1. Bonn

Vom "Negerkönig" zum "Südseekönig"

Vom "Negerkönig" zum "Südseekönig"

Nach einem Protest tauscht die Stadt Bonn "Pippi-Langstrumpf"-Bücher in ihren Bibliotheken aus.

Bonn. Kaisa Ilunga ruft nach Zensur. Der freie Journalist, der im Kongo geboren wurde und seit 22 Jahren in Deutschland lebt, stört sich daran, dass es in der Stadtbibliothek Kinderbücher gibt, die aus seiner Sicht rassistische Aussagen enthalten.

Auf dem Kieker hat Ilunga vor allem Pippi Langstrumpf, das freche Mädchen, das ihren Papa unbekümmert, gar stolz "Negerkönig" nennt und sich freut, irgendwann einmal "Negerprinzessin" zu sein.

Während sich Pippis geistige Mutter, die schwedische Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, zeit ihres Lebens geweigert haben soll, das mittlerweile gesellschaftlich verpönte Wort "Neger" in ihrem Buch zu ändern, übersetzt ihr deutscher Verlag seit 2009 politisch korrekt: "Südseekönig".

Meinung Lesen Sie dazu auch den Kommentar " Rassistischer Begriff"Ilunga, Einzelmitglied im Bonner Integrationsrat, kritisiert in einer Anfrage für die heute stattfindende Sitzung des Gremiums (18 Uhr, Stadthaus), dass das berühmte Kinderbuch trotz mittlerweile neuer Auflagen immer noch in seiner Originalfassung in der Stadtbücherei ausgeliehen wird.

Ein Dorn im Auge ist Ilunga vor allem, dass das Buch im Schulunterricht verwendet wird: "Warum haben bis jetzt das Schulamt Bonn und das Schulministerium in Düsseldorf dieses und weitere Schulbücher mit rassistischen Aussagen nicht zensiert?", will Ilunga von der Stadtverwaltung wissen.

Er berichtete am Dienstag dem GA, dass Eltern afrikanischer Herkunft sich bei ihm schon vor längerer Zeit beschwert hätten: "Ihre Kinder, Mischlinge, sollten im Unterricht aus 'Pippi Langstrumpf' vorlesen und stolperten dabei über das Wort 'Neger'." Daraufhin hätten sich die Grundschüler geweigert weiterzulesen.

Ein Kind soll daraufhin von der Lehrerin gezwungen worden sein weiterzulesen. "Das ist nicht in Ordnung", sagt Ilunga. "Neger ist ein Schimpfwort für die Kinder." Was Ilunga besonders ärgert, ist, dass die Verwaltung ihm erst nach wiederholter Anfrage geantwortet hat.

Die Erben von Lindgren hätten dem deutschen Verlag erst 2009 eine zeitgemäße Anpassung gestattet, sagt Elke Palm vom städtischen Presseamt zu dem Fall. "Wir tauschen alle Bände in allen Zweigstellen unserer Büchereien nach und nach aus. Aufgrund der großen Anfrage von Herrn Ilunga werden wir das jetzt beschleunigen."

Das Buch "Pippi Langstrumpf" sei allerdings kein Schulbuch und unterliege daher auch nicht der Überprüfung des Ministeriums, heißt es in der Antwort auf Ilungas Anfrage. Lehrer könnten selbst entscheiden, ob sie Bücher mit solchen Wörtern im Unterricht einsetzen. Doch die Verwaltung verteidigt sich auch: "Pippi Langstrumpf" gelte als literarisches Vorbild für die Frauenbewegung und den Feminismus. Zensur wolle man daher nicht üben.

"Zehn kleine Negerlein..." Das Wort Neger ist eines von den Wörtern im Deutschen, die im Laufe der Zeit eine negative Bedeutung bekommen haben. Der Germanist Dr. Jan Seifert von der Universität Bonn spricht von einer Stigmatisierung des Wortes, die in den 1980er Jahren einsetzte. "“Zehn kleine Negerlein„ konnte man in den 70er Jahren noch singen. Auch das Wort “Negerkuss„ war gebräuchlich." Mit der Abwandlung in "Schokokuss" sei aber eine "nicht mehr funktionierende" Bedeutungsänderung einhergegangen: "Küssen kann nur eine Person."
Wenn man heutzutage "Neger" sage, sei das ein Tabubruch. Was politisch korrekte Buchneuauflagen anbelangt, ist Jan Seifert skeptisch: "Sprache wandelt sich ständig." Statt dessen sei es sinnvoller, Bücher, deren Zielpublikum Kinder seien, mit Anmerkungen zu versehen, die den historischen Kontext erläutern.