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Busch, Beton, Klinik und Fluss: Mit drei verschiedenen Bonner Bussen bis zu den Endhaltestellen

Busch, Beton, Klinik und Fluss : Mit drei verschiedenen Bonner Bussen bis zu den Endhaltestellen

Sie ist grau, sie ist dick und vor allem ist sie riesig - die Ratte, die mir in Tannenbusch entgegenkommt. Schwerfällig setzt sie eine Pfote vor die andere auf dem regennassen Asphalt. Hier ist also eins der wilden Bonner Enden, die ich heute besuchen will: Von der "Agnetendorfer Straße" in Tannenbusch über "Nervenklinik" am Venusberg bis "Mondorfer Fähre" in Graurheindorf.

Startpunkt für meine Aktion Endstation ist die Bonner Innenstadt. Ausgestattet mit einem Fahrplan lasse ich mich auf den hintersten Sitz des Busses Nr. 601 fallen.

Die 601 folgt einer lila Linie, die sich auf der linken Bonner Rheinseite vom Süden in den Norden schlängelt. Meine Mitfahrer: eine junge Frau auf High Heels und ein Mann, der mich an meinen früheren Biolehrer erinnert. Wir fahren vorbei an aufwändig restaurierten Gründerzeitbauten, am Drei-Sterne-Hotel "Consul", an einer Ballett-Boutique, in deren Schaufenster Figuren in puderfarbenen Tütüs stehen.

Bald werden die Dächer flacher, es drängeln sich die Reihenhäuser. Die junge Frau und der Pädagogen-Doppelgänger verlassen mich, letzterer an der Haltestelle "Pädagogische Hochschule". Stattdessen steigen ein paar ältere Damen, ein paar mittelalte und junge Mädchen mit Kinderwagen und Einkauftrolleys ein.

Draußen geht modisch der Trend vom Business- hin zum Trainingsanzug. Hinter dem Fenster türmen sich jetzt Betonkolosse, die an die Pyramiden der Maya oder an Wohnentwürfe von Science-Fiction-Phantasten erinnern. Kinder versuchen von Mülltonnen aus, die Blüten der Kastanienbäume mit Stöcken abzuschlagen. Ich erfinde auch ein Spiel: verlassene Einkaufswagen zählen. Drei Stück allein auf dem Hinweg.

"Nächster Halt Agnetendorfer Straße", sagt die Frauenstimme aus den Lautsprechern. Etwas benommen stolpere ich ins Freie - knapp eine Stunde hat mich der Bus durch die Stadt geschaukelt. Im schlesischen Agnetendorf ist doch Gerhart Hauptmann gestorben, erinnere ich mich plötzlich vage. Vor mir eine Gruppe Rentner mit Gehhilfen. Ihr Ziel: ein riesiger Hit-Markt.

Ich gehe lieber in die Reihenhaus-Siedlung, die vor den Plattenbauten liegt. Links von mir dröhnen die Autos, über mir singen die Vögel gegen den Lärm an. Es riecht nach Benzin, nach Regen, nach blühenden Pflanzen. Busch und Beton - in Tannenbusch messen sie ihre Kräfte. Grünes sprießt hier aus allen Ritzen. Menschen sind kaum unterwegs, dafür die Ratte, die mich intensiv mustert. Dann macht sie sich davon, ein paar Regentropfen glitzern in ihrem Fell. Auch ich mache mich auf den Weg.

Im Café "Ritazza" im Neurozentrum des Uniklinikums Bonn ist es hell und warm. Unter den Duft von frisch gebrühtem Kaffee mischt sich ein feiner Geruch nach Desinfektionsmittel. Im Neurozentrum sitzen die Neurochirurgie, die Epileptologie und die Psychiatrie. Hierhin bin ich einer Frau gefolgt, die im Bus Nummer 630 unablässig Sonnenblumenkerne geknackt hat und dann im Eingang zur Psychiatrie-Ambulanz verschwand. Links von mir unterhält sich eine Ärztin mit einer Frau über Strahlentherapie, rechts versucht ein junges Mädchen, unter den aufmerksamen Blicken ihrer Eltern einen Salat hinunterzuwürgen. Ein anderes Mädchen streicht ihr dabei über den Rücken. Meine kalten Finger umschließen den heißen Pappbecher. Draußen regnet es in Strömen und er ist gut, der Kaffee in der Nervenklinik.

Wer an der "Nervenklinik" am Venusberg aussteigt, landet in einem Paralleluniversum: Klinik reiht sich an Klinik, aber es gibt auch Wohnheime, Cafés, Kindergärten und einen Friseur. Ein bisschen wie in einer Ferienanlage, wäre da nicht überall der leichte Krankenhausgeruch.

Gegenüber dem Neurozentrum (Schwerpunkt Hirntumore) befindet sich ein modernes Gebäude mit dem Namen "Life & Brain Casino". Ich denke: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Das Krankenhaus-Personal isst dort zu Mittag und auch sonst darf jeder, dann aber teurer.

Als ich den Bus 605 an der Haltestelle "Mondorfer Fähre" verlasse, legt sie gerade ab. Mit ihr sonnenbebrillte Fahrradfahrer, silberhaarige Rentner und Familienausflügler. Nichts für mich, mir wird bereits am Flussufer mulmig. Stattdessen beobachte ich Menschen beim Füttern der Schwäne, Enten und Gänse, die sich am Ufer tummeln.

Mittlerweile ist auch die Sonne herausgekommen, schön ist es hier. Richtig ferien-idyllisch. Plötzlich klatscht etwas auf meine Schulter. Es ist schleimig, alles spricht für eine Gans. So endet meine Reise an die Enden von Bonn unerwartet schmutzig.

Von Köln nach Bonn: Studenten der Kölner Journalistenschule sind für den General-Anzeiger in Bonn und der Region unterwegs. In lockerer Folge stellen wir ihre Sommer-Reportagen vor.