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Der GA berichtete 1908: Wie ein Gauner als „Hauptmann von Köpenick“ Bonn besuchte

Der GA berichtete 1908 : Wie ein Gauner als „Hauptmann von Köpenick“ Bonn besuchte

Im Jahr 1908 vermochte sich ein kleiner Gauner als Hauptmann vin Köpenick“ auch in Bonn als Star zu verkaufen. Im Wirtshaus Ruland riss man sich um die Fanartikel des arbeitslosen Schusters.

Dieser Bonn-Besucher vom 26. November 1908 hatte es faustdick hinter den Ohren. „Sensation!“, schrieb am Tag darauf der General-Anzeiger Bonn. GA-Leser Klaus Rick hat den Artikel für diesen Beitrag ausgegraben. Eine große Menschenmenge habe es doch wirklich für nötig gehalten, einen älteren grauhaarigen Mann mit Stirnglatze und dichtem Schnäuzer, der vormittags im Bonner Bahnhof eingefahren war, zu empfangen, so der GA damals. Der „Hauptmann von Köpenick“ sollte das sein, raunte die Menge. Und der habe sich daraufhin ins damalige Wirtshaus Ruland in die Stockenstraße begeben und daselbst Hof gehalten. Ansichtskarten von sich habe er rundherum auf den Tischen ausgelegt, die sofort neugierig beäugt wurden. Daraufhin habe der Mann sie stolz mit seiner Widmung versehen. Auch ein „Sekretär“ wieselte herum.

Der GA berichtete 1908: Wie ein Gauner als „Hauptmann von Köpenick“ Bonn besuchte
Foto: Archiv Klaus Rick. Repro: ham

Bald sei „der Hauptmann“ von einer hundertköpfigen Menge belagert gewesen. Doch „gleich darauf erschien ein höherer Polizeibeamter, der sich erkundigte, ob man auch den ‚Echten’ vor sich habe“, schilderte der Reporter die Szene. Der „Herr Hauptmann“ habe aber die Bedenken „über seine Echtheit durch Vorzeigung seiner Legitimationspapiere“ generös zerstreut, und erklärt, „dass er nur deshalb Bonn mit seinem Besuch beehrt habe, weil ihm zu Ohren gekommen sei, dass hier vor etwa 14 Tagen ein ‚falscher Hauptmann’ sein Unwesen getrieben habe.“ Soweit der erste Bericht zur „Sensation“ von 1908.

Der GA berichtete 1908: Wie ein Gauner als „Hauptmann von Köpenick“ Bonn besuchte
Foto: Archiv Klaus Rick. Repro: ham

Mit einem Schlag zu internationaler Berühmtheit

Der Prominente mit dem Schnäuzer, der der Rheinstadt die Ehre erwies, hieß Wilhelm Voigt, war Schumacher und zwei Jahre zuvor im Ort Köpenick vor den Toren Berlins mit einem Schlag zu internationaler Berühmtheit gelangt. Am 16. Oktober 1906 war er dort nämlich mit preußischen Gardisten im Zug eingefahren und ins Rathaus marschiert. Der Mann trug die Uniform eines Hauptmanns – die er sich zuvor bei einem Trödler besorgt hatte. Voigt war schon früh wegen Diebstahls und Urkundenfälschung mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Den ersehnten Eintritt ins Militär hatte er sich abschminken müssen, war im Gefängnis gelandet und danach nie wieder in Lohn und Brot gekommen.

So musste also am 16. Oktober 1906 ein richtig großer Coup her. In Uniform hatte Voigt also als „Hauptmann von Maltzahn“ eine Wachmannschaft in Plötzensee geleimt und sie unter sein Kommando gebracht. Auf ging es unter dem Kommando „Zur Attacke marsch, marsch!“ zum Köpenicker Rathaus. Die Telefonkontakte wurden gekappt und der völlig überrumpelte Bürgermeister mit weiteren Beamten festgenommen und in Kutschen nach Berlin gesteckt. Danach war dem Schuster die gesamte Stadtkasse ausgehändigt worden - mit der der Gauner sich erst einmal vom nobelsten Herrenausstatter Berlins angemessen einkleiden ließ. Bis ihn ein früherer Mithäftling verpfiff. Voigt landete mal wieder hinter Schloss und Riegel, war aber zur Legende geworden: als kleiner arbeitsloser Handwerker, der dem preußischen Obrigkeitsstaat eine lange Nase zeigte. 1931 sollte Carl Zuckmayer darüber ein sozialkritisches Theaterstück uraufführen, das dem Kabinettstück Voigts nicht zuletzt durch die Verfilmung der 1950er Jahre mit Heinz Rühmann ein Denkmal setzte.

Bonn war nach der Haft eine der ersten Stationen

Zurück zum 26. November 1908 in Bonn. Vier Jahre Gefängnis hatte Voigt eigentlich erhalten, wegen „unerlaubten Tragens einer Uniform, Vergehens gegen die öffentliche Ordnung, Freiheitsberaubung, Betruges und schwerer Urkundenfälschung“, wie Klaus Rick, der vormalige stellvertretende Verwaltungseiter der Justizvollzugsanstalt Bonn, mit dem Berliner Originalurteil belegen kann. Schon nach zwei Jahren war Tausendsassa Voigt aber wieder frei – und ging mit seinem „Sekretär“ auf Tournee durch Deutschland und die Nachbarländer, bevor er 1922 verarmt in Luxemburg sterben sollte. Bonn war nach der Haft eine der ersten Stationen des „richtigen Hauptmanns“, aus dessen Ruhm dann eben noch ein paar weitere Fälscher Kapital schlugen.

Die Bonner Polizei jedenfalls tauchte noch ein zweites Mal im Wirtshaus Ruland auf, schrieb der GA in einem weiteren Artikel. Unübersehbar war, dass der prominente Besucher seinen Fans die Autogrammkarten und Scherzpostkarten mit Grüßen „vom Räuber-Hauptmann a.D.“ für Geld verkaufte. Weshalb ihn die Beamten nach einem Verhör wegen "Sichzurschaustellens" aus der Stadt schmissen. „Der Hauptmann und sein Begleiter verließen denn auch bald die ungastliche Stätte und begaben sich über die Rheinbrücke nach Beuel“ zum Bahnhof, schrieb der GA. Es gab noch genug andere Städte, in denen sich die Fanartikel verkaufen ließen.