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Flüchlingshilfe in Bonn: "Wenn ich in den Gesichtern der Neuankömmlinge die Angst sehe"

Flüchlingshilfe in Bonn : "Wenn ich in den Gesichtern der Neuankömmlinge die Angst sehe"

Hassan-Dirk Yücelli koordiniert für das DRK in Bonn die Einrichtung und den Betrieb von Flüchtlingsunterkünften. Sein Handy steht für den sofortigen Einsatz immer auf Stand-by.

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Feierabend, Wochenende oder Nachtruhe? Gibt es nicht. Hassan-Dirk Yücelli lässt sein Mobiltelefon niemals aus den Augen. „Wenn es klingelt, dann muss es meist schnell gehen“, sagt der 49-Jährige. Als zweiter Kreisvorsitzender und stellvertretender Kreisbereitschaftsleiter des Deutschen Roten Kreuz' in Bonn hat sich sein Leben im Sommer 2014 total verändert. Damals kamen die ersten Flüchtlinge aus Kriegs- und Krisengebieten in Bonn an. „Wir alle haben seinerzeit nicht gedacht, welche Dimension die Flüchtlingswelle erreichen wird“, sagt Yücelli. Als Koordinator ist er mit seinem DRK-Team dafür zuständig, dass Asylbewerber in der Stadt menschenwürdig untergebracht und erstversorgt werden.

Trennwände errichten, Betten zusammenschrauben, Mahlzeiten und Kleiderspenden organisieren und verteilen, Sicherheitsdienste beauftragen sowie eine soziale Betreuung vor Ort anbieten – all das gehört mittlerweile zu den fast alltäglichen Aufgaben des 49-Jährigen. „Ich weiß gar nicht, wie viele Stockbetten ich den letzten Monaten aufgebaut habe“, erzählt der gebürtige Mehlemer mit deutscher Mutter und türkischem Vater. Seit 1982 ist Yücelli Mitglied beim DRK. Als junger Helfer war er früher im Rüngsdorfer Freibad zum Sicherheitsdienst oder bei Fußballspielen und Kulturveranstaltungen eingeteilt. Heute koordiniert er die Hilfe für mittlerweile rund 1300 Menschen, die das DRK in Unterkünften betreut.

Dabei geht dem Mehlemer die Arbeit nicht nur routiniert von der Hand. „Es macht mich immer noch betroffen, wenn ich in den Gesichtern der Neuankömmlinge die Angst und die Panik sehe. Wir können nur erahnen, was sie auf ihrer Flucht durchlebt und durchlitten haben. Ich bin wirklich dankbar, dass ich in meinem Leben niemals in solch eine Situation geraten bin.“ Ihm geht das Schicksal der Kinder ganz besonders nahe. „Vielleicht bin ich dafür zu weich gestrickt“, sagt er und lächelt verlegen.

Hauptberuflich arbeitet Yücelli als Kaufmann

Die Begegnung mit einem kleinen Jungen in der Ermekeilkaserne wird er niemals vergessen. Damals hatte er mit einigen Helfern Sachspenden abgeholt, darunter war auch ein riesengroßer Plüschfrosch. „Wir hatten gerade die Laderampe unseres Lastwagens ausgefahren, als ein etwa Dreijähriger das Kuscheltier sah und uns mit leuchtenden Augen entgegenlief. Der Frosch war doppelt so groß wie er, aber er ließ ihn nicht mehr los und freute sich unbeschreiblich. Kind und Frosch waren nicht mehr zu trennen. Solche Augenblicke werde ich nicht vergessen.“

Dabei hat Yücelli eigentlich einen ganzen anderen Beruf. Als Kaufmann ist er von Montag bis Freitag in der Verwaltung eines Bonner Krankenhauses tätig. Sein Engagement für die Flüchtlingshilfe muss er in die Freizeit verlagern. „Das ist für mich wie ein zweiter Vollzeitjob. Ich investiere genauso viele Stunden fürs DRK wie in meinen Beruf“, sagt er und ergänzt: „Ich habe eben ein kompetentes Hobby. Andere gehen zum Schützen- oder Sportverein, ich zum Roten Kreuz.“

Seinem „kompetenten Hobby“ könnte er jedoch nicht nachgehen, wenn er nicht die Unterstützung und den Rückhalt seiner Frau Michaela hätte. „Sonst wäre das gar nicht möglich. Sie toleriert nicht nur meine Arbeit, sondern sie hilft ebenfalls mit, wo immer sie nur kann“, lobt er seine Frau. Und natürlich sein Team. „Das, was wir machen, funktioniert nur gemeinsam.“ Der schönste Lohn ist für ihn die Dankbarkeit. „Wenn ich sehe, wie glücklich und zufrieden die Menschen sind, wenn sie endlich keine Angst mehr um ihr Leben haben müssen, dann bin ich zufrieden. Dieses Gefühlt spornt mich immer wieder an“, sagt Yücelli. Und in Anlehnung an ein Merkel-Zitat fügt er hinzu: „Gemeinsam schaffen wir das in Bonn.“

Kritik an respektloser Behandlung

Allerdings muss auch er immer wieder Rückschläge hinnehmen. Beispielsweise die Umsiedlung der 340 Flüchtlinge aus der Ermekeilkaserne, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) dort ein Ankunfts- und Entscheidungszentrum ansiedelt. „Es ist respektlos, wie man die Stadt und das DRK behandelt hat“, ärgert er sich. „Eine Umsiedlung ist für die Betroffenen wie eine neue Zuweisung.“ Zudem würden für die Einrichtungen Steuergelder verwendet. „Und die sollte man nicht sinnlos verschleudern.“

So unterschiedlich Herkunft und Religionen der Bewohner in den Unterkünften sind, so verschieden ist auch ihr Geschmack. Das mussten die DRK-Helfer erst lernen. „Wir mussten feststellen, dass die Menschen nicht wie wir Europäer beispielsweise gerne eine warme Suppe essen. Sie sind vielmehr glücklich, wenn sie Reis und Weißbrot bekommen. Das haben wir mittlerweile begriffen und die Mahlzeiten angepasst“, erzählt Yüsseli. Für die Zukunft hat der engagierte 49-Jährige allerdings einen Wunsch: „Es sollten nicht weitere Turnhallen belegt werden. Denn sie sind zentrale Orte für das jeweilige Vereins- und Ortsleben. Wenn die Turnhallen nicht mehr genutzt werden können, dann birgt das sozialen Zündstoff. Und das wollen wir alle nicht.“