"Gott nicht wissbar, nur glaubbar"

"Gott nicht wissbar, nur glaubbar"

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Wenn ein Philosoph meint, sich historisch beziehungsweise kirchengeschichtlich kompetent äußern zu müssen, ist das riskant und kann daneben gehen. So bei Herrn Precht, dessen Sichtweise, das Christentum sei "eine der brutalsten Religionsgemeinschaften", während aus dem Islam "eine relativ tolerante Religion" geworden sei, nicht nachvollziehbar ist. Unterm Strich steht für ihn das "Christentum blutiger" da.

Man wüsste nämlich gern, auf welchen historisch gesicherten Opferstatistiken und Texten Prechts Resümee basiert. Das neue Testament ermahnt seine Leser zur Feindesliebe und hält ihnen den mit den Juden verfeindeten Samariter als Vorbild für Barmherzigkeit und Nächstenliebe vor. Die Einstellung zur Gewalt dokumentiert es in der Gewaltkonfrontation Jesu bei seiner Gefangennahme, indem er Petrus auffordert, sein Schwert in die Scheide zu stecken.

Dass es im Namen des Christentums unverantwortliche Gewaltanwendungen gegeben hat, ist unbestritten, jedoch lagen diesen nicht christliche Gesinnung, sondern vielmehr irdische Machtmotive zugrunde, die für sich das anmaßende Etikett göttlicher Autorisierung in Anspruch genommen hatten. Christliche Werte wie Freiheit, Toleranz und Nächstenliebe haben über zwei Jahrtausende menschliche und gesellschaftliche Entwicklungen weltweit human verändert und geprägt.

Hierzu gehören die Abschaffung der Sklaverei, der Kindesaussetzung und -opferung, der entwürdigenden Stellung der Frau, der Polygamie und der Todesstrafe, der Aufbau des Sozial- und Krankenhauswesens, die auf Fairness ausgerichtete Gestaltung der Rechtsordnungen, die sowohl auf die internationalen Menschenrechte wie die europäischen Rechtsordnungen bis heute prägenden Einfluss ausüben.

Die darauf fußende Attraktivität europäischer Gesellschaften wird derzeit durch die muslimische Fluchtwelle als Abstimmung mit den Füßen millionenfach bestätigt und damit zugleich die Abkehr von Unfreiheit, Intoleranz und Gewalt. Wir können nur hoffen, dass die muslimischen Flüchtlinge dieses Willkommen des christlichen Europa zu schätzen wissen.

An einer anderen Stelle seines Interviews offenbart Precht Widersprüchlichkeit; als er sich aus der Unwissenheit über die Existenz eines Gottes zum Agnostiker bekennt, übersieht er, dass Gott definitionsgemäß nie wissbar, sondern nur glaubbar sein kann. Alle rationalen Gottesbeweise in Philosophie und Theologie mussten aus diesem Grund scheitern.

Precht also wünscht sich einen Gott, über den es gesichertes Wissen gibt. Ein solches Gottesbild könnte nur den engen Begrenzungen der Rationalität entstammen, die aber auch für ihn die Welt nicht hinreichend erklären kann. Wie, muss er sich fragen lassen, bringt man diesen Widerspruch mit der "Liebe zur Weisheit" - so die Übersetzung des Begriffs Philosophie - überzeugend in Einklang?

Dr. Dietrich V. Wilke, Bonn