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Hilfe für Geflüchtete: „Wir brauchen mehr Ehrenamtliche“

Hilfe für Geflüchtete : „Wir brauchen mehr Ehrenamtliche“

Seit 2014 koordiniert Helena Henrich-Nguyen die ehrenamtlichen Helfer des ökumenischen Arbeitskreises für geflüchtete in Endenich und Lengsdorf. Viele der Betreuten leiden unter Einsamkeit, zur Notunterkunft haben die Helfer wegen Corona keinen Zutritt mehr.

Seit die ersten Flüchtlinge im inzwischen schon nicht mehr existierenden Paulusheim an der Sebastianstraße ankamen und untergebracht wurden, sind mehr als fünf Jahre vergangen. Zwischenzeitlich wohnten dort bis zu 250 Geflüchtete. Heute hat sich die Arbeit der einst mehr als 100 ehrenamtlichen Helfer, die von Helena Henrich-Nguyen für den Ökumenischen Arbeitskreis Endenich koordiniert wurden, von der damals notwendigen Grundversorgung hin zu einer vielschichtigen Integrationsarbeit entwickelt. „Einiges ist inzwischen einfach richtig gut gelaufen“, sagte Helena Henrich-Nguyen noch vor gut einem Jahr (der GA berichtete). GA-Mitarbeiter Stefan Hermes sprach erneut mit ihr.

Wie ist es aktuell um die Flüchtlingsarbeit bestellt?

Helena Henrich-Nguyen ist seit 2014 Ehrenamtskoordinatorin der Ökumenischen Flüchtlingshilfe. Foto: Stefan Hermes

Helena Henrich-Nguyen: Die Schließung des Paulusheims ist nun fast 3 Jahre her. Es wohnen ein paar Familien und Einzelpersonen meines offiziellen Arbeitsbereichs in Endenich, Lengsdorf und Röttgen. In Lengsdorf haben wir noch eine Unterkunft für Frauen und Kinder. In Röttgen habe ich im Anschluss an das Paulusheim die Möglichkeit bekommen, im ehemaligen Kindergarten der Kirche, das schon im Paulusheim etablierte Möbellager fortzuführen, bis er abgerissen wird. Hier sammeln wir Möbelspenden und Haushaltsgegenstände, um sie dann an bedürftige Mitmenschen, vor allem Geflüchtete, abzugeben.

Welche Auswirkungen hat die Corona-Pandemie für Ihre ehrenamtliche Arbeit in Endenich?

Henrich-Nguyen: Ja, es ist schwierig. Der Zugang zur Unterkunft ist nicht möglich, das Arbeitskreistreffen findet nur online statt und weitere Angebote sind nicht möglich.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den ehrenamtlich Helfenden? Wie geht man dort mit der Sorge vor einer Ansteckung um?

Henrich-Nguyen: Nach Schließung des Paulusheims hat sich die Zahl der Ehrenamtlichen schon deutlich reduziert, das setzt sich nun fort. Einerseits aus Altersgründen wegen einer erhöhten Ansteckungsgefahr, aber auch, da wir weniger Aktivitäten anbieten können. Jedoch gibt es Gott sei Dank auch einige, die ihre Patenschaften aufrecht erhalten, in der Möbelhilfe dabei sind und gedanklich am Ball bleiben.

Wie gehen Sie mit den Kontaktbeschränkungen um? Welche Lösungen haben Sie gefunden?

Henrich-Nguyen: Wir halten Kontakt über Telefon und Whatsapp. Die Sozialarbeiterin gibt auch Bedarfe aus der Unterkunft an mich weiter.

Was für Konsequenzen hat die Pandemie mit den Hygieneauflagen und Kontaktbeschränkungen für die Flüchtlinge selbst?

Henrich-Nguyen: Wir dürfen die Unterkunft nicht betreten, das ist verständlich, macht die Arbeit aber schwierig. Alle mir bekannten Geflüchteten nehmen das Thema Corona sehr ernst, sind vorsichtig und halten sich an die Regeln. Einige sind übervorsichtig und gehen gar nicht mehr vor die Tür, was natürlich für Familien mit Kindern besonders prekär ist. Sie brauchen Kontakte, Menschen, die ihnen alles erklären und sie für Spaziergänge heraus holen und beschäftigen. Auch die, die eh’ schon unter Einsamkeit leiden, brauchen jetzt noch mehr Ansprache.

Sind Erwachsene und Kinder – Stichwort Schule – gleichermaßen betroffen?

Henrich-Nguyen:  Das nicht vorhandene WLAN war schon immer ein großes Ärgernis und ist natürlich seit der Pandemie ein noch größeres Problem geworden. Die Schüler können nicht am Digitalunterricht teilnehmen, Deutschkurse online, Wohnungssuche und Jobsuche, Kontakt zu Freunden und in die Heimat: alles ist schwer. Über den Kontakt vom Stadtdekanat zur Telekom soll es nun ja besser werden. Darüber hat der GA ja auch berichtet. Zunehmend zeigt sich, dass viele Geflüchtete Unterstützung beim schulischen Lernen oder für Deutschkurse brauchen. Auch die technischen Voraussetzungen sind ja nicht immer vorhanden. Aber über das Engagement der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit konnten wir mit der Laptop-Vergabe etwas helfen. Doch dann funktioniert mancher Kontakt zur Schule nicht gut, die Software streikt oder die Links sind falsch; die Lehrer sind nicht fit oder nicht bereit sind, den Kontakt auch telefonisch zu pflegen. Deutschkurse werden zum Teil immer noch nicht online angeboten. Diese 'Lernpause' tut keinem gut.

Sind unter den von Ihnen betreuten Geflüchteten bereits Covid-Infektionen aufgetreten?

Henrich-Nguyen: Es gab meines Wissens zwei Familien, zu denen wir noch Kontakt haben, die komplett erkrankt waren. Aber Gott sei Dank harmlos. Auch in der Unterkunft gibt es eine Familie, die aber direkt für ihre Quarantänezeit verlegt wurde. Sie hatte keinen Kontakt zu anderen in der Unterkunft. Sie wird gut versorgt und hat auch keine starken Symptome.

Was würden Sie sich wünschen, um Ihr ehrenamtliches Engagement bestmöglich auch unter Corona-Bedingungen umsetzen zu können?

Henrich-Nguyen: Wir sind froh, wenn die eingetretene Müdigkeit wieder besser wird, das Engagement wieder zunimmt. Das geht natürlich am besten mit Lockerungen, damit Kontaktpflege unter den Ehrenamtlichen und mit den Geflüchteten wieder einfacher wird. Aber gut, da müssen wir wohl auf das Frühjahr hoffen.

Wie erleben Sie persönlich die Corona-Krise? Könnte die Pandemie zu nachhaltigen Veränderungen führen?

Henrich-Nguyen: Ich mache weiter, habe viele Anfragen jedweder Art, versuche das über die verschiedenen Kanäle zu lösen. Außerdem habe ich eine gehörige Portion Gottvertrauen und die Zuversicht, dass es wieder besser wird. Und es gibt soviel Schlimmeres, schlimmere Zustände in In- und Ausland, also können wir noch froh sein.

Wie sehen Sie in die Zukunft?

Henrich-Nguyen: Positiv denken und das auch ‚rüberbringen.

Was ist Ihnen wichtig, dass es die Leser des GA erfahren?

Henrich-Nguyen: Wir brauchen nach wie vor mehr Ehrenamtliche. Menschen, die vielleicht auch online gerne helfen oder sich zum Spaziergang treffen und damit etwas Konversation mit den Geflüchteten üben können.