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Demonstration: Wo die Grauen Wölfe heulen

Demonstration : Wo die Grauen Wölfe heulen

Türkische Nationalisten verstärken ihre Aktivitäten im Rheinland und rufen Protest hervor. Vor einem Umzug am Sonntag in Düsseldorf rufen Kritiker zu Gegenveranstaltungen auf

Sie selbst nennen sich „Idealisten“. Der nordrhein-westfälische Verfassungsschutz schreibt ihnen je nach Ausrichtung „islamische, ultranationalistische oder rassistische Inhalte“ zu. Die Rede ist von der türkischen Ülkücü-Bewegung, gemeinhin bekannt als „Graue Wölfe“. Rund 2000 Anhänger der türkischen Rechtspartei MHD verteilen sich nach Einschätzung des Innenministeriums in Nordrhein-Westfalen auf 70 Vereine. Das Rheinland bildet einen der Schwerpunkte in Deutschland. Für den kommenden Sonntag hat die Bewegung einen „Festzug“ durch die Düsseldorfer Innenstadt geplant. Angemeldet hat ihn ein Verein, den Kenner der Szene eng mit den Grauen Wölfen verbinden. Die, so sagen Kritiker die Gruppierung, nutzten den Marsch durch Düsseldorf als Machtdemonstration.

Nicht zum ersten Mal mobilisieren die Grauen Wölfe zum „Türk Günü“ (Türkentag) der Türkischen Föderation: Bereits vor einem Jahr gab es in Düsseldorf einen Aufmarsch, der nun offenbar eine Neuauflage erfahren soll – und aus verschiedenen Gründen Brisanz birgt. So schreibt der NRW-Verfassungsschutz den Grauen Wölfen eine „rassistische Feindbildorientierung gegen beispielsweise Kurden, Armenier, Griechen und Juden“ zu. Gerade für Kurden ist dies ein Anlass, gegen die türkischen Extremisten mobil zu machen. Das Ergebnis sind immer wieder Zusammenstöße.

Vor wenigen Tagen etwa störten mutmaßliche Anhänger der Grauen Wölfe an der Universität Duisburg vehement einen Vortrag über den Völkermord an den Armeniern. Dessen Leugnung oder Relativierung gehört laut Verfassungsschutz zum zentralen Credo der Ülkücü-Bewegung. Erst kürzlich war es am Rande von Friedensmärschen in mehreren deutschen Städten zu Zusammenstößen zwischen Anhängern der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und türkischen Nationalisten gekommen. Und vor drei Wochen wurde ein 38-Jähriger auf der Kölner Keupstraße von 50 bis 60 PKK-Anhängern krankenhausreif geschlagen. Sein Audi TT, auf dem ein Aufkleber mit dem Logo der Grauen Wölfe angebracht war, wurde völlig demoliert. Nicht übersichtlicher wird die Gemengelage dadurch, dass zumindest einzelne Mitglieder der Grauen Wölfe, in deren Reihen sich nationalistische Ideologie zuweilen mit religiösem Anspruch vermengt, offenbar gute Kontakte in die Dschihadistenszene haben. Trifft ein ZDF-Beitrag zu, so wurden Mitglieder der „Lohberger Brigade“ aus Dinslaken, von denen mehrere in Gefechten in Syrien starben, zuvor bei den Grauen Wölfen radikalisiert.

Deren Kreise aber wehren sich. So weist die Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland – so etwas wie der deutsche Arm der MHD – Kontakte in die rechtsextreme Szene oder zu kampfeslustigen Gotteskriegern weit von sich. Man lehne derlei strikt ab und trete für Toleranz ein, heißt es in einer Pressemitteilung, in der alle Vorwürfe als „Unterstellungen“ zurückgewiesen werden. Und weiter heißt es: „Unsere Aktivitäten betreiben wir im kulturellen und familiären Bereich. Ziel sind die Wahrung und Entfaltung der Kulturellen Identität unserer Mitglieder.“

Recht unerfreuliche Schlagzeilen hatten die „Idealisten“ vor einigen Jahren wiederholt der nordrhein-westfälischen CDU beschert: Die vermeintliche Nähe oder gar Doppelmitgliedschaft eigener türkischstämmiger Christdemokraten zur Ülkücü-Bewegung hatte einen internen Streit über einen Unvereinbarkeitsbeschluss entfacht. Um wie viele Personen es dabei eigentlich ging, blieb unklar. Letztlich versandete die Debatte jedenfalls mit der Feststellung auf dem Landesparteitag, dass grundsätzlich nur derjenige CDU-Mitglied sein könne, welcher für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintritt.

Unterdessen hat es die kurdische Gemeinde in Deutschland mit Blick auf den Sonntag bei einer verbalen Protestnote belassen. Sie appelliert an Düsseldorfs OB Thomas Geisel (SPD), gegen die Kundgebung Position zu beziehen. Auch die Gruppe „Köln stellt sich quer“, zuletzt vor allem durch Protest gegen die islamkritischen „Dügida“-Auftritte bekannt, hat zur Gegendemonstration aufgerufen.

In Bonn hatte jahrelang ein „Deutsch-Türkischer Kulturverein“ das Logo der nationalistischen Partei im Wappen geführt. Seit kurzem sind die Räume an der Ellerstraße verwaist, nun trifft man sich in Beuel. Hinweise auf etwaige Zugehörigkeiten zu den Grauen Wölfen, so sagte ein Sprecher der Bonner Polizei gestern auf GA-Anfrage, lägen derzeit nicht vor. Zumindest bei der Düsseldorfer Demo vor einem Jahr hatte eine Abordnung aus Bonn selbstbewusst Flagge gezeigt – mit einem meterlangen Banner.