Klopps Abschied beim BVB: Dankbar für Vergangenes - Chance für die Zukunft

Klopps Abschied beim BVB : Dankbar für Vergangenes - Chance für die Zukunft

Jürgen Klopp scheidet nach einer enttäuschenden Spielzeit bei Borussia Dortmund aus. Der Mann, der den Erfolg zurück in die Westfalenstadt brachte, wird eine große Lücke beim BVB hinterlassen, viele Fans können sich ihren Verein ohne den "Pöhler" kaum vorstellen. Rück- und Ausblick von BVB-Fan und GA-Volontär Clemens Boisserée.

"Da lach ich mir doch den Arsch ab", mit diesen Worten blieb Jürgen Klopps Vorgänger vielen BVB-Fans in Erinnerung. Thomas Doll war sein Name und mit ihm verbindet die jüngere Generation Stolperfußball, Abstiegsängste und eben jene legendäre Wutrede, die Doll vor ziemlich genau sieben Jahren auf einer Pressekonferenz hielt. Die Erleichterung unter den Fans war groß, als Doll schließlich seinen Rücktritt nach Saisonende verkündete - und Jürgen Klopp das Heft in die Hand nahm.

Und jetzt hat auch eben jener Jürgen Klopp genug. Der dienstälteste Trainer der Bundesliga wird nach dieser Saison seinen Platz auf der BVB-Trainerbank räumen und einem noch zu bestimmenden Nachfolger einen Kader hinterlassen, der uns Fans in der aktuellen Saison oftmals einen Fußball bot, der an jene dollschen Jahre erinnerte. Klopp schien zuletzt immer ratloser, wirkte ermüdet, seine Ideen und Änderungen verpufften. Der einst so lockere Fan- und Medienliebling Jürgen Klopp zeigte plötzlich Parallelen zum garstigen, unbeliebten Vorgänger. Dennoch hätte ein Großteil der Fans sich lieber von ihrer eigenen Mutter als von Jürgen Klopp getrennt. Das Vertrauen in ihn schien grenzenlos - das Ergebnis von harter, erfolgreicher Arbeit der Vorjahre.

Klopp schaffte Aufbruchstimmung

Blicken wir zurück: In seinem ersten Jahr schaffte es Klopp, mit bescheidenen finanziellen Mitteln einen Kader auf die Beine zu stellen, der endlich wieder begeisternden Fußball im Westfalenstadion zeigte. Wenn auch am Ende die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb noch knapp und unglücklich verpasst wurde, so hatte Klopp mit seiner mitreißenden Art es doch gleich in seiner ersten Saison geschafft, eine Aufbruchstimmung zu erzeugen. Mit seinem Gesicht warb der Verein für den damals oft schleppend laufenden Ticketverkauf, zur Dauerkarte gab es in Vorjahren einst als Anreiz gar ein Trikot umsonst dazu, um das Verkaufsniveau zu halten - wenige Jahre später unvorstellbar.

[kein Linktext vorhanden]Er schaffte es, den schon als gescheitert abgestempelten Nuri Sahin zum überragenden Spielmacher zu formen, er verpflichtete mit Neven Subotic und Mats Hummels die Innenverteidigung der Zukunft und sortierte alte, teure, gescheiterte Spieler wie Robert Kovac oder Giovanni Federico aus.

Was folgte, war die erfolgreichste Zeit der BVB-Vereinsgeschichte und der Aufstieg von Jürgen Klopp zum Aushängeschild von Borussia Dortmund. Zwei Meisterschaften in Folge, ein 5:2-Erfolg gegen Bayern München im DFB-Pokalfinale 2012 und mitreißende Abende in der Champions-League, die 2013 im Final-Einzug in Europas Königsklasse gipfelten.

Tränen bei der ersten Meisterschaft

Die erste Meisterschaft kam so überraschend, dass viele Fans bis zuletzt eigentlich nicht glauben konnte, dass ihr Verein tatsächlich wieder Deutscher Meister wird. Noch drei Jahre zuvor, in der dunkelsten Doll-Phase, schien ein solcher Erfolg in näherer Zukunft vollkommen unrealistisch. Am 2. Mai 2011, mit einem Heimsieg gegen Nürnberg und einer gleichzeitigen Niederlage von Verfolger Leverkusen beim 1. FC Köln, wurde genau das Wirklichkeit - und wir Fans jubelten mit Tränen in den Augen auf der Tribüne Jürgen Klopp und seinen Jungs fassungslos zu.

[kein Linktext vorhanden]Die Titelverteidigung im Jahr darauf basierte auf den wohl besten Fußball, den Dortmund in den vergangenen 15 Jahren gesehen hat. Powerfußball. Offensivfußball. Jedes Spiel wurde zum "Feiertag", wie die Marketingabteilung unsere Auftritte passend bewarb. Stets mit dem lachenden Konterfei von Jürgen Klopp auf den Werbeplakaten. Das Westfalenstadion platzte bei jedem Spiel aus allen Nähten, Dauerkarten waren das Begehrteste, was es in Dortmund zu kaufen gab. Mit der Demontage des FC Bayern im Pokalfinale schien der Verein auf dem besten Weg, sich als Nummer zwei im deutschen Fußball zu etablieren - mindestens als Nummer zwei.

Denn was 2012/2013 folgte, war ein internationaler Triumphzug. Amsterdam, Manchester, Madrid - schon in der Vorrunde der Champions-League setzte sich der BVB gegen drei Landesmeister durch. Im Viertelfinale folgte das "Wunder von Dortmund" gegen Malaga - der wohl emotionalste Moment unter Jürgen Klopp, als Felipe Santana in der 94. Minute den Ball zum 3:2-Siegtreffer über die Linie drückte und den BVB so ins Halbfinale schoss. Dort zerlegte die Mannschaft im wohl besten Spiel, das die Ära Klopp sah, die Königlichen von Real Madrid mit 4:1. Noch am Morgen nach dem Finaleinzug kam mir beim Lesen der Schlagzeilen eine Gänsehaut, schlossen mir Tränen des Glücks in die Augen. Die 1:2-Niederlage im Endspiel gegen die Bayern war spätestens in dem Moment egal, als sich Klopp und Mannschaft nach dem Schlusspfiff Arm in Arm vor die Fankurve stellten, um dort minutenlang vor den applaudierenden Fans zu verharren. Ein Bild für die Ewigkeit. Ein Moment, fast so legendär wie Lars Rickens Siegtreffer im Champions-League-Finale 1997.

Spielerwechsel der Anfang vom Ende

Doch der Erfolg weckte Begehrlichkeiten. Mario Götze verließ den Verein gen München, ein Jahr später folgte Robert Lewandwoski. Zwei Spieler, die Klopp zu Weltklassespielern formte. Zwei Spieler, die seine Taktik und damit das Spiel von Borussia Dortmund prägten. Sie zu ersetzen, das gelang dem Duo aus Trainer Klopp und Sportdirektor Michael Zorc letztlich nicht - der Anfang vom Ende für die BVB-Trainerkarriere des heute 47-Jährigen.

[kein Linktext vorhanden]Während Klopp nun großflächig in gefühlt jedem zweiten Werbespot auftauchte, schaffte er es spätestens zur aktuellen Saison nicht mehr, dem Team eine neue Handschrift zu verpassen. Das kloppsche Gegenpressing hatten die Bundesliga-Kollegen längst durchschaut, entsprechend schwer tat sich der BVB plötzlich gegen jeden Gegner, der es verstand, die überfallartigen Angriffe und das schnelle Kombinationsspiel zu stören. Exorbitantes Verletzungspech, die fehlende Form einiger WM-Spieler und nicht ins System passende Neueinkäufe sorgten für Tabellenplatz 17 nach der Hinrunde. War Klopp anfangs davon überzeugt das "die Mannschaft noch kommt", man "aktuell eine schwere Phase, das Team aber jegliches Potenzial" habe, so wirkte der gebürtige Stuttgarter mit fortschreitender Erfolgslosigkeit immer leerer, abgestumpfter, zermürbter.

Auch wenn Klopp es letztlich in den vergangenen Wochen schaffte, den BVB zumindest aus akuten Abstiegsängsten zu führen, so änderte sich an seiner Körpersprache nur noch wenig. Gleiches gilt letztlich auch für das Auftreten seines Teams. Der teuerste Kader der Vereinsgeschichte schaffte es in nahezu keinem Spiel, die Fans zu begeistern. Wo am Anfang der Krise noch aufmunternder Applaus war, mehrt sich spätestens seit dem blutleeren Aus in der Champions-League gegen Juventus Turin der Unmut - vereinzelt zwar nur, aber auch gegen den Trainer. Etwas, das wohl jeder BVB'ler vor Saisonbeginn für ausgeschlossen hielt.

Ein neuer Trainer kommt, Borussia Dortmund bleibt ein großer Verein

Am Ende geht ein Trainer, wie ihn die Bundesliga lange nicht mehr gesehen hat: streitbar aber charismatisch, gewieft aber am Ende ausgebrannt, ein Vereinsrepräsentator wie ihn Borussia Dortmund nach den Chaosjahren rund um die Beinah-Insolvenz im Jahr 2005 dringend brauchte. Jürgen Klopp hat den BVB zurück in die Erfolgsspur gebracht, das hat Kraft gekostet. Kraft, die er nun nicht mehr hat, da die Mannschaft neue, frische Ideen braucht. Deshalb ist es nur konsequent, dass Klopp das Kapitel Borussia Dortmund im Sommer beenden wird - weil er "nicht mehr der perfekte Trainer für diesen außergewöhnlichen Verein" ist, wie er selbst sagt. Er will, wie in all den Jahren, das Beste für den Verein. Wir Fans sollten ihm dafür genauso dankbar sein, wie für all die spektakulär-erfolgreichen Jahre, die wir unter Klopp erleben durften.

Es wird weitergehen, ein neuer Trainer kommen und Borussia Dortmund immer noch einer der größten Vereine Deutschlands sein. Der Abschied von Jürgen Klopp ist auch eine Chance, mit frischem Wind auf der Bank mehr aus dem durchaus talentierten Kader zu machen, als es der Mann mit der "Pöhler"-Kappe zuletzt vermochte.

"Wir werden Jürgen Klopp nie entlassen. Er hat unglaubliche Verdienste um den BVB. Es wird nie zu einer konfrontativen Situation mit ihm kommen", verkündete BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke noch Anfang des Jahres. Am Mittwoch gab er, sichtlich angeschlagen, den Abschied des einstigen Erfolgscoaches zum Saisonende bekannt.