilder) im Ernst-Moritz-Arndt-Haus, gebe es das Gerücht, Beethovens Herkunft sei verleugnet worden, er sei in Wahrheit ein Schwarzer gewesen. Schließlich sei oft von seinem dunklen Hautton berichtet worden. Beethoven – ein Opfer von Whitewashing, wie das neuerdings heißt?

McIntosh, geboren in Jamaika, 15 Jahre in verschiedenen Ländern Afrikas unterwegs, und seit dem Jahr 2000 mit Unterbrechungen in Bonn wohnend, hat das koloniale Erbe ihrer eigenen Vorfahren und dessen Folgen zum Lebensthema ihrer Kunst gemacht. Das Zentrum für Stadtgeschichte und Erinnerungskulturen hat sie vor einem Jahr eingeladen, das Thema Kolonialismus und Rassismus künstlerisch aufzuarbeiten. Das Ergebnis ist nun bis 28. März im Arndt-Haus zu sehen, das sich nach Ansicht von Schneider-Bönninger hervorragend für derartige Ausstellungen eignet. Auf die Debatte um Arndt, der selbst unter verschärftem Rassismusverdacht steht, ging die Dezernentin bei der Eröffnung indessen nicht ein.

Kolonialismus und Rassismus in den Fokus rücken

„Durch ihre einzigartige Perspektive schicken uns die Werke nicht nur auf eine visuelle und ästhetische Reise, sondern laden auch dazu ein, die koloniale Geschichte und deren Auswirkungen auf einer emotionalen Ebene zu erleben“, schreiben die Projektmitarbeiterinnen Maren Dürr, Lisa Groh-Trautmann und Maria Weyer im hilfreichen und visuell attraktiven kostenlosen Katalog zur Ausstellung, die daraus jetzt entstanden ist.

Mit ihren Arbeiten wolle sie „Licht auf die Themen Kolonialismus, Rassismus, Widerstand und Anerkennung werfen, insbesondere, wenn auch nicht ausschließlich im Zusammenhang mit der Geschichte der Stadt Bonn“, sagt die Künstlerin. Sie ist so klug, sich uneindeutig zu positionieren. Ein schwer lesbares Zitat Konrad Adenauers aus dem Jahr 1927, der damals als Kölner Oberbürgermeister für den Erwerb von Kolonien warb, weil Deutschland der Raum fehle, wirft Fragen auf. Illustrationen aus einem Buch des ehemaligen Bonner Agrarforschers Ferdinand Wohltmann setzt McIntosh in einer bunten Collage neu zusammen. Die Bonner Kirschblüten bekommen dabei einen schalen Beigeschmack. Wohltmann war auch Vorstandsmitglied in der Deutschen Kolonialgesellschaft. Auch Lothar von Trotha kommt vor, aber auch Widerstandskämpfer wie Mahatma Gandhi.

Welche Schlüsse man aus dieser Aufarbeitung für den Umgang mit Bonns Vergangenheit, die wie die jeder anderen deutschen Stadt auch koloniale Bezüge hat, ziehen soll, bleibt letztlich jedem selbst überlassen. In Sachen Beethoven gibt der Katalog Entwarnung. McIntosh zitiert darin aus dem US-amerikanischen Smithsonian Magazin: „Ich brauche offen gesagt keine weiteren Debatten über Beethovens Schwarzsein. Aber ich will, dass die Menschen sich die Musik von Bridgetower anhören“. George Bridgetower, bürgerlich Hieronimo Hyppolito de Augusto, war ein englischer Geiger und Komponist mit afroeuropäischen Wurzeln.

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