Werner Mertens: Ein Rückblick auf "drei Leben" in der Ahrweiler Synagoge

Werner Mertens : Ein Rückblick auf "drei Leben" in der Ahrweiler Synagoge

Er war auf dem besten Weg, Kirchenmusiker zu werden, aber dann wurde er Fotograf und Filmemacher. Als solcher hat Werner Mertens bisher "drei Leben" gelebt, wie er sagt, und stellt rückblickend fest: "Ich weiß nicht, wie und wann ich das alles geschafft habe."

Werner Mertens wird am Sonntag 80 Jahre alt und feiert zudem 65 Jahre im Beruf als Fotograf. Aus diesem Anlass wird in der ehemaligen Ahrweiler Synagoge eine Retrospektive gezeigt, die von Montag bis Mittwoch, 28. April bis 1. Mai, jeweils von 15 bis 18 Uhr für jedermann geöffnet ist.

Mertens war einer der ersten, die den ehemaligen Regierungsbunker im Ahrtal nach dessen Aufgabe durch den Bund fotografieren durften. Das Ergebnis ist unter anderem in einem viel beachteten Bildband zu bestaunen. Mertens war auch von Anfang an bei den Ausgrabungen der Römervilla dabei. Nachdem der Amateurarchäologe Karl-Heinz Abrecht ihm damals nicht nur rote Dachziegel, sondern erstmals auch ein Stück bemalten Wandputz an Ort und Stelle zeigte, hatte er laut eigenen Worten "Blut geleckt. Da war die Römervilla mir." Ausstellungen mit diesen, aber auch anderen Fotografien Mertens' sind aber nicht nur von historischem Wert, sie öffneten auch Portemonnaies.

Als nach dem schweren Unfall von Niki Lauda der Nürburgring am Boden gelegen habe, habe er in Zusammenarbeit mit der Landesbildstelle einen Film über die Grüne Hölle gedreht: "Den Mund redet man sich manchmal fusselig, ohne etwas zu bewirken, aber wenn man etwas bildlich zeigt, ist das etwas ganz anderes."

Der Film sei auch Regierungspolitikern in Bonn gezeigt worden, "und wenn ich ein klitzekleines bisschen Anteil habe, dass damals 90 Millionen Mark für die Grand-Prix-Strecke rumgekommen sind, dann macht mich das noch heute stolz."

Zum geflügelten Wort geworden sind die Titel seiner legendären Filme "Bad Neuenahr-Ahrweiler. Die Stadt mit den zwei Gesichtern" und "Im Tal der roten Traube", der bei den Deutschen-Amateurfilm-Festspielen 1980 als bester Film des Jahres prämiert wurde. Film und Foto laufen und liefen bei Mertens parallel, seit er 1959 im "Filmclub Ahrweiler-Bad Neuenahr" aktiv ist, auch im Vorstand. Seine Dokumentar- und Reportagefilme sind vielfach ausgezeichnet worden.

Auch für seine 26-jährige Tätigkeit als Fotograf für die Kreisbildstelle (heute Kreismedienzentrum) drehte er Unterrichtsfilme, etwa über die Verkehrsregeln auf dem Rhein oder den Vulkanismus in der Eifel. Unermüdlich unterwegs war er für die Arbeit in der Kreisbildstelle, die er auf- und ausbaute, mit dem Sucher immer auf der Suche nach neuen Themen und Motiven für Dokumentationen, Ausstellungen und Publikationen.

Außerdem bildete er Lehrer aus und gab sein Wissen an der Volkshochschule weiter. Und selbst am Wochenende wurden etwa Aufnahme- und Motivlisten von der Landesbildstelle mit Ehefrau Anni, den beiden Söhnen und dem gepackten Picknickkorb im Schlepptau überall im Land Rheinland-Pfalz und darüber hinaus "abgearbeitet". In der Kreisbildstelle erlebte er sein "zweites Leben" als Fotograf.

In seinem "ersten Leben" indes widmete er sich der Industriefotografie. Schon als Kind hatte er eigentlich Musiker werden wollen, und spielte bereits als 13-Jähriger die Orgel in der Messe in Orsberg nahe seinem Geburtsort Kasbach/Linz. Sein Vater, ein Friseurmeister, hatte bereits die Passion für das Musizieren ebenso wie fürs Fotografieren und Entwickeln. Als Werner Mertens' Mutter sehr früh starb, vereitelte die Stiefmutter seinen Traum vom Konservatorium, und er wurde mit Lehrstellen in Sinzig und Bad Neuenahr erst zum Fotolaboranten und dann zum Fotografen ausgebildet.

Als solcher drehte er Industriefilme und nahm auch Szenen etwa bei den Firmen Agrob in Sinzig sowie Rekofa und Both's in Ahrweiler oder von Wohnsiedlungen der Deutschen Bundespost auf. Als "Allroundfotograf" reichte sein Spektrum von der Architektur- über die Porträtfotografie bis hin zur Fest- und Veranstaltungsfotografie.

Das "dritte Leben" begann mit dem Eintritt in die Are-Künstlergilde 1996. Vom Abbilder des Realistischen wurde er zum Künstler. Was zuvor realistisch war, sollte nun künstlerisch werden und oft surreal anmuten. Bildkomposition, Linienführung und Diagonale sowie das Entdecken neuer Perspektiven, Brennweiten und Belichtungsmethoden und Darstellungsformen bekamen neue Bedeutung: Egal ob er stundenlang auf den "Ausbruch" des kleinen Sprudels im Kurpark wartete oder sich "wie ein Brot in den Backofen" in die Fußbodenheizung der Römervilla schieben ließ.

Die neue Herausforderung bereitete ihm auch manch schlaflose Nacht. Außerdem entdeckte Mertens neue Verfahren für sich. Aber fast immer blieb er seiner großen Leidenschaft, der Schwarz-Weiß-Fotografie, treu, "denn nur die ist archivfähig."

Industrieaufnahmen, die Dokumentationen und die künstlerisch-experimentelle Seite spiegeln sich als die drei Leben Mertens' auch in der bevorstehenden Ausstellung wider. Gemäß dem Titel drücken sie seine "Faszination für die Fotografie" aus. Auch im Ruhestand ist Mertens noch immer mit der Kamera unterwegs, auch wenn er mit seiner Frau spazieren geht.

"Meist fotografiere ich gar nichts", sagt er, denn seine Motive wählt er mit Bedacht und geübtem Blick auf das für andere Menschen oft Unscheinbare aus, "aber wehe, es passiert was und ich habe die Kamera nicht dabei. Dann bin ich der unglücklichste Mensch auf der Welt."

Außerdem hält er für das Kreismedienzentrum auch den Bau der Bad Neuenahrer Umgehungsstraße fest. Und immer treibt ihn die Frage: "Was könnte man noch machen, was ist noch nicht da gewesen?"