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Kottenforst: Wild flüchtet aus dem Stadtwald

Kottenforst : Wild flüchtet aus dem Stadtwald

Ein Wald ohne größere Tiere: Das erwartet die Besucher, die auf den Wegen zwischen Röttgen, Ippendorf und Bad Godesberg unterwegs sind. Im Bonner Stadtwald gibt es kaum noch Wild.

Anne Schwaneberg, die seit fast 30 Jahren auf ihrer acht Kilometer langen Laufstrecke zwischen Meckenheim, Villiprott und Jagdhaus Röttgen unterwegs ist, hat das gemerkt: „Es sind keine Tiere mehr da, keine einzige Spur, das gab es noch nie“, schrieb sie dem GA. Bei Schnee konnte man früher immer Wildwechselspuren sehen. Aber selbst das war Anfang 2017 nicht mehr der Fall. „Ich bin entsetzt“, so die Joggerin.

„Tiere werden Sie hier nicht mehr sehen“, sagt auch Stadtförster Sebastian Korintenberg und deutet ins Rund. Es war bei der jüngsten Ortsbesichtigung rund um die Waldau, als es um den Baumeinschlag ging. „Für das Wild ist es hier rund um die Waldau inzwischen viel zu unruhig“, erzählte Korintenberg bei dieser Gelegenheit.

Kapitale Maschinen sind seit Anfang Dezember und noch bis Ende Februar dabei, den Stadtwald zu lichten. Naturverjüngung nennt sich das, denn die verbleibenden Bäume sollen mehr Licht und Luft bekommen. Gefällt werden nach Angaben der Stadtförsterei mehrere tausend Bäume auf einer Fläche von 40 bis 50 Hektar des rund 600 Hektar großen Stadtwaldes. Die Sägen kreischen, die Bäume fallen krachend zu Boden. Später werden sie vermarktet.

Der Holzeinschlag führt dazu, dass man im Stadtwald an manchen Stellen 100 Meter durch den Forst gucken kann, so ausgedünnt ist der Baumbestand. Mit der althergebrachten Vorstellungen von Wald – dunkel und geheimnisvoll, wo auch Tiere Schutz suchen können – hat das nicht mehr sehr viel zu tun.

Wer seinen Kindern die heimische Tierwelt zeigen will, kann das natürlich am städtischen Wildgatter tun, wo Wildschweine, Rot- und Damwild hinter Zäunen zu beobachten sind. Von Ruhe ist dort keine Spur, schon gar nicht rund um den großen Abenteuerspielplatz an der Waldau. Und im Rest des Stadtwalds sind Wanderer und Spaziergänger in Scharen unterwegs. Außerdem gibt es Waldjugendspiele und Abenteuertage, den beliebten Weg der Artenvielfalt und natürlich den neu angelegten Kopfbuchensteg.

Wer seinen Kinder Fuchs und Dachs zeigen will, geht ins Waldinformationszentrum im Haus der Natur. Dort sehen sie ausgestopfte Tiere und können sich über deren Lebensraum informieren. Oder gleich ab in den Zoo, um den Live-Eindruck zu haben.

Aber halt, die heimische Tierwelt gibt es tatsächlich noch, nur etwas weiter entfernt. Im Staatsforst Kottenforst sind offenbar die Tiere, die im Stadtwald Reißaus genommen haben. „Hier gibt es jede Menge Wild“, sagt der zuständige Förster Wolfgang Bongardt. „Allerdings gibt es hier im zentralen Kottenforst auch deutlich weniger Wege.“ Wenn das Wild jetzt nicht so aktiv sind, hänge das auch mit der Jahreszeit zusammen. Körpertemperatur und Aktionsradius seinen zurückgefahren.

Hinzu kommt ein weiterer Punkt: Der (kleine) Stadtwald ist (nur) Landschaftsschutzgebiet, in dem man die Wege verlassen darf. Er macht rund zehn Prozent der Waldfläche aus. Das ist im FFH- und Naturschutzgebiet Kottenforst nicht erlaubt. „Hier herrscht eine Wegepflicht.“ Das Gebiet ist im Vergleich riesig, es macht rund 90 Prozent der Fläche aus.

Auch Bongardt hat längst gemerkt, das der Betrieb im Wald immer weiter zunimmt. „Ich bin hier seit 26 Jahren Förster im Kottenforst, aber es wird immer doller“, sagt er. „Die Leute sind immer rücksichtsloser und nachts teilweise sogar mit Lampen unterwegs.“ Dass es im Bonner Stadtwald gar kein Wild mehr gibt, glaubt er nicht. „Es ist da, aber man sieht es nicht mehr, weil es so scheu ist.“ Wildschweine gebe es noch reichlich, und auch ein Rudel Damwild husche schon mal über die Wege. Trotzdem: „Wenn einer seinen Kindern Tiere zeigen will, ist er auf der Waldau falsch.“