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Xatar in Bonn: Interview vor Auftritt am 29. August in der Rheinaue

Interview vor Auftritt im Kulturgarten : Das sagt Xatar über seine Musik, seine Jugend – und über das Gold

Der in Bonn aufgewachsene Gangster-Rapper Xatar tritt zusammen mit SSIO und Samy am Samstag im Kulturgarten in der Rheinaue auf. Er hat Höhen und Tiefen in seinem Leben hinter sich. Doch was sagt er zum Verbleib der Beute aus seinem Goldraub?

Giwar Hajabi alias Xatar aus Bonn zählt zu den erfolgreichsten Gangster-Rappern in Deutschland. Drogenhandel und der spektakuläre Goldraub 2009 prägen das Image des 38-Jährigen. Über Ausgrenzungen als Kind in den 1980er Jahren auf dem Brüser Berg, den Einfluss des Rap auf die Kultur und die Vorliebe seines Vaters für Beethoven hat Xatar mit GA-Redakteur Rajkumar Mukherjee gesprochen. An diesem Samstag tritt der Künstler und Unternehmer mit SSIO und Samy im Kulturgarten in der Rheinaue auf.

Herr Hajabi, Sie kommen zum Hausbesuch nach Bonn. Auf was freuen Sie sich besonders beim Konzert?

Giwar Hajabi: Darauf, dass ich nach zwölf Jahren wieder in Bonn auftreten darf. Das ist richtig geil. Wir waren schon überall in Deutschland, in Österreich, der Schweiz und in Luxemburg – aber eben nicht in Bonn. Zu Beginn meiner Karriere war ich zum letzten Mal 2008 für ein Konzert hier und dann nie wieder.

Welche Songs haben Sie dabei, „10 Regeln“ zum Beispiel?

Hajabi: Wir haben uns ein schönes Set überlegt, mit Special Guests wollen wir eine geile Show machen. Wir spielen alte Klassiker, aber auch aktuelle Sachen. Also Songs wie „Iz da“ oder „Nullkommaneun“ von SSIO. In Bonn kennt man viel von uns, auch Titel, die ich nicht nennen möchte, weil sie obszön sind.

Apropos obszön. In „10 Regeln“ heißt es, „Du musst Eier haben“...

Hajabi: Das ist für mich nicht unbedingt obszön... Es ist halt Rap – mal mehr, mal weniger obszön.

Sie sind Rapper, Produzent, haben 2015 das Buch „Alles oder Nix“ geschrieben. Sie verkaufen Köfte in Bonn und schon länger Tabak und Schmuck. Bleibt da noch Zeit, an den Jungen vom Brüser Berg zu denken, der Sie mal waren?

Hajabi: Ich habe viele Stationen in meinem Leben gehabt, die man als Tiefpunkte bezeichnen könnte. Und ich denke bei jedem Schluck Wasser, den ich trinke, daran. Das hat auch mit der Zeit damals in Brüser Berg zu tun, das geht nicht raus aus dem Kopf.

Sie sind im Iran geboren, kurdischer Abstammung. Ihre Eltern mussten mit Ihnen fliehen, erst in den Irak, es gab Folter, dann kam die Familie 1985 nach Bonn. Sie müssen starke Eltern haben.

Hajabi: Ich stamme aus einer Generation, die den Iran-Irak-Konflikt kennt. Und wenn ich heute darüber nachdenke, dann sehe ich, wie jung meine Eltern waren, 20 und 24 Jahre. Sie waren sehr traumatisiert. Sie verloren mit der Flucht die Perspektive, die sie im Iran hatten. Und die Flüchtlingswelle, mit der wir nach Bonn gekommen sind, war dann unser sozialer Kreis. Ich kannte gar nichts anderes.

Der Vater war Komponist und Dirigent, der als solcher aber nicht arbeiten durfte und sich später von der Familie trennte...

Hajabi: ...genau. Damals waren die Abschlüsse, die sie hatten, nichts wert. Sie waren überfordert: in einem fremden Land, ohne die Hilfe der Familie.

Sie waren auf dem Hardtberg-Gymnasium, hatten Klavierunterricht. Das klingt fast bürgerlich. Andererseits: Sie schreiben in ihrem Buch, dass andere Sie als „Asi-Kanake“ sahen. Ist man irgendwann in einer Rolle, aus der man nicht mehr herauskommt?

Hajabi: Ganz simpel gesagt: Das war Rassismus. Es war ja in den 1980er und 90er Jahren. Viele Deutsche hatten keine Erfahrungen mit Ausländern und hatten Schiss vor Kanaken. Und wenn Du nicht weiterkommst, dann fährst du eben mit ´nem anderen Bus. Und den hab ich genommen – wie viele in meinem Viertel.

Xatar als Autor: Jemand hat Sie mal als „Erzähler der Zwischenwelten“ bezeichnet.

Hajabi: (lacht) Die Beschreibung kannte ich noch nicht. Sie stimmt, weil ich in vielen Dingen drin war, obwohl ich immer dachte, dass ich woanders stattfinden würde. Ich war Beobachter und dann selber Protagonist. Immer, wenn ich in einem Milieu drinne war, dann habe ich das auch immer von außen betrachtet. Und ich habe mich oft gewundert, wo ich gelandet bin.

Hunderte Fans strömen zur Imbiss-Eröffnung von Xatar in Bonn

Im Mai 2015 erschien das zweite Studioalbum „Baba aller Babas“ und erreichte Platz eins in den deutschen Charts. Das war nicht lange nach der Haftentlassung für den Goldraub. Wie wichtig war dieser Erfolg für die Karriere?

Hajabi: Erfolge sind schön, aber in der Musik ist das nochmal eine ganz andere Nummer. Das ist eine Bühnenkunst. Da geht’s um Applaus. Sonst kann diese Kunst nicht bestehen. Und dazu gehören natürlich auch Charterfolge und goldene Schallplatten. Zu „Baba aller Babas“: Es war klar, dass es knallen würde, der Hype war da. Als ich im Knast war, fing es an, auch weil Hip-Hop sich in Deutschland noch einmal weiterentwickelt hat. Und unsere Acts waren fresh, wie die von SSIO, Schwesta Ewa. Es war schon geil, aus dem Knast rauszukommen und das zu erleben!

Xatar vor seinem Konzert in Bonn im Interview

Gangster-Image. Das prägt die Rolle des Mannes, auch in der Rap-Szene. Sie kommen ja auch imposant rüber. Sind solche Klischees der Stärke nicht anstrengend?

Hajabi: Mich beschäftigt das weniger. Aber es gibt Leute, die aufgesetzt auftreten, auf stark machen. Viele von ihnen haben Komplexe. Aber ab einem gewissen Grad an Öffentlichkeit, egal ob Rap, Politik oder Formel Eins, wird jeder Move, jede Geste gewertet: Hier musst du Stärke zeigen. Bei Frau Merkel wollen wir auch keine Schwäche sehen. Wer Schwäche zeigt, ist weg. Und ich muss nicht den Harten markieren. Die meisten wissen ja schon, was ich durchhabe.

Blicken wir zurück auf den 15. Dezember 2009, auf den Überfall mit drei Komplizen auf einen Goldtransporter auf der A81. Verraten Sie, wo das Gold geblieben ist?

Hajabi: (lacht) Echt jetzt? Dazu sage ich nichts.

Und wie war das mit dem Kokain aus Kolumbien, dass Sie – wie Sie schreiben – von dort geholt haben?

Hajabi: Auch dazu kann ich nicht viel sagen. Das steht ja in meinem Buch. Und da gibt es verschiedene Wahrheiten. Und am Ende muss der Leser für sich selber entscheiden, wie er damit umgeht.

Sie haben die Labels „Alles oder Nix“ und „Groove Attack TraX“, fördern junge Hip-Hopper wie Sero El Mero, und Mero. Meros „Ya Hero Ya Mero“ erreichte Platz eins der deutschen Charts, für „Baller“ gab’s Goldene Schallplatten. Sind Hip-Hop und Rap im Mainstream angekommen?

Hajabi: Es ist definitiv so. Rap ist heute das größte Musikgenre Deutschlands, und das finde ich krass. Viele im Alter unter 30, 35 Jahren hören Rap. Andererseits hat Rap Einfluss auf andere Musikstile. Und mittlerweile produzieren viele Rap-Songschreiber auch Poptitel.

Ist deutscher Hip-Hop eigentlich auch ein Stück deutsche Kultur?

Hajabi: Für mich ist das die Kultur, weil es Einfluss auf Sprache und Klamotten hat. Oder die visuelle Ästhetik: Die Leute, die damals unsere Videos gemacht haben, machen mittlerweile Videos für Mercedes und Lufthansa. Man sieht, Rap hat einen großen Einfluss. Und das finde ich spannend, weil Rap für mich so ehrlich ist.

Unter Ihrem Label rappt auch Schwesta Ewa. Seit Januar sitzt sie im Gefängnis, unter anderem wegen des Vorwurfs der Steuerhinterziehung, 35-facher Körperverletzung und sexueller Verführung Minderjähriger. Sind Sie mit ihr in Kontakt?

Hajabi: Ich selbst leider nicht, aber unser Labelmanager. Und auch über Anwälte tauschen wir Botschaften aus. Wir hoffen, dass sie bald rauskommt und wieder Musik machen kann.

Und wie steht’s mit der Freundschaft zu Rapper Haftbefehl? Man hört, da gibt’s Streit...

Hajabi: Das ist Unsinn, was man da liest und hört! Von uns kam nie etwas aus dieser Richtung.

Zurück zum Business. Gibt’s neue Projekte?

Hajabi: Wir starten ein Franchise mit dem „Haval Grill“ und planen Standorte in vielen deutschen Städten, in Österreich und der Schweiz. Wir sind gerade in unser neues Hauptquartier in Köln gezogen und bauen hier bald Studios. Wir wachsen, was sehr anstrengend ist. Aber es macht Spaß!

Zum Abschluss: Bonn und Beethoven. Gibt’s ’ne Idee, was draus zu machen?

Hajabi: Beethoven ist krass! Mit ihm bin ich aufgewachsen, mein Vater verehrte Beethoven als ich Kind war. Und er war sehr stolz, dass wir in ein Flüchtlingsheim nach Bonn kamen (lacht). Ich musste viel Klavier üben, da war mein Vater streng. Wir haben auch mal versucht, Beethovens Musik zu samplen. Es ist nie was Geiles herausgekommen. Das lag eher an uns  als an Beethoven (lacht). Aber mal sehen, was da noch kommt.