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Kritik an der Bäder-Buchung: Werden Senioren durch die Onlinereservierung diskriminiert?

Kritik an der Bäder-Buchung : Werden Senioren durch die Onlinereservierung diskriminiert?

Mit einem Beschwerdebrief hat sich die Bonnerin Linda Orth an die Stadt gewandt. Ihr Vorwurf: Senioren ohne Internetkenntnisse scheitern bei der Reservierung von Karten fürs Freibad, weil über die Hotline keine Mitarbeiter zu erreichen sind.

Der Vorwurf der Diskriminierung wiegt für die Verantwortlichen beim Sport- und Bäderamt schwer: Die Bonnerin Linda Orth hatte ihn in einem Beschwerdeschreiben an Oberbürgermeister Ashok Sridharan erhoben, nachdem sie über das offizielle Beschwerdeformular des Bürgeramtes keine Antwort erhalten hatte, wie sie sagt. Überschrieben mit „Römerbad für alle“, hatte sie sich im Namen von zwei Nachbarinnen bei der Stadt beschwert. Denn den beiden Seniorinnen – vor Corona-Zeiten regelmäßige Frühschwimmerinnen – war es seit der Öffnung des Römerbads nicht mehr gelungen, ins Schwimmbad zu gelangen. Grund ist das Verfahren, bei dem man seit Ende des Corona-Lockdowns Eintrittskarten per Internet oder telefonisch vor dem Badbesuch reservieren muss.

Da die Frauen – beide Mitte 70 – weder über Kenntnisse im Umgang mit dem Internet noch über ein Smartphone oder PC verfügen, hatten sie versucht, die von der Stadt für solche Fälle eingerichtete Telefon-Hotline (siehe Kasten) zu erreichen, um sich telefonisch Tickets vorzubestellen. Doch sie kamen trotz vielfacher Versuche nicht durch. Bei mehreren Testanrufen des GA am Donnerstag gab es ebenfalls immer nur eine Bandansage des Sport- und Bäderamtes, alle Leitungen seien belegt, der Anrufer solle es später noch mal versuchen.

Den Vorwurf, dass mit dem Ticket-System ein bestimmter Personenkreis wie diese Seniorinnen diskriminiert würden, verbittet sich die stellvertretende Leiterin des Sport- und Bäderamts, Elke Palm. Es seien bis zu vier Mitarbeiter an der Hotline im Einsatz. „In wenigen Ausnahmesituationen konnte es an heißen Tagen zu Überlastungen und damit auch zu Wartezeiten kommen“, erklärt Palm. In der Regel seien die Telefone montags bis freitags direkt erreichbar. Durch das kurzfristig umgesetzte Online-Ticketsystem sei es der Stadt nicht nur möglich, die Zahl der Besucher zu regulieren, sondern auch deren Kontaktdaten zu erfassen, um sie im Falle einer Infektion mit dem Corona-Virus umgehend zu informieren. „Ein großes Kompliment an die Stadt, wie schnell es gelungen ist, die Bäder wieder zu öffnen“, lobt denn auch Römerbad-Besucher Götz Nagel (69) das System. Es sei mutig gewesen, mit einem so schnell entwickelten Sicherheitskonzept die Bäder bereits ab Ende Mai wieder zu öffnen. Seine Frau Marion Pieper-Nagel fügt hinzu, dass es vor allem auch erwähnenswert sei, wie sauber das Römerbad nun sei. Das Lob dürfte auch Elke Palm freuen. Sie weiß, wie sehr es ihre Mitarbeiter schätzen, zwischen den drei Zeitblöcken in denen die Bäder täglich öffnen, jeweils eine Stunde Zeit zu haben, das Bad zu reinigen und zu desinfizieren. „Es wäre schön, wenn wir das auch nach Corona beibehalten könnten“, sagt sie und fügt jedoch sofort hinzu, dass das im Normalbetrieb leider illusorisch sei. Inzwischen werden wohl auch die beiden Frauen, die Linda Orth bemühten, ihren Einfluss bei der Stadt geltend zu machen, wieder ihre Bahnen im Römerbad ziehen können.

 Trotzdem hält Orth an ihrem Vorwurf fest, das System diskriminiere Personen, die nicht internetaffin seien oder keinen Zugriff auf diese Möglichkeit hätten. Orth verwies auf eine Begegnung mit drei jungen Männern, die mangels Internetverbindung keine Tickets lösen konnten. Auf die Tatsache hingewiesen, dass es vor Ort keine andere Möglichkeit gebe, an Tickets zu kommen, habe man ihr geantwortet, man sei nicht wütend, sondern betroffen. Orth schrieb dazu in ihrer Beschwerde an die Stadt: „Ich nenne es Ausgrenzung, ja diskriminierend. So werden alte Menschen und Personen mit Migrationshintergrund benachteiligt, die keinen Computer besitzen oder keinen Internetzugang haben. Das Ausfüllen der Formulare ist für Menschen, die die deutsche Sprache nicht zu 100 Prozent beherrschen, unmöglich.“

Ihr Vorschlag, am Badeingang einen speziellen Einlass für Senioren und Migranten einzurichten oder morgens je zwei Stunden Badeinlass ohne vorherige Reservierung zu ermöglichen, lehnt Palm mit der Begründung ab, „dass sich keine größeren Gruppen an einem Punkt einfinden“ dürften. Deshalb müsse man auf eine vorherige Reservierung bestehen. Um die Entscheidung zu untermauern, erklärt Palm: „Derzeit dürfen 950 Gäste gleichzeitig im Römerbad sein. In normalen Jahren sind es an heißen Ferientagen bis zu 6000. Wir würden also mit der von Ihnen genannten Idee möglicherweise tausende Gäste anlocken, die aber nicht eingelassen werden dürfen.“ Frühschwimmerin Constance Jansen (74) hat kein Problem mit dem Reservierungssystem. Sie buche per Telefon immer schon für einen Tag im Voraus. Mehr ginge leider nicht, aber das sei keine Kritik.