1. Bonn
  2. Stadt Bonn

GA-Serie: Sicher leben: Zivilfahnder jagen Diebesbanden auf dem Bahnsteig

GA-Serie: Sicher leben : Zivilfahnder jagen Diebesbanden auf dem Bahnsteig

Auftakt der neuen GA-Serie zum Schutz vor kriminellen Übergriffen: Taschendiebe schlagen vor allem in belebten Innenstädten, aber auch auf Bahnhöfen zu. Dort setzt die Bundespolizei verdeckte Teams ein, die Verdächtige und potenzielle Opfer beobachten.

Theodor Bolzenius weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, als er im Siegburger Bahnhof bestohlen wurde: "Ich war erschrocken, dass mir das passiert ist", sagt er. Der Pressesprecher des Zentralkomitees der deutschen Katholiken kam abends von einer Dienstreise aus Regensburg.

Sein ICE fuhr auf Gleis 3 ein, sein Auto stand auf dem Parkplatz nahe Gleis 6. Also ging der Hennefer vom Bahnsteig hinunter ins Souterrain, wo die 66 hält. Dort stieg der 60-Jährige in den Aufzug, um auf der anderen Bahnhofseite oben anzukommen.

Bevor sich die Lifttür schloss, drängten noch drei junge Männer hinein. Sie blieben nur kurz im Aufzug. "Bevor die Tür zuging, stürmte das Trio wieder raus. Ich habe zwar gemerkt, dass etwas nicht stimmte, aber reagiert habe ich so schnell nicht", sagt Bolzenius. Erst als die Männer außer Sichtweite waren, merkte er, dass sein Portemonnaie aus der hinteren Hosentasche verschwunden war. Er erstattete Anzeige, doch die Täter wurden nicht gefasst.

Die meisten Taschendiebstähle bleiben unaufgeklärt

Wie im Fall von Theodor Bolzenius bleiben die meisten Taschendiebstähle unaufgeklärt. Laut Kriminalstatistik wurden 2014 in Deutschland 157.069 Taten angezeigt (2013: 135.617), das bedeutet einen Anstieg von fast 16 Prozent. In Nordrhein-Westfalen waren es rund 54.000 registrierte Delikte (49.571).

Die Aufklärungsquote lag 2014 bundesweit bei 5,9 Prozent. Landesweit sieht es mit 6,5 Prozent im Zuständigkeitsbereich der Bundespolizei, dazu zählen auch Bahnhöfe und Züge, nur wenig besser aus. 2014 kamen laut Jens Flören, Pressesprecher der Bundespolizei, 6.500 Diebstähle in NRW-Bahnhöfen und -Zügen zur Anzeige, das sind rund 18 täglich.

Der Erste Polizeihauptkommissar hat sich die Zahlen aus den vergangenen drei Jahren genauer angeschaut: "Von 2012 bis 2014 gab es im Bereich des Kölner Hauptbahnhofs durchschnittlich vier angezeigte Taschendiebstähle pro Tag", bilanziert er. Am Bonner Bahnhof sei alle anderthalb Tage ein Diebstahl registriert worden, in Siegburg alle dreieinhalb Tage.

Die Dunkelziffer ist unbekannt

Wie hoch die Dunkelziffer ist, lässt sich nicht sagen, weil die Bestohlenen nicht immer nachvollziehen können, wo ihnen in die Tasche gegriffen wurde. Ein Problem, das auch die zivilen Ermittler der Bundespolizei kennen. "Wir können nur jedem Opfer eines Taschendiebstahls raten, ihn auch anzuzeigen.

Nur so wissen wir, wo Kriminalitätsschwerpunkte liegen und wo wir verstärkt auf Streife gehen müssen", sagt Frank S., der wie sein Kollege aus Sicherheitsgründen nicht seinen kompletten Namen in der Zeitung lesen will.

Der Oberkommissar steht zusammen mit Frank F. am ICE-Gleis 6 des Siegburger Bahnhofs, die beiden plaudern miteinander. Ganz unauffällig. Keine Uniform, stattdessen Jeans und warme Jacken, ihre Waffen sind darunter versteckt. Die beiden Kölner sind als Zivilbeamte der Bundespolizei unterwegs und gehören zur sogenannten BAOTD (Besondere Aufbauorganisation Taschendiebstahl). Die Gruppe existiert seit gut einem Jahr und untersteht der Bundespolizeidirektion Sankt Augustin.

Während die beiden 51-jährigen Männer scheinbar ins Gespräch vertieft sind, beobachten sie mögliche Opfer und Täter. Ihre Aufmerksamkeit gilt denen, die sich nicht wie die anderen Reisenden verhalten. Und Frank F. erklärt: "Wir achten darauf, wie die Menschen sich bewegen. Wenn jemand zum Beispiel auf dem Bahnsteig die anderen Leute ganz genau abscannt, wird er für uns verdächtig." Als potenzielle Opfer machen die Polizisten Alleinreisende mit vielen Gepäckstücken aus.

Die Täter beobachten ihre Umgebung genau

Da die beiden Beamten einander gegenüberstehen, schauen sie in verschiedene Richtungen. "Nie in die gleiche, das könnte auffallen. Denn auch die Täter beobachten ihr Terrain, um herauszufinden, ob die Polizei da ist", sagt Frank S. So überblicken die Beamten den gesamten Bahnsteig.

Während der ICE am Siegburger Bahnhof einfährt, bewegen die Ermittler sich mit dem Strom der Reisenden - in Richtung der Zugtür. Beim Ein- und Aussteigen schlagen Taschendiebe besonders häufig zu: Sie sind meist in Gruppen unterwegs, provozieren ein Gedränge an der Tür, und einer greift dem Opfer in die Tasche.

Den klassischen Gelegenheitstaschendieb und Einzeltäter gibt es laut Flören kaum noch. "Nach den sogenannten Klau-Kids drängen seit einigen Jahren professionelle Banden aus Nordafrika und Osteuropa ins Geschäft", so der Erste Hauptkommissar. Das untermauert er mit Zahlen: "Unsere neue Ermittlungsgruppe hat in einem Jahr 400 Täter identifiziert.

Davon sind 76 Prozent männliche Nordafrikaner und 23 Prozent Südosteuropäer, davon wiederum sind 60 Prozent weiblich", zitiert er die Statistik. Vorwiegend jung sind die ermittelten Täter - 2014 waren es deutschlandweit 7869 - nach wie vor.

Sie operieren landes- und sogar bundesweit. Die meisten seien zwischen 14 und 25 Jahre alt, die Obergrenze liege bei 30. Und, so Flören: "Die Täter suchen sich nicht mehr nur die alten Mütterchen als Opfer aus, sondern neben Geschäftsleuten vorwiegend junge Menschen zwischen 20 und 29 Jahren. Bei ihnen vermuten sie Geld, Smartphones und anderes teures Gerät."

"Wir versuchen, die Bahnhöfe ein bisschen sicherer zu machen"

So die die Täter mit ihren Tricks immer professioneller vorgehen, tun dies auch die Polizisten. Die "Gemeinsame Projektgruppe Taschendiebstahl" (GPT) von Bundespolizei und Polizeipräsidium Köln bekämpft seit zehn Jahren Taschendiebstähle in der Tathochburg am Rhein. Die Beamten haben im Jahr 2014 im Gebiet Köln/Bonn/Rhein-Sieg 1000 Tatverdächtige festgenommen, 2013 waren es 800.

Die zivilen Fahndungsteams, wozu auch Frank S. und Frank F. gehören, erwischen NRW-weit täglich ein bis zwei Verdächtige auf frischer Tat. Einer der beiden Beamten ermittelt auch noch wegen des spektakulären Diebstahls der Knochenmarkspende während des ICE-Halts am Siegburger Bahnhof am 26. Mai 2015.

Obwohl es oft schwierig ist, die Täter zu fassen, stellt Frank S. fest: "Wir versuchen dazu beizutragen, die Bahnhöfe ein bisschen sicherer zu machen. Damit geht es mir gut."

Theodor Bolzenius hat die Konsequenzen aus der Erfahrung am Siegburger Bahnhof gezogen: Er trägt sein Portemonnaie nicht mehr in der hinteren Hosentasche.