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Im KIno: "Deutschstunde" von Siegfried Lenz

Filmkritik zum Kassiker von Siegfried Lenz : "Deutschstunde" erscheint nach 50 Jahren im Kino

Deutschstunde" von Siegfried Lenz gilt als eines der wichtigsten literarischen Werke der alten Bundesrepublik. 50 Jahren nach dem Erscheinen bringt Christian Schwochow „Deutschstunde“ auf die Leinwand.

Deutschstunde" von Siegfried Lenz gilt als eines der wichtigsten literarischen Werke der alten Bundesrepublik und gehört auch heute noch zur Schullektüre. Mit seinem Roman begab sich Lenz gezielt an die Peripherie des Landes und erzählte vor der Kulisse eines nordfriesischen Küstendorfes von der Freundschaft eines Polizisten und eines Malers, die an der politischen Verhältnissen im Dritten Reich zerbricht.

Emil Nolde war das Vorbild für Lenz' Maler Ludwig Nansen

Vor fünf Jahren geriet der Weltbestseller, von dem bis heute mit über 2,2 Millionen Exemplare verkauft wurden, erneut in die feuilletonistische Diskussion. Überaus deutlich hatte Lenz die Figur des verfolgten Künstlers Nansen an den Maler Emil Nolde angelehnt, dessen Werke von den Nazis in großer Zahl als "entartete Kunst" konfisziert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich Nolde als verfolgter Künstler in Szene gesetzt. Erst die Öffnung der Archive 2014 und die diesjährige Ausstellung im Hamburger Bahnhof brachten die unbequeme Wahrheit ans Licht: Nolde war ein bekennender Nationalsozialist und glühender Antisemit, der sich immer wieder dem Regime anzubiedern versuchte.

Damit geriet auch die "Deutschstunde" in die Diskussion, denn auch wenn es sich bei dem Roman um ein fiktionales Werk handelt, hat er im kulturellen Diskurs Noldes selbstinszenierte Legendenbildung entscheidend befördert.

Nach fünfzig Jahren auf der Kinoleinwand

Nun, fünfzig Jahre nach seinem Erscheinen, bringt Christian Schwochow ("Novemberkind"/ "Bad Banks") "Deutschstunde" auf die Kinoleinwand und lässt sich von den aktuellen Diskussionen nicht beirren. Abgesehen von der notwendigen Verknappung orientiert sich seine Adaption eng am Geist der Vorlage und verstärkt den exemplarischen Charakter der Erzählung.

Allein die Uniform des Dorfpolizisten Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen) scheint die Handlung im konkreten historischen Rahmen zu verorten. Hakenkreuzfahnen, vorbeimarschierende Soldaten oder Hitlerreden aus dem Volksempfänger bleiben als zeitgeschichtliche Klischees außen vor. Vielmehr verschmelzen hier der weite, wolkige Himmel, die Wattlandschaften, die einsamen Deiche der Nordseeküste zu einer eigenen apokalyptischen Naturkulisse, über der die Möwen gelegentlich wie Sturzkampfbomber kreisen.

Noch stärker als der Roman konzentriert sich der Film auf die Erzählperspektive des elfjährigen Siggi Jepsen (Levi Eisenblätter), dessen Vater auf dem nördlichsten Polizeistützpunkt des Landes seinen Dienst verrichtet. Aus der Reichskulturkammer in Berlin kommt der schriftliche Befehl, der dem örtlichen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti) ein Malverbot erteilt, dessen Einhaltung der Dorfpolizist überwachen soll.

Dramatische Ereignisse im dörflichen Mikrokosmos

Jepsen ist ein pflichtversessener Mann und versucht den eigenen Sohn, der bei seinem Patenonkel Nansen ein- und ausgeht, als Spion einzusetzen. Aber der kleine Siggi kommt zunehmend in Loyalitätskonflikte zwischen dem Vater, dem er gehorchen soll, und dem Maler, dessen Bilder eine große Faszinationskraft auf ihn ausüben.

Schwochow inszeniert die dramatischen Ereignisse im dörflichen Mikrokosmos mit reduziertem Personalaufwand fast schon als Kammerspiel, um dann den scharf konturierten Charakteren und engen Innenräumen immer wieder gewaltige Landschafts- und Naturaufnahmen gegenüberzustellen, welche die Geschehnisse metaphorisch reflektieren. Gerade in visueller Hinsicht ist "Deutschstunde" ein Film, der für die große Kinoleinwand gemacht ist - und das kann man zur Zeit nur von wenigen deutschen Produktionen behaupten.

Mit offensiver Werktreue und filmischer Kraft besteht Schwochow auf die exemplarische Fiktionalität des Stoffes und schirmt die Figur des Malers Nansen gezielt vom aktuellen Nolde-Diskurs ab. Die Gemälde, die für den Film angefertigt wurden, weisen keinerlei Ähnlichkeiten zu Noldes Werk auf. Vielleicht ist diese Distanzierung vom realen Vorbild für eine heutige Verfilmung der einzig gangbare Weg. Trotzdem bleibt das vage Gefühl bestehen, dass unter der Oberfläche dieses Filmes ein anderer, möglicherweise interessanterer Film schlummert.

Ein Film, der Emil Nolde als Opportunisten zeichnet, dessen Liebe zum Nationalsozialismus von der Obrigkeit nicht erwidert wurde. Ein Film, der das kühle Kalkül zeigt, mit dem sich der Maler nach dem Krieg als Opfer inszenierte, und die Bereitwilligkeit, mit der die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft - und auch Siegfried Lenz - diese Legendenbildung akzeptierte.