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Winterhoff Bonn: Strafanzeige gegen Kinderpsychiater, Jugendämter reagieren

Nach schweren Vorwürfen : Kinderpsychiater Winterhoff tritt aus Vorstand des Vereins „Kleiner Muck“ zurück

Nachdem schwere Vorwürfe gegen den bekannten Kinderpsychiater und Autor Michael Winterhoff aus Bonn publik geworden sind, haben mehrere Behörden und Verbände angekündigt, die Zusammenarbeit zu überprüfen. Winterhoff ist indes aus dem Vorstand des Vereins „Kleiner Muck“ zurückgetreten.

Michael Winterhoff, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Praxis in Bonn, ist deutschlandweit bekannt und war in der Vergangenheit immer wieder in Talkshows zu Gast. Seine Thesen, etwa dass Eltern in Deutschland ihre Kinder zu „Tyrannen“ erziehen und dadurch die gesamte Gesellschaft bedroht sei, sind seit Langem umstritten.

Am Dienstag waren Recherchen des WDR und der „Süddeutschen Zeitung“ zu Michael Winterhoff veröffentlicht worden, darunter auch der Dokumentarfilm „Warum Kinder keine Tyrannen sind“ von WDR-Autorin Nicole Rosenbach. Unter anderem geht es darum, dass Winterhoff Kindern systematisch und ohne tatsächliche Anamnese stets dieselbe, fachlich nicht haltbare Diagnose gestellt und ihnen ohne medizinische Indikation Psychopharmaka verschrieben haben soll, teilweise ohne Einwilligung der Sorgeberechtigten.

Michael Winterhoff lässt sich inzwischen von einer Anwaltskanzlei vertreten.  Zu den Vorwürfen der nicht indizierten Behandlung mit dem Psychopharmakon Pipamperon äußert sich die Kanzlei wie folgt: „Die Indikation zur Medikation Pipamperon ist nur gegeben, wenn Kinder von ihren Aggressionen beherrscht sind und für das Gegenüber nicht erreichbar sind. Unser Mandant setzt das Medikament nicht zum Sedieren ein.“ Die Presseanwälte Winterhoffs teilen mit, dass der WDR-Bericht seiner Ansicht nach Falschdarstellungen enthält. Herr Winterhoff werde gegen die WDR- Berichterstattung juristisch vorgehen.

Michael Winterhoff aus Bonn: Jugendämter prüfen Zusammenarbeit

Mit dem Jugendamt Sankt Augustin hat eine erste Behörde die Zusammenarbeit mit Michael Winterhoff „bis auf Weiteres ausgesetzt“, wie Carolin Trost, Pressesprecherin der Stadt Sankt Augustin, auf GA-Anfrage bestätigte.

Auch die Stadt Bonn hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe Recherchen veranlasst. „Dies erfolgt mit der nötigen Sorgfalt, aber auch ohne eine Vorverurteilung. Im Vordergrund steht das Wohl der möglicherweise aktuell betroffenen Kinder und Jugendlichen, die es zu schützen gilt“, sagt Barbara Löcherbach, Sprecherin der Stadt Bonn. Zunächst werde untersucht, ob und wie viele Kinder und Jugendliche, die in der Verantwortung des Bonner Jugendamtes betreut werden, von Winterhoff behandelt wurden und werden.

Das Jugendamt des Rhein-Sieg-Kreises prüft den Sachverhalt derzeit intern.

Die Stadt Siegburg teilte auf GA-Anfrage mit, dass der Allgemeine Soziale Dienst sich „seit vielen Jahren von den Praktiken des Dr. Michael Winterhoff“ distanziere. „So wurden und werden beispielsweise keine Einrichtungen belegt, von denen eine Zusammenarbeit mit Herrn Dr.  Winterhoff bekannt ist. Die Inhalte der ARD-Doku decken sich mit den von uns gemachten Erfahrungen und bestärken uns in unserer Haltung“, heißt es seitens der Stadt.

Der Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln hat seinen Trägern am Freitag empfohlen, eine etwaige Zusammenarbeit mit Winterhoff zu prüfen. Das bestätigte Christof Kriege, Abteilungsleiter Jugend und Familie, dem GA auf Anfrage. Kriege betonte, dass im Erzbistum Köln nur ein Träger tatsächlich mit Winterhoff zusammenarbeite: der Verein „Kleiner Muck e.V.“, in dessen Gesamtvorstand Michael Winterhoff bis zuletzt Mitglied war. Winterhoff war bis zum Bekanntwerden der Ereignisse im Rahmen einer ehrenamtlichen Tätigkeit Mitglied im Gesamtvorstand des Vereins. Diese Tätigkeit war Angaben des Vereins zufolge vollständig unabhängig von seiner Tätigkeit als niedergelassener Kinder- und Jugendpsychiater. Winterhoff war den Angaben zufolge nicht für das operative Geschäft des Vereins zuständig. "Aufgrund der Ereignisse ist Herr Dr. Winterhoff auf eigenen Wunsch aus dem Vorstand ausgeschieden", heißt es in einer Stellungnahme des Vereins am Freitagnachmittag. Bis zur endgültigen Aufklärung werde der Kinderpsychiater nicht mehr in der Teamberatung des Vereins tätig sein. Die Stadt Bonn arbeitet mit dem Verein in verschiedenen Bereichen zusammen.

Michael Winterhoff aus Bonn: Strafanzeige liegt der Staatsanwaltschaft vor

Gegen den Psychiater werden schwere Vorwürfe erhoben: Im Raum steht „der Anfangsverdacht der Körperverletzung und der schweren Körperverletzung, des Abrechnungsbetrugs“ sowie möglicherweise weitere Straftatbestände.So steht es in der Strafanzeige, die der Siegburger Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler, bekannt als Vertreter von Opferangehörigen im NSU-Prozess, am Mittwoch bei der Staatsanwaltschaft Bonn gestellt hat.

Am Donnerstagmittag ist bei der Staatsanwaltschaft Strafanzeige gegen einen Bonner Kinderpsychiater eingegangen, erklärt Sebastian Buß, Sprecher der Staatsanwaltschaft Bonn. In Koblenz liegen keine Strafanzeigen vor. Den Verdacht der Körperverletzung beziehungsweise schweren Körperverletzung begründet der Anwalt damit, dass Winterhoff Medikamente verschrieben haben soll, ohne dass dies medizinisch geboten gewesen sein soll und dass dies teils ohne Einwilligung der Sorgeberechtigten geschehen sei.

Michael Winterhoff aus Bonn: Anwälte äußern sich

„Eine angebliche Strafanzeige eines Anwalts M. Daimagüler ist unserem Mandanten nicht bekannt“, gibt die Kanzlei an. Insbesondere sei Winterhoff nicht bekannt, in wessen Namen der Anwalt Strafanzeige erstattet habe. Auch zu den Vorwürfen der Körperverletzung äußert sich die Kanzlei in seinem Namen: „Die Verordnung des Medikaments bei Kindern ist gemäß der Zulassung des Medikaments unstreitig zulässig. Die notwendigen Einwilligungserklärungen für die Verordnung der Medikamente lagen ebenfalls vor, jedenfalls konnte unser Mandant in jedem Einzelfall davon ausgehen, dass Einwilligungen vorlagen.“

Der Vorwurf des Abrechnungsbetrugs bezieht sich darauf, dass Winterhoff Eltern andere Diagnosen mitgeteilt haben soll, als er letztlich mit der Krankenkasse abrechnete. Die Kanzlei bestätigt, dass es in sehr wenigen Einzelfällen im Praxisalltag zu irrtümlichen Fehleinträgen falscher Kürzel kam. „Fehler können leider in der Hektik des Praxisalltags passieren. Diese Fehleinträge in der Abrechnung werden korrigiert. Entscheidend ist aber, dass die Fehleinträge der Kürzel in der Abrechnung nicht dazu geführt haben, dass unser Mandant aus der jeweiligen Behandlung eine andere, vor allen Dingen eine höhere Vergütung erhalten hat. Die Krankenkasse zu keinem Zeitpunkt wegen der Verwendung des falschen Kürzels einen höheren Betrag gezahlt hat als dieser bei Angabe des richtigen Kürzels für die Behandlung angefallen werde“, so Winterhoffs Anwälte.

Daimagüler betont: „Es handelt sich hier um Anfangsverdachtsmomente, die Staatsanwaltschaft wird ja selbst ermitteln und möglicherweise zu anderen oder weitergehenden Schlussfolgerungen kommen. Zudem gilt natürlich auch für Dr. Winterhoff die Unschuldsvermutung“.

Der General-Anzeiger wird in den kommenden Tagen Ergebnisse weiterer Recherchen zu diesem Thema veröffentlichen.