Mit Wasser aus der Luft die Blumen gießen Warum Godesberger Schüler mit einem Wetterballon experimentieren

Bad Godesberg · Schüler der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule in Bad Godesberg haben am Donnerstag einen Wetterballon steigen lassen. Die Initiatoren verfolgen mehrere Ziele mit diesem Experiment.

 Die letzten Handgriffe: Gleich lassen Lehrer Andreas Kirst (2.v.r.) und seine Schüler den Wetterballon steigen.

Die letzten Handgriffe: Gleich lassen Lehrer Andreas Kirst (2.v.r.) und seine Schüler den Wetterballon steigen.

Foto: Richard Bongartz

10, 9, 8, 7, 6… Diesen Countdown hat ein Junge auf dem Hof der Elisabeth-Selbert-Gesamtschule nun schon zum dritten Mal gestartet. Er kann es kaum erwarten, dass der große weiße Wetterballon in den Himmel steigt. Doch beeinflussen kann er die akribischen Vorarbeiten nicht. Gut Ding will Weile haben. Also noch mal: 10, 9, 8…

Währenddessen gerät Andreas Kirst ein wenig in Stress, vielleicht auch angesichts der vielen jungen Zuschauer um ihn herum und in den breiten Fenstern der Klassenzimmer. Der mit 15 Litern aufgepumpte Heliumballon zieht schon ganz schön nach oben, doch es sind noch nicht alle Messgeräte befestigt. Der Lehrer wirft die rote und die gelbe Schnur noch ein paarmal übereinander. Dann scheint alles zu sitzen: Hoch geht’s. Unter großem Gejohle, Staunen und Applaus.

Der Ballonstart ist die Bühne für den Chemie-Projektkurs, in dem sich die 18-jährigen Oberstufenschüler dienstags mit verschiedenen Projekten beschäftigen. „Sie haben seit Anfang des Schuljahres eine tolle Arbeit geleistet“, lobt Houda ihren Chemie-, Physik- und Naturwissenschaftenlehrer. Jetzt sind alle gespannt, ob die Messinstrumente in der Styropor-Box die nötigen und heiß ersehnten Daten über Luftfeuchtigkeit und Stromerzeugung liefern.

Das Experiment geht zurück auf ein Jugend-forscht-Projekt vor 20 Jahren, das heute aufgrund des Klimawandels durchaus noch relevant ist. Die Pioniere von damals haben die Firma Stratoflights gegründet, die alles rund um Stratosphärenflüge anbietet und auch die Ausrüstung für die Bad Godesberger Schüler lieferte. Dazu noch eine App, damit die Bastler dank GPS-Ortung sehen, wo ihr Ballon sich gerade befindet.

Denn es dauert nur wenige Minuten, bis hoch in den Wolken nichts mehr zu sehen ist. „Er steigt fünf Meter pro Sekunde auf“, sagt Kirst. Und schon treibt ihn der Wind über den Rhein nach Römlinghoven. Als Flugzeit sind knapp drei Stunden ausgerechnet, Landeplatz ist vermutlich bei Solingen – wenn die Gruppe wüsste...

 Der Ballon mit dem Fallschirm und der Messbox am Himmel.

Der Ballon mit dem Fallschirm und der Messbox am Himmel.

Foto: Richard Bongartz

„Wir wissen gar nicht, ob wir ihn wiederbekommen“, sagt Kirst, der am Nachmittag mit drei Schülern zur Bergung aufbrechen will. Erst wird der Ballon platzen und dann mit einem Fallschirm zur Erde zurückschweben. Und eben hoffentlich nicht auf einem Dach, an einem Mast oder in einem Baum hängenbleiben.

Viel Technik an Bord

Die Ausrüstung: Unter dem Ballon hängt erst einmal ein roter Fallschirm für die Landung, darunter die Box mit GPS-Tracker für die Ortung über Satelliten, ein Datenlogger, der Messwerte auf eine Speicherkarte schreibt sowie ein Sensor, „der die Luftfeuchtigkeit, Temperatur und Höhe misst“, sagt Erik.

 Das Experiment lockt auf dem Schulhof viele neugierige Zuschauer an.

Das Experiment lockt auf dem Schulhof viele neugierige Zuschauer an.

Foto: Richard Bongartz

„Wir wollen wissen, wie viel Wasser sich in der Luft befindet, und zwar bezogen auf eine ein Quadratmeter hohe Luftsäule“, sagt Kirst. Das Problem: Aufgrund der Klimaerwärmung findet auf der Erde immer mehr Verdunstung statt. Das Wasser muss irgendwohin, wird also von der Luft aufgenommen. Daher komme es auch zu den immer stärkeren Gewittern heutzutage, sagt der Lehrer. Die Idee ist nun, das Wasser in der Luft zu gewinnen, um damit zum Beispiel Pflanzen und Blumen zu gießen. Wie das am Ende gehen soll, daran arbeiten bereits andere Teams an der Schule. Da geht es um Luftkondensation an Kühlelementen.

Selbst gebaute Solarzellen

Zurück in die Luft: „An Bord befinden sich auch zwei Solarzellen, von denen eine selbst gebaut ist“, sagt Lars. Damit wollen die Schüler untersuchen, ob sich in 30 Kilometern Höhe mehr Strom erzeugen lässt als am Boden. Sie vermuten, dass das so ist, weil sich oben weniger Gase zwischen Ballon und der Sonne befinden. Um einen Vergleichswert zu haben, befindet sich das gleiche Solarzellenpärchen noch einmal an der Schule. Auf eine Kamera an der Box haben die Schüler verzichtet, denn an der Schnur dürfen maximal 800 Gramm Gewicht hängen. Der Ballon selbst wiegt dasselbe.

Doch was reizt an der Chemie? Chahida etwa interessiert sich sehr für die chemischen Verbindungen: „Die sind sehr interessant, und man entdeckt dabei immer wieder neue Sachen.“ Man kann allerdings auch scheitern, weiß Salma. „Doch wir sollen niemals aufgeben. Das ist Teil der Forschung.“ Houda sagt, dass sie gar nicht so gut in Chemie sei: „Aber das Fach bietet immer die Gelegenheit, etwas zu lernen.“

Mittlerweile macht der Ballon, was er will. Nach mehr als drei Stunden will er noch nicht platzen und steuert stramm Richtung Bochum zu. Kurz danach stoppt das Signal bei den Koordinaten 51°28'09.6"N und 7°18'32.8"E: ein Schuppen in Langendreer. Da sollte er doch zu bergen sein.