Spurensuche im Heilbad Das evangelische Bad Neuenahr

BAD NEUENAHR · Die Sehschule der Bürgerinitiative „Unsere lebenswerte Stadt“ hat mit 40 Gästen die Geschichte der Protestanten in der Kurstadt erkundet.

Wie kommen eigentlich die evangelischen Christen an die Ahr und welche Spuren haben sie bislang hinterlassen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich die Sehschule der Bürgerinitiative „Unsere lebenswerte Stadt“, zu der Initiator Markus Hartmann und Pfarrer Friedemann Bach am Dienstag eingeladen hatten.

Rund 40 Personen waren gekommen und hatten sich auf den Rundgang gefreut, den aber sagten die Veranstalter ab. Wegen der unsicheren Wettersituation gab es stattdessen einen „gedanklichen und virtuellen Rundgang“ mittels Bildern im Seitenschiff der Martin-Luther-Kirche. Die hieß übrigens nicht immer so: Das ab 1872 errichtete Gotteshaus der evangelischen Christen trug zunächst einmal den Namen „Christuskirche.“

Hartmann startete mit dem geschichtlichen Abriss über die Zeit des Martin Luther und die folgenden Jahrhunderte und verband die Aussagen mit den Baustilen, um festzustellen, dass es nach Napoleon keine charakteristischen Baustile mehr gegeben habe und die Zeit des Historismus begann.

Es war aber auch die Zeit des Wiener Kongresses (1814/15) mit der Folge der preußischen Herrschaft über das Rheinland. Die wurde nicht überall gerne gesehen, es entwickelten sich separatistische Bestrebungen. Als eine Folge wurde der Kölner Dom fertiggestellt und 1880 eröffnet, zunächst mehr als Prestigeobjekt, denn als Kirche.

Woher kamen die evangelischen Christen?

Im entstehenden Kurort Bad Neuenahr wurde in modernster Architektur die gusseiserne Wandelhalle errichtet, das Kurhotel im gotischen Stil und das Kurtheater im barocken Stil, der als Baustil der Herrscher angesehen wurde. Für die Kirchen, die in dieser Zeit entstanden, waren die Baustile quasi vorgegeben. Die Katholiken errichteten ihre Gotteshäuser in neogotischer Bauweise. „Das kann man sehr gut an der Ringener Kirche sehen“, so Hartmann. Evangelische Kirchen entstanden auf Wunsch des Kaisers in neoromanischer Bauweise.

Aber woher kamen die evangelischen Christen? Friedemann Bach hatte sich mit dem Thema beschäftigt. Da waren die preußischen Beamten aus dem protestantischen Berlin. Da waren viele Kriegsflüchtlinge mit evangelischer Konfession. Bach hatte aber auch große evangelische Gruppen im Raum Bad Breisig und im Brohltal ausgemacht.

„Niederzissen war nach der Reformation mehrheitlich evangelisch“, so Bach. Es habe einige Jahrzehnte und auch einige „Anstrengungen“ gebraucht, um dort wieder eine katholische Mehrheit zu erreichen, so der Pfarrer.

Enge Verbindungen gab und gibt es aber auch auf die Grafschaft, vor allen Dingen nach Vettelhoven. Bach nannte wiederholt das dortige Schloss und die Familie de Weerth, ehe er die Besucher der Sehschule mit auf den gedanklichen Weg zu den baulichen Werken nahm, die für die evangelischen Christen in der Kurstadt stehen.

Neues Gotteshaus wegen zahlreicher Flüchtlinge

Los ging es natürlich mit der Martin-Luther-Kirche, die seinerzeit im aufstrebenden Bad Neuenahr unweit der Schnittstelle der drei Dörfer Beul, Wadenheim und Hemmessen entstand. Als die Kurgartenbrücke von Eismassen weggerissen worden war und erneuert werden musste, baute Architekt Hermann Cuno diese 1873 genau so, dass man direkt auf die damals neue evangelische Kirche zulief.

Weiter ging es durch die Georg-Kreuzberg-Straße, wo die Familie Lindner das Hotel Aurora betreibt. Deren Vorgänger waren zum Teil als Küster der evangelischen Kirche eingesetzt. Im heutigen Mehrgenerationenhaus wurden nach dem Zweiten Weltkrieg evangelische und katholische Schüler gemeinsam unterrichtet, allerdings mit getrennten Toiletten und Spielplätzen.

„Der evangelische Spielplatz grenzte ans katholische Pfarrhaus. Wenn da mal ein Ball über den Zaun flog, wurde der eher abgeschrieben, als zurückverlangt“, so Bach. Ihr Gemeindehaus hat die evangelische Kirche an der Wolfgang-Müller-Straße. Weil die Gemeinde ihren Ursprung in Ahrweiler hatte, stießen die Bauten in Bad Neuenahr übrigens auf Widerstand in den eigenen Reihen.

Neben der Rosenkranzkirche stand einmal eine evangelische Schule, heute ist dort ein Parkplatz. Anfang der 1950er Jahre entstand in Ahrweiler aufgrund vieler Flüchtlingszuzüge der Bedarf nach einem weiteren Gotteshaus, die Friedenskirche wurde gebaut. Gleichzeitig wurde das Vettelhovener Schloss zum Waisenheim und oftmals von der Frauenhilfe der evangelischen Kirche unterstützt. Die katholische Rosenkranzkirche wurde rund vier Jahrzehnte nach der Martin-Luther-Kirche errichtet, dafür aber umso üppiger. „Man wollte wohl zeigen, wer die größere Gemeinde hat“, so Bach.