Abtei Maria Laach Die himmlische Schönheit des analogen Wissens

MARIA LAACH · Die Abtei Maria Laach hat nach zweijähriger Renovierung ihre historische Jesuitenbibliothek wiedereröffnet. Zwischen Galerien und Wendeltreppen lagern 60.000 Bücher. Weitere 200.000 Bände sind bereits vor zwei Jahren in den ehemaligen Kuhstall des Klosters umgezogen.

 Wo man vor lauter Staunen gar nicht zum Lesen kommt: Auf mehreren Etagen führt die Galerie an den Regalreihen entlang.

Wo man vor lauter Staunen gar nicht zum Lesen kommt: Auf mehreren Etagen führt die Galerie an den Regalreihen entlang.

Foto: Frank Homann

Das also ist sie. Andächtiges Schweigen greift unter den Journalisten um sich, als sie im Kloster Maria Laach aus dem schattigen Gang in die Tür treten. Was sie sehen, ist keine Filmkulisse, sondern alles echt: Treppen, eine filigrane Holzkonstruktion und dazwischen und ringsherum: Bücher, Bücher und nochmals Bücher. Seit 150 Jahren besteht die historische Jesuitenbibliothek in ihrer heutigen Form. Nach einer zweijährigen Renovierungszeit ist sie jetzt wieder in Betrieb.

Eines wird auf den ersten Blick klar. Bücherfreunde, die bislang mit gewissem Stolz auf ihre heimischen Bestände geblickt haben, finden hier zügig zur Demut zurück - müssen sich deshalb aber nicht gleich minderwertig fühlen. Eine Deckenhöhe von zwölf Metern ist in Privathäusern nun einmal eher selten, ebenso ein allein für Lesestoff reserviertes Zimmer von 160 Quadratmetern Grundfläche. In Maria Laach hingegen hat man den Platz und nutzt ihn.

Mit Wandregalen vom Boden bis zur Decke, flankiert von hölzernen Wandelgängen, deren doppelte Empore mit den gedrechselten Geländerhölzern den lichten Raum an ein Labyrinth erinnern lassen. Holzpulte stehen zum Studium bereit. Und in der Mitte führt eine geschwungene gusseiserne Wendeltreppe auf die oberen Etagen. "Ja, jetzt haben wir erst einmal wieder etwas Luft", sagt Subprior Pater Petrus Nowack lachend zu den zurückgewonnenen Lagerkapazitäten.

"Rumpelkammer des Klosters"

Die Sanierung ist der Abschluss eines Großprojektes, das im Sommer 2012 begann. Damals entdeckten die Mönche eine neue Bestimmung für den historischen Kuhstall des Klosters, bis dahin so etwas wie die "Rumpelkammer des Klosters", wie Bibliothekarin Mechthild Langenbahn schmunzelnd sagt. Im Folgejahr wurde aus der "Rumpelkammer" eine der modernsten Magazinbibliotheken der Welt, in der heute der Großteil des Buchbestandes von Maria Laach lagert. Das bot den Anlass zu einer umfassenden Neuordnung der Klosterbibliothek.

Die war erforderlich geworden, weil die auf eigentlich 60.000 Bücher ausgelegte historische Jesuitenbibliothek mit inzwischen weit über 200.000 Bänden aus allen Nähten platzte. In der Not hatten die Mönche Blechregale mitten in das historische Gefüge gestellt.

Dann kam mit der "Entdeckung" des Kuhstalls die Rettung: Er beherbergt jetzt 200.000 Bücher, unter ihnen sind auch die besonders alten und wertvollen Exemplare. Die in einem zweiten Bauabschnitt renovierte und nun fertiggestellte Jesuitenbibliothek umfasst hingegen jetzt "nur noch" 60.000 Bücher, die meisten von ihnen aus dem 19. und 20. Jahrhundert.

Um den Raum den Handwerkern überlassen zu können, musste rangiert werden. In einer konzertierten Aktion lagerten die Mönche die bisherigen Bestände der Jesuitenbibliothek ebenfalls in den Kuhstall sowie in andere Räume aus, der für diesen Teilbestand somit zum Übergangsquartier wurde. Nun konnten die Arbeiten im leer geräumten Saal beginnen, wo Herausforderungen nicht lange auf sich warten ließen.

"Einerseits galt es, die restauratorisch-denkmalpflegerischen Aspekte zu beachten. Zum anderen mussten wir natürlich die Funktionalität des Raumes erhalten", skizziert Hans-Josef Scheer die Ausgangssituation. Der Architekt aus dem nahen Örtchen Wassenach ist - mit einer ganzen Reihe erfolgreich bewältigter Bauprojekte innerhalb der Mauern von Maria Laach - so etwas wie der "Hausarchitekt" des Klosters, wobei er selbst diese Bezeichnung scheut.

Nun liefen bei ihm die Fäden der Restaurierung zusammen. Somit kann er auch am plausibelsten erklären, dass die Bibliothek nunmehr nahezu exakt so aussieht wie auf Aufnahmen aus der Frühphase der Fotografie. "Wir wollten ausdrücklich kein neues Erscheinungsbild schaffen, sondern den alten Zustand wiederherstellen", sagt Scheer und ergänzt: "Spektakulär genug ist der Raum ja auch ohne neue Extras".

Nicht zuletzt waren die Arbeiten mit Auflagen verbunden und eine enge Abstimmung mit der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz vonnöten. Die Denkmalpfleger hatten die Bedeutung der Bibliothek in Maria Laach bereits 1987 schriftlich mit folgenden Worten beschrieben: "Der jetzige Bibliotheksbau von 1865 mit der großartigen gusseisernen Treppen- und Brüstungskonstruktion gehört zu den kulturgeschichtlich und denkmalpflegerisch bemerkenswertesten und besterhaltenen Bibliotheksbauten des 19. Jahrhunderts in der Nachfolge der großen barocken Klosterbibliotheken."

Auf Herz und Nieren geprüft

So viel zum kulturellen Erbe. Weil für eine Bibliothek jedoch auch eine belastbare Statik von durchaus tragender Bedeutung ist, wurde auch sie auf Herz und Nieren geprüft - und bestand den stichprobenhaften Härtetest: 300 Kilogramm musste jeder Quadratmeter aushalten.

Substanziell verändert wurde somit nur sehr wenig: Lediglich die Metallregale im Innenraum waren schnell als Stilbruch entlarvt, sie wurden entfernt. Eine neue Verankerung erhielten die Regale: "Da ist jetzt wieder für zwei Generationen Ruhe", ist Hans-Josef Scheer überzeugt.

Der Schwerpunkt der Arbeiten galt indes der Restaurierung: Vor allem die prägenden Elemente wie die gusseiserne Treppe, gefertigt in der einst so namhaften Sayner Hütte, oder die hölzernen Galerien sollten möglichst originalgetreu restauriert werden - was den Fachleuten offenkundig gelang.

Eine knifflige Aufgabe wartete bei der Beleuchtung. Klar war: Die bisherigen Neonröhren wollte man nicht restaurieren. Nach einiger Überlegung - und einem eigens ausgelobten Ideenwettbewerb, für den man sich ein Dreivierteljahr Pause gönnte - entschieden sich die Verantwortlichen für LED-Lichter, welche die Galerie nun sanft in Szene setzen.

Zudem wird das durch Oberlichter in den Raum fallende Sonnenlicht ebenfalls durch Strahler verstärkt. Auch eine Brandmeldeanlage wurde installiert. Im 19. Jahrhundert liefen die Mönche noch mit Petroleumlampen hier durch. "Fast ein Wunder, dass nie etwas passiert ist", sagt Scheer.

Dem Wurm den Garaus gemacht

Und wie das im Metier der Altbausanierung nun einmal so ist, muss man auf Überraschungen gefasst sein. In Maria Laach war es der Gemeine Nagekäfer, auch Holzwurm genannt, der den Restauratoren alsbald entgegenkroch. "Der Befall war zwar nicht katastrophal", sagt Hans-Josef Scheer. Aber ignorieren habe man ihn auch nicht können. Mit Heißluft von 70 Grad Celsius wurde dem Wurm der Garaus gemacht.

Mit der Neuordnung wird ein Millionenprojekt zum Abschluss gebracht: Die Sanierung der historischen Jesuitenbibliothek schlug mit 640.000 Euro zu Buche, von denen die Abtei 146.000 Euro selbst zu schultern hatte. Etwa die Hälfte der Gesamtkosten trugen öffentliche Körperschaften, nämlich die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur und der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

75.000 Euro steuerte zudem die Deutsche Stiftung Denkmalschutz bei, 119.000 Euro kamen vom Förderverein der Abtei. Das neue Magazin im alten Jesuitenkuhstall hatte bereits 2,3 Millionen Euro gekostet.

Davon, dass sich die Investition rundum gelohnt hat, sind die Verantwortlichen überzeugt. "Wir sind froh, dass dieser Raum jetzt so schön ist wie seit 100 Jahren nicht mehr", sagt Prior-Administrator Pater Albert, und prompt fühlt sich der Zuhörer von den Jahrhunderten umweht und denkt an Mönche, die mit dem Federkiel Abschriften anfertigen. Und spontane Assoziationen mit Büchern Hermann Hesses oder dem Film "Der Name der Rose" wollen im Kopf nur deshalb rasch verdrängt werden, weil sie doch allzu klischeehaft daherkommen.

Tatsache aber ist: Historische Klosterbibliotheken spielen eine große Rolle bei der Überlieferung des abendländischen Wissens. Auch die Abtei Maria Laach sammelte seit ihrer Gründung im Jahr 1093 beutende Werke, vornehmlich für den liturgischen Gebrauch. Zeitweise gab es ein Skriptorium - also eine mittelalterliche Schreibstube - in der Handschriften hergestellt wurden.

Mit der Aufhebung des Klosters im Zuge der Säkularisierung 1802 wurde die Bibliothek vollständig zerstreut. Laut Inventarliste zählte man damals 3.719 gedruckte Werke. 1862 erwarb der Jesuitenorden das Gebäude und entfaltete eine rege Bautätigkeit. Es wurde ein Studienzentrum eingerichtet, zu dem auch eine Bibliothek gehörte. Aber schon sieben Jahre später verließen die Jesuiten Maria Laach - und nahmen ihre Bücher mit.

Dubletten und Geschenke bildeten Grundstock

Als 1892 die Benediktiner in Laach einzogen, übernahmen sie den Raum, behielten den Namen bei und ergänzten den Bestand mit eigenen Bänden. Die Bibliothek hat heute einen Schwerpunkt auf allen theologischen Disziplinen, vor allem der Liturgie. Den Grundstock der Laacher Bibliothek bildeten Dubletten aus der Erzabtei Beuron und Geschenke der Stiftsbibliotheken Einsiedeln und Engelberg.

Dazu kam eine große Sammlung von alten Büchern aus der Bibliothek des 1802 aufgehobenen Benediktinerklosters Neustadt am Main. Der Raum fasste rund 60.000 Bände und war durch weitere Schenkungen und Ankäufe schon bald gefüllt.

Also wurden zusätzliche Regale eingebaut, aber auch diese Kapazitäten reichten in den letzten Jahrzehnten nicht mehr aus. So wurde ständiger Platzmangel zu einem Dauerzustand. Erst mit dem Umbau des Kuhstalls 2013 entspannte sich die Lage.

Wer nun glaubt, in einem Kloster sei in erster Linie theologische Fachlektüre anzutreffen, der liegt zwar auch am Laacher See nicht gänzlich falsch: Mit Schwerpunkten wie Dogmatik, Exegese, Kirchengeschichte, Liturgie und - natürlich - zahlreichen Schriften zu den Regeln des Heiligen Benedikt deckt die Sammlung alle theologischen Disziplinen ab und spiegelt selbstredend auch das Wirken der Mönche von Maria Laach in der Liturgischen Bewegung wider.

Dazu kommen Bücher über das Mönchtum und das Ordensleben sowie Publikationen zur Region, die in besonderer Weise gesammelt werden.

Aber auch darüber hinaus haben die Regale einiges zu bieten. Biografien finden sich insbesondere in der Jesuitenbibliothek ebenso wie Gedichtbände, Standardwerke zu den Naturwissenschaften, Kunsthistorisches, Reiseliteratur oder belletristische Klassiker. Wann in welchem Buch wohl zuletzt geblättert wurde, so fragt man sich unweigerlich beim Vorübergehen. Heute ist Maria Laach im Besitz der größten wissenschaftlichen Bibliothek in privater Trägerschaft in Rheinland-Pfalz.

Auch auswärtige Nutzer haben Zugriff

Auch wenn keine regelmäßigen Öffnungszeiten angeboten werden können, so steht die Bibliothek jedem interessierten Leser nach Absprache zur Verfügung. Über den deutschen Fernleihverkehr haben auch auswärtige Nutzer Zugriff. Der Katalog der Bibliothek wird in Kürze online zur Verfügung stehen.

Irgendwann waren die Handwerker und Restauratoren fertig, hatten Wand- und Deckenflächen von Schimmel befreit, Holzbalken poliert und gewachst und den historischen Keramikboden ausgebessert. Die Rückkehr der Bücher stand an, und auch sie musste akribisch geplant und durchgeführt werden. Mithilfe externer Fachleute aus dem Landesbibliothekszentrum Rheinland-Pfalz wurde jedes Buch etikettiert und seinem regulären Platz zugeordnet, bevor es andernorts zwischengelagert wurde.

Angesichts der Bücherberge, die nicht nur im früheren Kuhstall, sondern teilweise auch in Kellern oder unterm Dach ihrer Rückkehr harrten, erlebte vor allem Mechthild Langenbahn eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Dem Umstand, dass sie in dieser Zeit "nie die Nerven verloren" habe, räumte Prior-Administrator Pater Albert in seiner Dankesrede eine besondere Erwähnung ein.

So fieberhaft die Bibliothekarin auch bis zum Tag vor der Eröffnung an der ordnungsgemäßen Rückkehr "ihrer" Bücher gearbeitet hatte, so glücklich zeigt sie sich nun über das Ergebnis. Obwohl der Raum baulich nicht verändert wurde, wirke er völlig anders auf sie, sagt Langenbahn und zeigt sichtlich zufrieden auf die Regalreihen hinter ihr. Dass dort auch manche Kuriosität schlummert, die womöglich gar nicht in einer Klosterbibliothek vermutet werden, verdeutlicht sie an einem Beispiel und greift ein altes Büchlein aus dem Regal.

"Der kleine Taschenspieler und Magister", so heißt der Ratgeber aus dem Jahr 1812, den damals ein Mönch benutzt haben soll und der Taschenspielerkünste und magische Täuschungen verspricht. Neben staunenden Blicken darf sich die Bibliothekarin in diesen Tagen besonders über Komplimente freuen.

Von einem erzählt sie besonders gern: Wenige Tage nach der Vollendung hatte sie einem jungen Austauschschüler aus Polen einen Blick in den Raum gestattete. "Der ging raus und sagte, so was Schönes habe er in seinem Leben noch nicht gesehen."