1. Bonner Energiegipfel „Wir brauchen jeden Baggerfahrer“

Bonn · Die Aufgabe ist gewaltig, sagt Stadtwerke-Chef Olaf Hermes: Um die Klimaziele erreichen zu können, wird jede Bonner Straße aufgebuddelt werden müssen. Wie das gelingen kann, darüber haben sich Handwerker, Lobbyisten und Gelehrte beim ersten Bonner Energiegipfel der Stadtwerke ausgetauscht.

Die Stadtwerke haben zum ersten Energiegipfel eingeladen. SWB-Chef Olaf Hermes (l.) und Moderator Volker Groß, der durch den Abend führte.

Die Stadtwerke haben zum ersten Energiegipfel eingeladen. SWB-Chef Olaf Hermes (l.) und Moderator Volker Groß, der durch den Abend führte.

Foto: Benjamin Westhoff

Wo anfangen bei den ganzen Herausforderungen der Wirtschaft, die die Pessimisten Probleme und die Optimisten Chancen nennen? Vielleicht im Mikrokosmos von Christopher Momper, seines Zeichens Geschäftsführer des Dachdeckerbetriebs Momper & Söhne mit Sitz in Bonn-Duisdorf. Elf Mitarbeiter hat das Unternehmen, das in Bonn und dem Umland nicht nur Dächer baut und saniert, sondern auch Photovoltaikanlagen installiert. Momper ist einer, den sie brauchen werden in den kommenden Jahren. Einer, der bereit ist, die Energiewende mitzugestalten. Ist schließlich sein Geschäft.

Oft muss er über den Hermann-Wandersleb-Ring. Schwierig, schwieriger seit der testweisen Einführung der Umweltspur. Parken in der Altstadt mit dem großen Lieferwagen: kaum einfacher. Material zum Haus schaffen: ojeoje. Also sagt Momper ohne Anflug von Jammerei: „Irgendwas muss passieren.“ Und da wäre man dann wohl beim Kern der Sache, warum die Bonner Stadtwerke (SWB) am Mittwochabend zum ersten Energiegipfel eingeladen haben.

SWB-Chef Hermes: Komplexe Aufgabe

Der große Saal im Haus der Netze an der Karlstraße war jedenfalls gut gefüllt: Handwerker wie Momper waren da, Vertreter der Lobbyverbände, städtische Mitarbeiter, welche aus dem Rhein-Sieg-Kreis. Oberbürgermeisterin Katja Dörner und Rhein-Sieg-Kreis-Landrat Sebastian Schuster nahmen auf der Bühne rechts und links von Moderator Volker Groß (Chefredakteur Radio Bonn/Rhein-Sieg) Platz. Silke Krebs, Staatssekretärin im Ministerium für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie, tauschte mit Hans Peter Wollseifer, Präsident der Kölner Handwerkskammer, Argumente aus. Oliver Wagner von der Denkfabrik Wuppertal Institut mit der Ingenieurin und Professorin Tanja Clees von der Hochschule Bonn/Rhein-Sieg. Es war also durchaus was geboten, „um die Komplexität, die vor uns liegt“- so SWB-Chef Olaf Hermes - zumindest zu umreißen.

Eine klimaneutrale Stadt bis 2035 (siehe „Der Klimaplan“) sei schließlich das übergeordnete Ziel, das es zu erreichen gilt. „Als regionaler Energieversorger sind wir auf Sie angewiesen“, wandte sich Hermes an die geladenen Gäste. Die SWB wollten in den kommenden elf Jahren ihre Energieversorgung komplett auf erneuerbare Energien umstellen. Will heißen: Zusätzliche Stromleitungen für den zu erwartenden höheren Strombedarf durch Wärmepumpen und elektrobetriebene Autos. Eine Verdopplung des Fernwärmenetzes in den kommenden Jahren. So ziemlich jede Bonner Straße müsse im nächsten Jahrzehnt auf- und wieder zugebuddelt werden. „Wir brauchen jeden Baggerfahrer.“ Hinzu kämen der Photovoltaikausbau, der Neubau der Müllverbrennungsanlage, die geplanten Windräder auf dem Heiderhof und so weiter und so fort.

Fachkräftemangel beschäftigt die Unternehmen

Die Befürchtung, die Verkehrswende und die Energiewende harmonierten nicht miteinander, weil die Handwerksbetriebe im Stau stehen statt auf dem Dach, ist bekannt. Ob sie sich bewahrheitet oder das Kalkül der Stadtregierung aufgeht, ausreichend Bürger zum Umstieg auf Alternativen wie den Nahverkehr oder Rad bewegen zu können und die Parkräume gerecht aufzuteilen (für die Betriebe mit den Handwerkerparkausweisen), wird sich noch zeigen. Das aber scheint nicht das Hauptproblem für die Unternehmen zu sein.

Der Fachkräftemangel steht weiter oben auf der Liste. „Wer glaubt, wir könnten ihn ohne Zuwanderung beheben, der hat den Knall nicht gehört“, sagte Kreishandwerksmeister Thomas Radermacher in einer der Diskussionsrunden im Haus der Netze. In kleineren Arbeitsrunden redeten sie sich dann die Köpfe heiß, wie das zu bewerkstelligen wäre. Frühzeitiger an die Schulen und damit an den Nachwuchs gehen. Der Begriff der „Beutegemeinschaft“ fiel, der nach Jägerschaft und Jagertee klingt. Gemeint ist die Zusammenarbeit von Firmen und Kommunen, um auch im Ausland gezielt nach fähigen Arbeitern zu suchen.

Der Abbau von Bürokratie bei Anträgen für die Genehmigung von Photovoltaikanlagen beispielsweise treibt die Handwerker ebenso um wie Planungssicherheit für die kommenden Jahre. In der Stadt Bonn sei die Wärmeplanung im Vergleich mit anderen Kommunen schon recht weit gediehen, betonte OB Dörner. Landrat Schuster hingegen zeichnete das bekannte Bild des Herrn, der für 19 Fürstentümer (die einzelnen Kommunen des Rhein-Sieg-Kreises) eine solche Wärmeplanung für den Fernwärmeausbau mit aufzustellen hat. „Eine Gemeinde wie Ruppichteroth wird das alleine nicht stemmen können.“

Nach dem Gipfel kommt in der Bergwelt die Talfahrt. Für den Energiegipfel soll das nicht gelten. SWB-Geschäftsführer Hermes wagte nach einem langen Abend den Ausblick, wie es weitergehen soll. In den kommenden Monaten würden die Stadtwerke die Ergebnisse aus den insgesamt vier Arbeitsgruppen zu unterschiedlichen Themen zu konkreten Maßnahmenpaketen zusammenschnüren. Sodann folgt der zweite Energiegipfel nach dem Sommer. Es bleibe nicht mehr viel Zeit. „Wir müssen die PS auf die Straße bringen.“

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