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Interview zur Rheinlandstudie: Warum werden Menschen dement?

Interview zur Rheinlandstudie : Warum werden Menschen dement?

Monique Breteler leitet die auf 30 Jahre angelegte Rheinlandstudie in Bonn. Erste Ergebnisse werden im kommenden Jahr erwartet. Über die Langzeitstudie und den jetzigen Wissensstand zu Demenz sprach Philipp Königs mit der niederländischen Forscherin.

Englische Wissenschaftler haben in diesem Jahr eine Studie herausgebracht. Demnach gehen die Zahlen der Neuerkrankungen an Demenz zurück. Ist es doch alles weniger schlimm, als noch vor wenigen Jahren befürchtet?

Monique Breteler: In den Niederlanden haben wir bereits vor einigen Jahren die Rotterdam-Studie publiziert, die zu ähnlichen Ergebnissen gekommen ist. Gleiches gilt für schwedische und US-amerikanische Studien. Zumindest in den westlichen Ländern stellen wir fest, dass das Risiko, an einer Demenz zu erkranken, zurückgeht. Nichtsdestotrotz nimmt die Gesamtzahl der Betroffenen weiterhin zu. Die positive Nachricht lautet: Die Menschen werden später dement als früher. Sie haben mehr gesunde Jahre.

Worauf ist das zurückzuführen?

Breteler: Das ist eine große Frage. Es gibt viele Ideen dazu. Wir gehen davon aus, dass der Lebenswandel eine wichtige Rolle spielt. In der westlichen Welt ist die medizinische Versorgung besser geworden. Es treten dadurch beispielsweise weniger Herz-Kreislauf-Krankheiten auf. Auch unsere Ausbildung, Ernährung Umwelt, Lebensumstände und die Arbeitsbedingungen haben sich im Laufe der Jahrzehnte geändert. Vieles hat sich verbessert, aber nicht unbedingt alles. Dennoch hat das alles insgesamt dazu beigetragen, die Lebenserwartungen zu erhöhen.

Die Rheinlandstudie

Das klingt ja prima. Kommt die Rheinland-Studie da nicht ein paar Jahre zu spät?

Breteler: Im Gegenteil. Es geht nun darum, herauszufinden, welche die spezifischen Ursachen und Mechanismen sind, und welche Möglichkeiten sich daraus ergeben, unsere Gesundheit zu verbessern. Welche Faktoren spielen welche Rolle? Dort setzt unsere Studie an. Wir wissen, dass viele Umstände dazu beitragen, wie man älter wird. Erbfaktoren und Umweltfaktoren beispielsweise. Wir wollen diesen komplexen Zusammenhang verstehen. Es geht uns nicht nur darum, was Demenzkrankheiten und andere Krankheiten verhindert oder hinauszögert. Wir wollen ebenso erfahren, warum manche Menschen im Alter überhaupt gesünder oder positiver gestimmt sind als andere.

Gerade haben Sie nach Beuel Untersuchungsräume in Duisdorf eröffnet. Ziel ist es, bis zu 30 000 Bürger teilnehmen zu lassen. Können Sie dieses ehrgeizige Ziel erreichen?

Breteler: Die Studie nimmt gerade Fahrt auf. Die ersten Teilnehmer konnten begrüßt werden. Die Erforschung von Demenzerkrankungen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, und wir haben nach den ersten Gesprächen den Eindruck, dass das auch in der Bevölkerung so gesehen wird. Die Deutschen kommen mir als Niederländerin gesundheitsorientiert und interessiert an solchen Themen vor. Es gibt übrigens große Arbeitgeber wie die Stadt Bonn, die Universität und das Universitätsklinikum, die das Projekt für so wichtig halten, dass sie ihre Mitarbeiter für den Zeitraum der Untersuchungen freistellen wollen.

Wirkt die lange Zeitspanne nicht abschreckend auf viele Bürger?

Breteler: Der Zeitraum ist zwar lang, aber die Teilnehmer werden nur alle drei bis vier Jahre zu einer Untersuchung gebeten. Sie müssen nicht immer zur Verfügung stehen. Man muss hinzufügen: Damit die Studie relevant ist, brauchen wir die hohe Teilnehmerzahl. Das bedeutet nicht, dass alle von Beginn an dabei sein müssen.

Sie führen klinische Untersuchungen durch und dokumentieren sie. Wann rechnen Sie mit ersten Ergebnissen?

Breteler: Ab dem nächsten Jahr. Wir werden beispielsweise neue bildgebende Verfahren einsetzen. Wenn das Gehirn gescannt wird, können diese Aufnahmen recht schnell ausgewertet werden und auch zu neuen diagnostischen Methoden führen. Darauf müssen wir nicht drei Jahrzehnte warten.

Was ist, wenn die Wissenschaftler nach den Untersuchungen einen Verdacht auf schwere Krankheiten oder Gesundheitsrisiken haben? Wird das an den oder die Teilnehmer kommuniziert?

Breteler: Wir sind zwar kein Gesundheits-Tüv. Aber wir versuchen das natürlich, wo wir können. Als Ärztin ist mir das ein wichtiges Anliegen.