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Täter und Opfer: "Alles ist gut": Nüchternes Drama über sexuelle Gewalt

Täter und Opfer : "Alles ist gut": Nüchternes Drama über sexuelle Gewalt

"Alles ist gut" heißt der Debütfilm der Regisseurin Eva Trobisch. Gut läuft es für die Protagonisten darin aber nicht. Erzählt wird die Geschichte einer Vergewaltigung - und was passiert, wenn das Opfer sich nicht als Opfer sehen will.

Man kennt das aus der Psychologie: Man muss eine Aussage nur immer und immer wiederholen - und irgendwann glaubt man daran. Ein Beispiel von Motivationstrainern: Stelle dich jeden Tag vor dem Spiegel und sage "Heute wird ein toller Tag!"

Im Fall von Janne (Aenne Schwarz) ist der Motivationsspruch: "Alles ist gut". Das ist auch der Titel des Debütfilms von Eva Trobisch. Doch natürlich - und das ist immer der Ausgangspunkt, der solche Motivationssprüche überhaupt nötig macht - ist erst einmal gar nichts gut. Im Fall von Janne ist sogar alles sehr schlimm.

Janne wurde vergewaltigt. Von Martin (Hans Löw), einem Mann, der auf den ersten Blick langweilig bis harmlos wirkt - randlose Brille, adrettes Hemd, ausdrucksloses Gesicht. Von seiner Tat ist er mindestens so geschockt wie sein Opfer.

Janne hingegen ist taff, reißt in einer der ersten Szenen des Films energisch Tapetenreste von den Wänden. Hat eine tiefe Stimme und trägt meist einen leisen Spott im Mundwinkel. Ist alles andere als gefühlsbetont.

Trobisch entfaltet aus dieser Konstellation in "Alles ist gut" ein nüchternes Drama über sexuelle Gewalt, Schuld und Verantwortung. Sie widmet sich einem Thema, das zwar immer aktuell ist, über das seit dem Start der "MeToo"-Debatte vor knapp einem Jahr aber mehr gesprochen wird. Seitdem ist ansatzweise deutlich, was für ein Problem unsere Gesellschaft mit sexueller Gewalt hat. Und wie sehr wir das im Alltag verdrängen.

Bei manchen ist die Verunsicherung groß. Jannes Chef (Tilo Nest) wird nach einem Streit von seiner Freundin aus dem Bett getreten, erklärt später Janne, die nicht versteht, warum er sich das gefallen lässt: "Ich kann doch nicht zurückschlagen." "Doch", entgegnet sie.

Nicht immer wirkt der Schuldige auf den ersten Blick wie ein Schuldiger, und die Opfer fühlen sich in ihrer Opferrolle nicht gerade wohl. Janne will sich nicht eingestehen, die körperlich Schwächere gewesen zu sein. "Ich kann mich schon wehren", giftet sie ihre Mutter an, als diese Verdacht schöpft. Dementsprechend erzählt sie auch niemandem von dem Vorfall, nicht einmal ihrem Freund Piet (Andreas Döhler). Dass das nicht gut ausgeht, ist vorauszusehen.

Schwarz spielt die Protagonistin souverän und mit einer kühlen Härte. Das ist nur folgerichtig: Janne will Stärke zeigen, um die Kontrolle über die Situation nicht noch einmal zu verlieren. Natürlich ist diese Kontrolle längst Fiktion.

Neben Martin sind die Zuschauer ihre einzigen Zeugen. Klar, dass man als Zuschauerin den immer stärkeren Wunsch entwickelt, sie möge doch endlich ihr Schweigen brechen. Dass sie einem diesen Gefallen nicht tut und ihre Lage damit immer schwieriger wird, ist so beklemmend wie fesselnd mit anzusehen.

In einer starken Szene sitzt Janne in einer Münchner U-Bahn. Sie hat kein Ticket und wird kontrolliert. Mehrmals versuchen die Kontrolleure, sie zum Aussteigen zu bewegen. Die Mitreisenden werden immer genervter. Am Ende wird die Bahn angehalten. "Kommen Sie dann bitte?", fragen die Kontrolleure. "Nein", lautet Jannes knappe Antwort. Für einen Moment ist Janne mächtig - und hat ihre Selbstbestimmung zurück.

Alles ist gut, Deutschland 2018, 93 Min., FSK ab 12, von Eva Trobisch, mit Aenne Schwarz, Andreas Döhler, Hans Löw, Lina Wendel