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Freilichtmuseum Kommern: Eine Reise in die Geschichte des Rheinlands

Geschichte des Rheinlands : Ein Besuch im Freilichtmuseum Kommern

Das Freilichtmuseum Kommern in der Voreifel zählt zu den größten Anlagen seiner Art in Europa. Auf 105 Hektar wird die Geschichte des Rheinlandes lebendig. Ein Besuch.

Ein Geruch kann auf magische Weise tiefste Erinnerungen wecken. Erde und Stein, Holz und Stroh, Ruß und Wasser. Willkommen im Freilichtmuseum Kommern. Eine Wanderung in die Vergangenheit. Das vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) betriebene Areal auf dem Kahlenbusch, einem Höhenrücken der Voreifel, hat nach der Zwangspause wieder für seine Besucher geöffnet. Es ist mit einer Gesamtfläche von 105 Hektar, von denen 65 Hektar für die Besucher zugänglich sind, eines der größten Freilichtmuseen in Europa. Jährlich kommen rund 250 000 Besucher.

Der Autor dieser Zeilen hat das einmalige Gelände mit den verschiedenen Baugruppen seit seiner Kindheit ungezählte Male besucht – irgendwann setzte zwar eine Auszeit ein, aber seit der eigene Nachwuchs auf der Welt ist, geht es wieder jedes Jahr nach Kommern. Beim jüngsten Besuch steht erstmals eine Warteschlange auf dem Serpentinenweg zum Eingangsgebäude, und Corona-Piktogramme klären schon ab den Parkplätzen über die Hygiene-Regeln auf. Doch nach zehn Minuten ist es geschafft, und ich gehe den leichten Anstieg auf die erste Baugruppe „Westerwald/Mittelrhein“ zu.

Vom 16. März bis zum 5. Mai war das Gelände komplett geschlossen. Der große Lockdown. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, berichtet Museumsdirektor Josef Mangold im GA-Gespräch. „Wir konnten die Handwerker, knapp 30 Mitarbeiter, natürlich nicht ins Home Office schicken. Mit ihnen haben wir draußen im Gelände Arbeiten durchgeführt, die wir ansonsten in dieser Schnelligkeit wohl nicht geschafft hätten – zum Beispiel an der Mühle aus Spiel. Die war seit drei, vier Jahren ein Sorgenkind, aber jetzt haben wir sie so gut wie fertiggestellt.“ Von den insgesamt 78 Häusern – das älteste stammt aus der Zeit um 1450, das jüngste datiert 1991 – sind zurzeit bloß zwölf für die Besucher zugänglich. „Nur jene Häuser sind offen, in denen ein Einbahnsystem möglich ist“, erklärt Mangold. „Das geht in den meisten historischen Häusern nicht.“

Eigene Schweine- und Rinderzucht

Neugieriger Blick aus dem  Stall: Die Westdeutsche Edelziege lebt mit anderen Tieren im Freilichtmuseum Kommern – und freut sich über Besucher. Foto: Gerhards

Was stets auffällt, ist das überaus freundliche Personal an allen Stationen. Das fängt an der Museumskasse an und setzt sich fort beim Service auf der Gartenterrasse der „Gastwirtschaft Zur Post“ im alten Hof aus Oberbreisig. Dort sorgen Kartoffel-Gemüseauflauf und ein frisch gezapftes Bergisches Landbier für Stärkung. Hühner laufen emsig zwischen den Tischen umher. Rund 300 Tiere, darunter auch Katzen, Gänse und Ziegen, leben auf dem Gelände des Freilichtmuseums. Es gibt sogar eine eigene Schweine- und Rinderzucht.

Von der Baugruppe „Westerwald/Mittelrhein“, zu der auch ein Kelterhaus aus Oberdollendorf gehört, geht es weiter zum Museumsplatz. Dort sind derzeit zwei Sonderausstellungen zu sehen . In einer Halle gegenüber ist die Dauerausstellung „Wir Rheinländer“ untergebracht, die 2006 eingeweiht worden und schon alleine die Reise nach Kommern wert ist: pure Gänsehaut. So realistisch, so stimmungsvoll und so ergreifend ist dieser Rundgang durch die Kleinstadt Rhenania gestaltet. Auf einer schummrig beleuchteten Gasse mit Kopfsteinpflaster und Laternen zieht der Besucher an individuellen Häusern vorbei. In deren Räumen stellen aufwändig gefertigte und kostümierte Wachsfiguren Alltagsszenen von der Zeit der napoleonischen Besatzung (spätes 18. Jahrhundert) bis zu den frühen Wirtschaftswunderjahren (Mitte 20. Jahrhundert) nach.

Gaststätte aus Eschweiler auf dem Marktplatz

Eine Wäscherin. Foto: Gerhards,Hans-Theo

Der Besucher linst durch die Fenster der Häuser hinein, entdeckt eine berauschende Fülle an Requisiten und wird über kleine Textbildschirme informiert. Und immer wieder meint man, im nächsten Moment würde sich die gramgebeugte Magd, der unwirsche Soldat oder der feiste Notar plötzlich zu einem umdrehen.

Dann geht es weiter zum Marktplatz Rheinland, der mit seinen neun Bauten die jüngste Regionalgeschichte spiegelt. Dazu zählt die Gaststätte Watteler aus Eschweiler über Feld, die seit 1931 von der Familie Watteler betrieben und 2010 in das Freilichtmuseum Kommern versetzt wurde. Kneipengemütlichkeit einer vergangenen Epoche, mit Monarch-Spielautomat, Sparkästchen, Stammtischwimpel und Karnevalsorden.

Leider darf die Gartenwirtschaft Zur schönen Aussicht, gleich hinter der Gaststätte gelegen, noch nicht öffnen. Dafür ist das Quelle-Fertighaus aus Pulheim von 1965 zugänglich und verschafft nostalgische Einblicke in die Küchenzeile mit Pril-Blumen, das Wohnzimmer mit Musik-Kommode und das Badezimmer mit gurkengrünen Fliesen.

Tankstelle mit Pilzdach gesucht

„Der Marktplatz Rheinland ist eine wichtige Ergänzung“, sagt Josef Mangold, seit 2007 Direktor des Museums. „Nicht nur, weil wir damit eine neue Zielgruppe erreichen. Wir sind noch in der Lage, für diese Baugruppe Gebäude und Gegenstände zu sammeln, die wir in zehn bis 20 Jahren nicht mehr bekommen werden. Schon jetzt laufen wir oft den Dingen hinterher – ich suche immer noch eine schöne Tankstelle mit Pilzdach aus den 50er Jahren.“

Sägemühle aus Niederweis Foto: Gerhards;Hans-Theo/LVR

Bei Sonnenschein und leichtem Wind ziehe ich weiter zur Baugruppe „Bergisches Land“, mit dem angenehm verwitterten Mannesmann-Haus aus Bliedinghausen. Leider blühen die Rhododendren dahinter nicht mehr, aber ein Abstecher zum kleinen Gartenhaus aus Lennep darf nicht fehlen. Vorbei an der Kappenwindmühle aus Cantrup zur nächsten Baugruppe „Niederrhein“. Mittendrin der Speicher aus Lürrip, umgeben von einem sumpfigen Wassergraben.

Handwerksvorführungen gehören zum Konzept

„Wir haben hier keinen englischen Rasen“, sagt Mangold. „Es muss gelebt und belebt sein, nicht kaputt, aber der Zahn der Zeit muss zu erkennen sein. Das ist wie bei Oldtimern: Wenn die super restauriert sind und nur noch glänzen, wirken sie langweilig.“

Zum Konzept gehören auch Handwerksvorführungen von Schmied oder Stellmacher sowie Akteure der „Gespielten Geschichte“, die sich wie Relikte aus vergangenen Zeiten in entsprechender Gewandung zwischen den historischen Häusern bewegen. „Es handelt sich nicht um Living History, gegen diesen Begriff wehren wir uns“, erklärt Mangold. „Bei uns ist es eine besondere Geschichtsvermittlung. Die Akteure spielen in der ersten Person eine Rolle, zum Beispiel die der Mausefallenkrämerin; sie geht dann aber auch immer wieder aus ihrer Rolle heraus und erklärt diese“, sagt Mangold. „Und an dem Punkt entsteht Kommunikation mit den Besuchern. Es ist entscheidend, dass die Leute miteinander reden.“