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Das Kreuz auf dem Berg: Die Bonner Kreuzbergkirche schafft den Brückenschlag von Religion zu Realität

Das Kreuz auf dem Berg : Die Bonner Kreuzbergkirche schafft den Brückenschlag von Religion zu Realität

Es ist siebzehn Minuten vor zwölf. Für immer. Unverrückbar fest stehen die Zeiger auf der Uhr der Kreuzbergkirche - und wie so vieles hier, ist auch das anders, als es scheint: Die Uhr ist gemalt.

Der Weg zur Kirche ist gesäumt von schicken Aus- und Einblicken. Rechts reist das Auge weit über Bonn hinweg, links bieten ihm von dezenter Alarmanlagen-Technik gezierte Mauern Einhalt, dahinter verstecken sich Häuser wie Villen und Gärten wie Parks.

Gegenüber vom Gotteshaus steht ein Auto mit Kölner Kennzeichen im Baumschatten. Die Fahrertür ist offen, im Radio singt Cindy Lauper "Girls just wanna have fun". Die Melodie hüpft hinaus aus dem Auto, füllt die Stille, dringt bis zu den 28 Stufen, die im Vorderteil des Gotteshauses hinter einem Gitterschloss emporsteigen. Die Heilige Stiege, Nachbildung der Treppe, die Jesus Christus zu seiner Verurteilung im Palast des Pontius Pilatus emporsteigen musste.

Von Balthasar Neumann, dem Barockbaumeister, ist auf den Infotafeln am Fuße der Scala Sancta die Rede, vor allem aber von Macht und Machtmissbrauch: "Jesus Christus", steht da, "hat den Missbrauch der Macht und der Ämter gesühnt." Und dass das Betreten der Heiligen Stiege, das Hinaufgehen Stufe für Stufe, Gedanke für Gedanke, insbesondere Führungskräften die Muße geben soll, über ihre Verantwortung und ihr Verhalten zu reflektieren.

Wie modern! Wie zeitgemäß! Wie überraschend: Die Kreuzbergkirche und ihre Umgebung schaffen, allein durch Bauwerk, Schrift, Symbolik und Geografie den Brückenschlag von Religion zu Realität. Das Weltliche und das Geistliche, Leben und Glaube, Geld und Gefühl, das Abgehobene und das Bodenständige - vieles trifft sich hier.

Und auch die ganze Welt. Verschiedenste Bruderschaften vom bayerischen Orden der Serviten über die Jesuiten zu den Franziskanern haben hier gelebt, gelehrt, gelernt. Jetzt sind es Mitglieder der Schönstattbewegung, die hier ihre geistige Arbeit tun. Zusammen mit den Sisters of Charity, einer indischen Schwesternschaft, geben sie Studenten aus aller Welt im Kreuzbergzentrum die Möglichkeit, die deutsche Sprache zu lernen und sich weiterzubilden.

Aus dem Anbau, in dem das Zentrum untergebracht ist, kommt mit kleinen flinken Schritten eine Frau. Sie ist 58 Jahre alt. Wenn sie spricht, flattern ihre Hände wie Vögel durch die Luft. Schwester Infanta hat sie ihr Orden genannt. Infanta, Prinzessin. Sie kommt aus Kerala im Süden Indiens, kennt die Straßen von Mumbai, wo Arm und Reich, Krank und Gesund, Bunt und Grau, Fröhlich und Grausam von mehr als 18 Millionen Menschen immer und überall durcheinandergewirbelt werden.

Und sie kommt aus Beuel, vom Krankenhaus, wo sie 15 Jahre gearbeitet hat. Da gab es einmal eine alte Patientin, "die klingelte unaufhörlich eine Kollegin herbei, wegen nichts". Als Infanta auf dieser Station Dienst tat, war die Frau immer noch da. "Ich bin an meinem ersten Morgen zu ihr hin, da war sie gerade wach geworden. Habe ihr Bett aufgeschüttelt, ihr Frühstück gebracht und dann habe ich ihr Gesicht genommen und sie auf die Stirn geküsst."

Eine halbe Stunde später klingelte es im Schwesternzimmer. Infanta ging zu der alten Dame hin. "Sie saß aufrecht im Bett und sagte: 'Ich wollte mich bedanken. Für den Kuss. Ich bin schon sehr lange nicht mehr geküsst worden.' Und sie hat nicht mehr ständig geklingelt. Es war gut."

Schwester Infanta weiß sehr viel über die Kreuzbergkirche. Während eine Meise nach einigem Umherirren in einer Nische in der Kuppel Halt findet, läuft sie durch das Kirchenschiff und reist in die Vergangenheit: zu dem gläubigen Mann, der im späten Mittelalter ein Steinkreuz auf dem Hügel aufstellte. Messen wurden gefeiert und das Kreuz verehrt. 1429 kamen mehr als 50 000 Pilger dort zusammen.

Wohlhabende Bonner ließen eine kleine Kapelle errichten. Im 17. Jahrhundert zerfiel sie, und gerade da wurde ein Gotteshaus gebraucht: "Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges", erzählt Schwester Infanta, "und in Bonn wütete die Pest." Auf Betreiben des Kölner Kurfürsten Ferdinand entstand die Kirche.

Die Bruderschaft von den Sieben Schmerzen Mariens, das waren Bonner, die sich ohne Priesteramt einfach mit Maria und dem Kreuzberg verbunden fühlten. Sie erhielten 1633 vom Kurfürsten das Errichtungsdokument der Kirche, die nun offiziell Wallfahrtsort war. Zehn Jahre später zogen Servitenmönche in den Anbau. Und mehr als hundert Jahre später gab Kurfürst Clemens August bei Baumeister Balthasar Neumann schließlich die Heilige Stiege in Auftrag.

Der Kurfürst förderte die Ausstattung der kleinen feinen Kirche sehr. Und er hatte in ihr sein ganz eigenes Reich: Oben hinter dem Altar glänzt matt die Fensterscheibe, durch die die kurfürstliche Familie auf das zu den Messen versammelte Volk blickte. Man gab fürs Volk, aber man war nicht das Volk: Der Kurfürst hatte dort, in dem kleinen Raum, seine eigene, samten gepolsterte Gebetsbank.

Und er sah, was sonst keiner sah: das ins Holz geschnitzte, lange, herrliche Haar der heiligen Helena. Schwester Infanta strahlt übers ganze Gesicht, als sie von Augustens Fensterplatz aus auf die Rückseite der Statue blickt: "Das ist wunderschön, nicht wahr?"

Wenn man möchte, kann man in der Kreuzbergkirche mindestens einen Tag nur damit verbringen, besondere Bilder zu gucken. Das beginnt mit den zwei Schein-Uhren - die erste am Haus der Heiligen Stiege zeigt die Stunde der Verurteilung Christi an, siebzehn Minuten vor zwölf, die zweite im Inneren der Kirche die Todesstunde Christi, 15 Uhr. Dann das Bild vom heiligen Rochus, dem ein Hund einen Laib Brot gibt.

Es gibt unendlich viele Engel, und sie alle sehen nicht göttlich-abstrakt aus, sondern natürlich wie kleine Kinder. Es gibt bavarische Muster in Deckenfresken, die an die Serviten erinnern, Freimaurersymbole, Ritterinsignien. Was es auch gibt, immer: Zeit, von Mensch zu Mensch.

Der Ort zieht an, besonders, wenn er still ist, wenn nicht Messe ist. Wenn Schwester Infanta sie kommen sieht, dann geht sie in die Kirche hinein, setzt sich ganz hinten auf eine Bank und wartet. "Sie sitzen dort, und dann seufzen sie. Und dann gehe ich hin, berühre sie an der Schulter und frage: Wie geht es Ihnen?"

Schon viele haben der 58-jährigen Schwester aus Indien ihre Geschichten erzählt. Mal ging es um den Sohn, der in der Schule gemobbt wird, mal um die Mutter, die schwer krank ist.

Und einmal ging es um das Loswerden an sich: "Da kam Herr Martin", sagt Schwester Infanta. "Er war vielleicht 30 Jahre alt und hatte überall auf seiner Haut Tätowierungen. 'Ich will mit jemand reden!', hat er gesagt. Ich hatte ein bisschen Angst und sagte: 'Setzen Sie sich dort hin, ich setze mich Ihnen gegenüber.'"

Und dann hat Herr Martin geredet. "Eine Stunde lang. Ich habe nur zugehört. Dann, als er alles gesagt hatte, war er ganz still. Dann hat er sich bedankt, dass ich zugehört habe. Und ist gegangen."

Kreuzbergkirche Bonn, Stationsweg 21, geöffnet täglich 9 bis 18 Uhr, im Winter 9 bis 17 Uhr; Infos: www.kreuzberg-bonn.de