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GA-Serie: Rheinland für Entdecker: Eine Entdeckungsreise in die Kaiserstadt Aachen

GA-Serie: Rheinland für Entdecker : Eine Entdeckungsreise in die Kaiserstadt Aachen

Thermen und Printen sind weit über die Stadtgrenzen bekannt. Es gibt aber mehr zu entdecken. Die Stadt am Dreiländereck mit den Niederlanden und Belgien ist eine Reise wert und vom Rheinland schnell zu erreichen.

Aachen kennt man aus dem Geschichtsbuch oder aus den Nachrichten. Das Image der knapp 250 000 Einwohner zählenden westlichsten Großstadt prägen der Dom, der Karlspreis, der Orden wider den tierischen Ernst, das Reitturnier, die Hochschule (RWTH) und Ex-Bundesligist Alemannia. Karl dem Großen begegnet man noch heute auf Schritt und Tritt. Da, wo im Altstadtpflaster eine Messing-Marke mit seinem Signum (K-R-L-S) eingelassen ist, muss man stehenbleiben und gucken, was auf das Erbe des mächtigen Kaisers verweist. Dem war Aachen seine liebste Pfalz, weil er gerne in den Ardennen- und Eifel-Wäldern jagte. Sicher auch wegen der heißen Quellen, die in Mitteleuropa einzigartig sind. Nach blutiger Schlacht, wenn Karl seine drückende Rüstung ablegte, badete er im Aachener Wasser und machte dabei Politik.

Am besten zieht man mit einem Ureinwohner durchs "Städtchen". So nennen die "Oecher" die für sie schönste Metropole im Herzen Europas. Der Oecher verkleinert die Dinge und "mullt" drauf los. "Mens agitat molem" schrieb Vergil einst als Bonmot auf. Dieses "Der Geist bewegt die Materie" übersetzt ein Aachener mit "Der Mensch agiert met de Mull".

Unser Stadtführer, der das weiß, ist einer von den Gebildeten, dem Dom besonders verbunden und der Mundart, für deren Pflege er sich engagiert. Mit Kaiser Karl hat Manfred Birmans etwas gemein: Er badete als Kind im Thermalwasser, denn in armen Nachkriegszeiten hatten die Aachener nichts anderes. Baden wie Kaiser Karl sollte man unbedingt in Bad Aachen. Wenn es auch nur noch zwei Hallen gibt: die Carolus Thermen und das Burtscheider Schwertbad. Die Carolus Thermen (drei Becken, davon zwei open air) sind meist überfüllt. Daher sollte man um 9 Uhr unter den Ersten sein. Am nach faulen Eiern riechenden Wasser kann man kosten, obwohl es nicht mehr als Trinkwasser ausgewiesen wird. In der Rotunde des Elisenbrunnens und am Burtscheider Markt ist das möglich.

Kirchen und Häuser

An Karls Marienkirche sollte ein Aachen-Tag beginnen, am kleinen Münsterplatz. Die Steinmuster um das Oktogon herum zeigen, dass die Krönungskirche in verschiedenen Epochen erweitert wurde. Den Dom flankiert eine Gasse, das Spitzgässchen, auch Zuckergässchen genannt. Solche Gassen sind typisch für die Innenstadt. Birmans spricht vom nachgebauten Mittelalter, alles ist verhuckt (schief angelegt). Nur der Katschhof erstreckt sich rechteckig zwischen Dom und Rathaus. Im Spitzgässchen kaufen seit 1896 Kinder ihre Klümpchen (Bonbons). An diesem Platz steht die schmalste Fassade Aachens, das Haus Nr. 20, "Blijstef" (Bleistift) genannt. Diese Gebäude mit Blick auf den Dom wurden reichlich mit Balkonen ausgestattet. Die Bürger des 800 Jahre alten Wallfahrtsortes haben früher sogar ihre Dächer abgedeckt, um mehr Pilger ins Haus zu bekommen.

Birmans zeigt auf Unbekanntes an der bekannten Kirche: An der Seite zum Münsterplatz hängt hoch oben eine gotische Sonnenuhr. Links davon steht eine Grabplatte, doch Kaiser Karls Grab wurde bis heute nicht gefunden. Paradies nennt man den Vorhof zum Dom. Vielfältig lässt sich der Begriff ableiten - vom architektonischen Vorhof bis zum ideellen Vorhimmel. Das Paradies ist jedenfalls Friedensbereich, bietet jedem Asyl. Um die Ecke, auf dem Fischmarkt, steht das Fischpüddelchen. Für das Gesicht des nackten Jungen stand ein heute betagter Politiker Modell. Manchmal kommt er noch nach Aachen, um sich selbst anzuschauen. Das erzählt mein Stadtführer, nur der Name fällt ihm nicht ein. Am Eingangstor zum Paradies fallen im Mauerwerk Rillen auf: die Fischhändlerinnen sollen hier früher ihre Messer gewetzt haben. Am Eingangsportal des Domes prallt Wahrheit auf Dichtung. Der Teufel hat ja zwecks Finanzierung der Baukosten einen Pakt mit den Aachenern geschlossen und am Ende doch verloren. Die Dombausage schmückt dies alles aus. Den eingeklemmten Teufelsdaumen kann man im rechten Türknauf aufspüren, unten in der Tür den Riss sehen, den Luzifer durchs wütende Zuschlagen des Portals verschuldet hat. (Themenführungen bietet das Domkapitel an). Das größte Erlebnis dürfte ein Hochamt sein, weil man das Gotteshaus in seiner die Sinne überflutenden Wucht erlebt.

Geschmacksexplosion mit Printen

Wer jetzt schon Stärkung braucht, den zieht es zum nächsten, noch ungekürten Welterbe, der Aachener Printe. Bald 200 Jahre ist sie alt, ein platt geformter Lebkuchen, hart oder weich, nussig, nackt oder schokoladig. Der Aachener schnützt gerne. Nach Birmans geht das so: Man lege sich ein Stück Bruchprinte mit dunkler Schokolade und Haselnüssen auf die Zunge, nehme einen Schluck Espresso dazu und behalte die Mischung einen Moment im Mund. Diese Kombination löst ein Glücksgefühl aus, das der Germanist gerne mit dem Bäcker vom Münsterplatz teilt. Michael Nobis sagt, die Qualität der Printen hängt von der Qualität der Zutaten ab. Er isst am liebsten Kräuterprinten, backt den seit dem 15. Jahrhundert beurkundeten Poschweck (Süßbrot) und die zweierlei Reisfläden - das Original und die belgische Variante.

An jeder Ecke der Studentenstadt verführen hübsche Lokale zu einem Päuschen. Dabei muss man auf der Hut sein, nicht im "Strässchen" zu landen, das hinter dem Bahkauv (Bachkalb-Skulptur) am Fuße des Büchels beginnt. Die Pontstraße führt vom Markt aus zum Ponttor. Auf dieser belebten Piste liegt das Internationale Zeitungsmuseum - übersichtlich und sehenswert. Eine Kneipe reiht sich an die nächste, sogar ein Rinnsal wird überquert, dabei hat Aachen die Bäche in den Untergrund verbannt.

Allein die Brunnen-Kultur lebt. Die Touristen finden das schön. Wer dem Wasser intensiv nachspüren will, sollte einen Ausflug nach Seffent machen, nur fünf Kilometer vom Zentrum entfernt erstreckt sich ein Traum in der Nähe des Dreiländerecks.

Das architektonisch coolste Uniklinikum Deutschlands (Pauwelsstraße) ist eine Landmarke. Seit einigen Jahren schwillt neben dem Karlsgarten (Gut Melaten) der gigantische Campus Melaten an, mit dem sich Aachen als Technologie- und Wissenschaftsregion profiliert. Wer im hügeligen Gelände wandert oder Fahrrad fährt, ist schnell in Holland und bald danach in Belgien. Natur pur und weite Blicke genießt man. Versteckt liegt sie da, eine Lieblingsstelle, die Sieben Quellen (Schurzelter Straße 213) heißt und hinter dem gleichnamigen Ausflugsrestaurant sprudelt. Ein Glücksort. So still - nur Vogelgesang. So klar, dass Brunnenkresse im Wasser gedeiht. Abseits vom städtischen Trubel ist Seffent eine Zone, in der sich alles vereint, was Aachen ausmacht: Geschichte mit Wissenschaft und Natur. Vergangenheit mit Zukunft. Eine Umarmung in sattem Grün.