1. Bonn

Streit um Denkmalschutz für Botschaft in Mehlem

Streit um Denkmalschutz für Botschaft in Mehlem

Stadt genehmigt Abriss-Antrag für Residenz der ehemaligen türkischen Vertretung

Mehlem. Zehn Jahre Leerstand auf 5 000 Quadratmetern. 1999 sind die türkischen Diplomaten nach Berlin gezogen. Zurück geblieben ist auf dem Grundstück Ecke Utestraße/Gernotstraße ein imposantes Kanzleigebäude und eine ebenso stattliche Residenz.

Immer wieder versuchte die Türkei, die Liegenschaft zu veräußern - ohne Erfolg. Im zehnten Jahr ihres Dornröschenschlafs nun gibt es Anzeichen für eine Veränderung. Bei der Stadt ist ein Abbruchantrag für die Residenz gestellt worden.

"Er ist auch genehmigt worden", bestätigt Stadtsprecherin Monika Frömbgen. Der Antrag enthält aber keinen konkreten Zeitpunkt. "Das ist noch offen", so Frömbgen. Sie bestätigte außerdem, dass die Stadt eine Bauvoranfrage für das Gelände erwarte: "Sie ist angekündigt".

Den Antrag auf Abbruch habe die türkische Botschaft selbst gestellt, die weiterhin Eigentümerin der Liegenschaft sei, bestätigt Frömbgen. Ob möglicherweise ein Investor den Abbruch zur Vorbedingung gemacht hat, liegt nahe, bleibt aber Spekulation. Von der türkischen Botschaft in Berlin war zu dieser Frage noch keine Stellungnahme zu erhalten. Dass die Botschaft selbst einen Antrag auf Abbruch gestellt hat, "ist uns hier nicht bekannt", so ein Sprecher.

Nach GA-Informationen soll auf dem Gelände in Mehlem eine Wohnbebauung realisiert werden. Ein ähnliches Projekt lag dem Bauordnungsamt bereits 2005 zur Genehmigung vor. Damals waren 24 Einfamilien-Reihenhäuser mit Garagen geplant. Die Verwaltung lehnte das Vorhaben jedoch ab, da es vom geltenden Planungsrecht abwich. Das Projekt setzte den Abriss beider Gebäude voraus.

Ob das Kanzleigebäude, bestehend aus zwei gegeneinander versetzten Baukörpern, demnächst in Wohnungen umgebaut wird, ob es zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht auch noch abgerissen wird, sind ebenfalls offene Fragen.

Angelika Schyma vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege (als oberer Denkmalbehörde), die das entsprechende Gutachten verfasst hat, zeigt sich über den genehmigten Abbruchantrag irritiert. "Ich sehe keinen Grund, von der Denkmalwürdigkeit abzurücken", meint sie. Gäbe es Streit um Denkmalschutz, laufe es zumeist auf eine Güterabwägung hinaus, doch "wirtschaftliche Interessen allein" reichten nicht aus, um den Denkmalschutz auszuhebeln.

Die Stadt Bonn, die zugleich als untere Denkmalbehörde auftritt, hat sich freilich Beistand von ganz oben geholt. Das Verfahren sei mit der obersten Denkmalbehörde, dem Landesverkehrsministerium, abgestimmt, erklärt Frömbgen.

Erst durch den Eintrag in die Denkmalliste wird der Denkmalstatus rechtskräftig. Auf den Besitzer kommen dann allerlei Auflagen zu, die den Verkauf einer derart aufgewerteten Immobilie nicht eben leichter machen. Im Prinzip kann ein Gebäude auch gegen den Willen des Eigentümers zum Denkmal erklärt werden. Im Falle einer Botschaft jedoch, die auf exterritorialem Gelände steht, dürfte ein solches Vorgehen zu diplomatischen Verstimmungen führen.

Derartige pragmatische Erwägungen haben im Stadthaus wohl dazu geführt, die Eintragung nicht vorzunehmen. Denn sonst, so das Kalkül, hätte sich an der Rüdigerstraße wohl auch in den nächsten zehn Jahren nichts bewegt.

Die Botschaft und der DenkmalschutzFest steht hingegen, dass mit der ehemaligen türkischen Botschaft kein Denkmal verschwinden würde. Denn die Stadt Bonn ist einem Antrag aus dem Jahre 2005, gestellt vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege, bis heute nicht gefolgt. Dieser Antrag sah vor, Kanzlei und Residenz als "gebautes Dokument der alten Bundesrepublik" in die Denkmalliste einzutragen.

Ihre erste diplomatische Vertretung nach dem Zweiten Weltkrieg baute die Türkei in Bonn, genauer: in Mehlem. Architekt Vedat Öszan aus Ankara entwarf einen Komplex aus Kanzlei und Residenz.

Beide Gebäude werden durch einen Garten im Stile byzantinischer Palastgärten verbunden. Kanzlei und die Residenz versuchen, "türkische Tradition und westliche Moderne in Einklang zu bringen", so Angelika Schyma vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege. Als eine der wenigen neu gebauten diplomatischen Missionen habe die Botschaft den "Status Bonns als Hauptstadt" gefestigt. Sie wurde am 5. Juli 1970 eingeweiht. Berühmt waren die Kupfertüren am Portal der Residenz. Auf ihnen war, in Nagelschrift, der Friedensvertrag zwischen den Hethitern und Ägyptern aus dem Jahre 1259 v. Chr. eingraviert. Die Türen sind längst in die Berliner Botschaft überführt.